Die Poesie einer Stadt – Ralph Grünebergers Leipzig-Gedichte

rezensiert von Walter Neumann

Leipzig und die Literatur – das ist fast ein Synoym. Berühmte Dichter wohnten hier, so Paul Fleming, Goethe, oder Zeitgenossen wie Uwe Johnson. Doch niemand hat die Stadt derart zu einem Mittelpunkt der Dichtung werden lassen wie der 1951 hier geborene und hier lebende Lyriker und »Literaturorganisator« Ralph Grüneberger. Vor zwanzig Jahren hat er die »Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik« aus Tübingen nach Leipzig geholt und sie zu einem literarischen Glanzpunkt der Stadt gemacht, sichtbar zuletzt in dem von ihm anläßlich der Tausendjahrfeier der Stadt herausgegebenen Sammelband »O Freude – Leipzig im Gedicht«.

Nun hat er einen eigenen Lyrikband herausgebracht, der ausschließlich Gedichte über Leipzig und sein Leben in dieser Stadt enthält. Entstanden in den Jahren 1978 bis 2015 schildern sie sowohl das besondere Flair seiner Heimatstadt als auch nuancenreich die Entwicklungsstufen des Autors in dieser sich sowohl im Humanen wie im Politischen verändernden  Umgebung. Biographie und Urbanität ergänzen einander, Persönliches und Zeitgeschichtliches malen Bilder der sich ändernden Verhältnisse und Umgebungen, wie der Autor sie erlebt hat, und die gleichzeitig beispielhaft die persönlichen und politischen Zustände der Menschen in den wechselnden Zeitläuften wiederspiegeln.

So im frühen Gedicht »Geboren in die Zeit« aus dem Jahre 1978 oder im Titelgedicht »Mit Mick Jagger in Plagwitz«, das die zehn Jahre später herrschenden Verhältnisse vorführt und  die im Wandel der politischen wie privaten Umgebung sich verändernden Bewußtseinsstadien des Autors anspricht. Stets trifft man auf persönliche Perspektiven von Stadt- und Zeitgeschichte. Klingt im Poem »Goethe in Leipzig«, wo der »Studiosus juris … seine Gelegenheit sucht / Einzudrigen in die schöne Wissenschaft Frau« ein Ton spielerischer Leichtigkeit an, so wird in der vierteiligen Gedichtreihe »Wo ich zu Hause bin« mit Versen wie: »Ich bette den Kopf abends gen Osten / Vier Hauseingänge entfernt der / Hinrichtungsstätte der Staatssicherheit« persönliche zeitgeschichtliche Erfahrung summiert, die sich immer wieder durch die Gedichte rankt.

»Der Platz ist abgeriegelt« heißt es im Gedicht »Leipzig, 9. Oktober«»Menschen stehen im Fadenkreuz / Der Kameras«  Wird damit sofort ein Stück DDR-Geschichte wachgerufen, so liest man eine Seite davor, getrennt durch ein vom Künstler Heinz Müller gezeichnetes Straßenbild, ganz persönliche, völlig unpolitisch – ironische Zeilen über einen Besuch im Leipziger Gewandhaus. Und ein paar Seiten weiter, der Gegenwart entrückt, Verse mit der Überschrift »Lenin in Leipzig, unterwegs«,  die das Jahr 1908 anklingen lassen.

Thematische Vielfältigkeit ist eine Stärke Grünebergers. Sie zieht Jahrhunderte auseinanderliegende historische Ereignisse zusammen wie etwa in in den Versen »Der gepuderte Bach«, wo es nicht um ein durch die Natur fließendes Rinnsal, sondern um ein Bildnis des Thomaskantors Johann Sebastian Bach geht, das von seinem jüdischen Beitzer in der NS-Zeit für seine Flucht ins Ausland verkauft worden und nun nach Leipzig zurückgekehrt ist. An anderer Stelle wird ein Flohmarkt zu einem »Marché aux Puces« französisiert und sofort zum Spiegelbild einer Summe von Ereignissen. Da fährt »der norddeutsche Lloyd eben ab«, ein »blauer Polizist« wird zu einem »Held der sozialistischen Arbeit«, ein »Gips-Goethe« sieht »über sie hinweg«. Die beobachtete Wirklichkeit wird zu einem Brunnen der Phantasie ohne die Realität zu verfälschen oder aus den Augen zu verlieren.

Betrachtungs- und Wortvielfalt spricht aus Gedichten wie dem mehrteiligen Poem »Broadway«, das beginnt: »Kaum mehr als ein Haar in der Suppe / Des Stadtplans, diese Straße« und mit »Antennen der Hörpolizei« wieder zeitgeschichtlich endet.

Die Gegenwart dann gebiert eine andere Art von Problemen. Im Gedicht »Straße im Leipziger Osten IV« aus dem Jahr 2015 liest man: »Zwei Gangs, Stadtgäste, heimatvertriebene / Iraker und Syrer, fielen / Über einander her … Blut wollte man sehen … Danach wurde metallen der Abend / Der im Blaulicht erlosch.«

Wirklichkeit, in Sprache verwandelt – das sind die Gedichte von Ralph Grüneberger, aktuell wie jene, die von Dichtern geschrieben wurden, die in früheren
Zeiten in Leipzig gelebt haben. Sie setzen die dichterische Tradition seiner Heimatstadt fort, sind ein glänzendes Beispiel der in tausend Jahren gewachsenen Leipziger Kultur


mit-mick-jagger-in-plagwitzRalph Grüneberger
Mit Mick Jagger in Plagwitz

Leipzig. Gedichte
Edition kunst& dichtung, Leipzig 2015
Softcover, 63 S.
€ 12,90 (D)

 

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