»Europas Dichter und der Erste Weltkrieg« von Geert Buelens

rezensiert von Paul-Henri Campbell

»Europas Dichter und der Erste Weltkrieg« von Geert BuelensGeert Buelens »Europas Dichter und der Erste Weltkrieg«

Die Kulturbürger Europas sollen sich glücklich schätzen: Von 2014 und 2019 dürfen sie fünf Jahre lang schwarz tragen, denn fast jeden Tag fällt einer ihrer Lieblingsdichter zum 100. Mal auf das erinnerungsgetränkte Feld der Ehre, fünf Jahre lang heiterschaurige Denkmäler der Grausamkeit.

Geert Buelens präsentiert den Kriegskontinent Europa im Strudel seiner Widersprüche zwischen kosmopolitischer Vermischung der Mentalitäten und dem infantilen Chauvinismus der Nationalisten, zwischen globalem Dorf und nationalistischer Kloake.

Diese Spannung ist in den Lyrikern der Zeit selbst schon angelegt: in ihren hybriden Biographien wie bei dem germanophilen Briten Ford Maddox Hueffer (später: Ford; 1873–1939) mit seinem deutschen Vater sowie Guillaume Apollinaire (1880–1918), der Sohn einer russisch-polnischen Mutter und eines italienischen Offiziers.

Über Apollinaire schreibt der Literaturwissenschaftler Buelens: »Assimilation und Nationalitätenprobleme zogen sich wie ein roter Faden durch seine journalistische Arbeit«. Auch die Mitglieder in Apollinaires Kreis tragen Namen wie ein Europaparlament: Da sind beispielsweise die spanischen Kubisten Pablo Picasso und Juan Gris, der bretonische Malerpoet Max Jacob, ein ominöser Schweizer Maler und Abenteurer aus dem Kanton Neuenburg namens Blaise Cendrars sowie der italienische Futurist (und Futuristenkritiker) Ardengo Soffici.

Geert Buelens zeigt ein Mäandern und Ringen um Identität auf einem Kontinent, auf dem – auf Ebene des Staates wie auf der Ebene des Individuums – die nationale Frage keineswegs mehr so eindeutig ausfiel wie (vielleicht) während anderer Epochen.

»Europas Dichter und der Erste Weltkrieg« (Suhrkamp Verlag, 2014) von Geert Buelens ist keine öde Kulturgeschichte, sondern eine rezeptionsästhetische Achterbahnfahrt. Ein paar Worte zu Geert Buelens. Der Literaturwissenschaftler und Dichter selbst ist 1971 im belgischen Duffel geboren und lehrt an der Universität Utrecht den Niederländern deren eigene Literatur.

Sein Leben hat Buelens auch nach Südafrika und in die USA geführt, sodass er das Minenfeld europäischer Expansion ebenso kennt wie ihren seltsamen Zwiespalt zwischen Freiheit und Beherrschung: »Ihr Söhne wisset, wenn Gott es tut / Dann fallen Ketten von unsrem Fuß. / Bevor die Mannschaft ihr erreicht, / Großvaters Traum zur Erfüllung reift: Glücklich erblüht, von dem Kampfblut furchtbar, / die freie Flur unserer Heimat«, zitiert Buelens den polnischen Dichter Edward Jerzy Żuławski (1874–1915) im Sommer 1914.

Normalerweise sind Literaturgeschichten ermüdend, voll von wissendem Ressentiment und schrecklich defätistisch; aber das Werk von Geert Buelens ist aufregend; es ist eine packende »Schule der Unmoral« (Henri Bergson). »Europas Dichter und der Erste Weltkrieg« ist bereits 2008 erschienen bei Ambo|Anthos, Amsterdam, was mehr nach einem Fußball-Club klingt als nach einem renommierten Verlagshaus. Pünktlich zum Jahrhundertjubel der Kriegseuphorie hat es Waltraud Hüsmert für den Suhrkamp Verlag in sehr stilvolle und lesbare deutsche Prosa übersetzt.

Und liest es sich angesichts der jüngsten Ereignisse in der Ukraine nicht wie eine unheimliche Replik auf Vorweggenommenes? Können wir nicht mit den Augen der Dichter nicht nur Erinnerungskultur betreiben, sondern auch Vorstellungs- und Imaginationskultur?

»Wir Kulturvölker, wir wissen jetzt, dass wir sterblich sind.«

Die Studie ist materialhaltig, aber nirgends pedantisch. Buelens erzählt anhand von Schicksalen und arbeitet an ihnen die Anatomie ihrer Zeitgeschichte heraus.

Das Drama kleiner Völker beispielsweise, deren Unabhängigkeitsbestrebungen zu einem immer labileren Gefüge an Abkommen und Forderungen führten, wird erzählt am Beispiel des lettischen Dichterpaars Aspazija (eigentlich Elza Rozenberga, 1865–1929) und Rainis (Jānis Pliekšāns, 1865–1929). Beide glauben, dass bei der Suche nach dem nationalen Bewusstsein »das Gedicht den Weg der Erlösung [weist], so wie der Stern im Morgenland.«

Dieser Glaube allerdings schleudert Rainis ins Gefängnis, sodass Buelens die Gelegenheit hat, uns die Geschichte der überstürzten Heirat dieser beiden Dichter in einer kleinen Gefängniskapelle zu erzählen; er erzählt vom schwarzen Kleid der Braut, die ihren Rainis für den lettischen Goethe hält (und tatsächlich wird er während der Haft den Faust übersetzen).

Ach, wie anrührend ist diese Geschichte von Buelens über die beiden Letten: Die Feministin Aspanzija wird ihren Geliebten in die russische Verbannung begleiten, »kehrte aber nach einer Weile aufgrund ihrer verzweifelten finanziellen Situation nach Riga zurück, wo sie wie besessen Gedichte, Theaterstücke, Erzählungen und Artikel schrieb. Ständig geriet sie in Konflikt mit der Zensur […]«.

Im Modus einer expressiven Krise erleben wir, dass der Prozess der Europäisierung der Völker und Staaten auf diesem Kontinent asynchron verläuft. Buelens präsentiert uns, wie einige Dichter – etwa die Alpenslawen – ihre Epen als ethnisch-nationale Phantasien hervorbringen, während Jules Verne und H. G. Wells im allegorischen Modus des Science Fiction Zukunftsvisionen jenseits aller Grenzen entwarfen.

Gleichwohl entwickelt der Literaturwissenschaftler Buelens ein anregendes Narrativ zur Situation der Großmächte während des heißen Sommers 1914. Auch hier ein Dichterpaar, nämlich die Russen Anna Achmatowa (1889–1966) und Nikolai Gumilijow (1886–1921).

Wir entdecken das Wechselspiel, darin die Dichter einerseits ein besonderes Sensorium für die Katastrophe, aber andererseits auch ahnungslose Verstärker der nationalen Blindheit sind: etwa in Achmatowas Gedicht »Juli 1914« (entstanden 20.07.1914), darin es apokalyptisch heißt: »Schreckenszeiten sind nahe, / Frische Gräber dicht an dicht. / Erwartet Hunger, erwartet Strafen / Und der Sterne verfinstertes Licht«, aber auch andererseits dann eschatologisch weiter: »Und doch wird er nicht sich zur Freud / Unsere Erde zerteilen, der Feind: / Gottesmutter zum Schutz uns breitet / Weiß ein Linnentuch über das Leid«.

Synopse der ungleichen Schauplätze

Es ist bemerkenswert, dass Geert Buelens eine Zusammenschau gelingt, die sonst immer nur in sprachspezifischen Literaturgeschichten notiert worden oder so global behandelt worden ist, dass das Produkt nichtssagend geriet. Geert Buelens wechselt virtuos zwischen vollkommen unterschiedlichen Kontexten hin und her, in Moskau, auf dem Balkan, in London, in Lausanne, in Ungarn, in Dublin, in der Toskana, in Berlin, in Tokio, in Wien, dem Commonwealth, auf Sizilien, in Ostgalizien, in Paris, im Vorarlberg – zwischen Sozialisten, Faschisten, Demokraten, Aristokraten, Militaristen und Terroristen, Industriellen, Bauern und Arbeitern, dem Schtetl und der Metropole.

Seine Dichter sind nicht einfach nur tragikomische Hurra-Dummköpfe und Naivlinge; sie sind nicht Rezeptionsschablonen irgendwo zwischen den Kulissen von Verdun und Grodenk, fliegend in Doppeldeckern, auf Minenschiffen, im Biwak oder keuchend im Giftgas.

Aber er versäumt dennoch nicht, uns die Dichtung des Ersten Weltkriegs in all ihrer poetischen Mystifizierung, ihrer romantischen Melancholie und ihrer desillusionierten Stimme, aber auch ihrem Moralismus und ihrer Propaganda nahezubringen. Auch ihren Zynismus lernen wir kennen: »Es [ist] zu Zeiten notwendig, Absatzgebiete in Schlachtfelder zu verwandeln, damit aus diesen wieder Absatzgebiete werden« (Karl Kraus, 1874–1936).

Anekdotische Räuberpistolen und Literatur als Bellizismus

Natürlich erwähnt Buelens den gesamten Bestand an WWI-Anekdoten: dass zum Beispiel der Attentäter von Sarajewo Gavrilo Princip (1894–1918) nicht nur Mitglied einer terroristischen Gruppe »Schwarze Hand« war, sondern auch ein dichtender Liebhaber von Oscar Wilde, Sir Walter Scott und Alexandre Dumas; oder dass nach einer Schätzung des in Berlin geborenen und in New York gestorbenen Lyrikers und Editors Julius Bab (1880–1955) im ersten Kriegsmonat täglich 50.000 Kriegsgedichte allein in Deutschland entstanden sein sollen.

Es gibt auch zahlreiche humorvolle Passagen, beispielsweise wenn es um die Futuristen geht: um etwa Marinetti, den Bildhauer Umberto Boccioni, den Soundpoet Luigi Russolo, Giovanni Papini, Biacomo Balla, Fortunato Depero u.v.a. Wir begegnen all ihrer motorisierten Hybris und ihrer elektrisierten Euphorie, doch dann, als es endlich losgeht, erklärt sich Italien für neutral – und sie bleiben außen vor. Oder: Sie werden als untauglich befunden und müssen sich im Heer einer fremden Nation schlagen, um überhaupt die Chance zu bekommen, das Frontgeschehen zu erleben.

Wir hören nach Form der Bergpredigt den kriegsbegeisterten Symbolisten D’Annunzio jubeln: »Selig, die Barmherzigen, denn sie werden ein glänzendes Blut wegzuwischen, einen strahlenden Schmerz zu verbinden haben! Selig, die reinen Herzens sind, selig, die mit den Siegen wiederkehren; denn sie werden das neue Antlitz Roms sehen, die wiederbekränzte Stirne Dantes, die triumphierende Schönheit Italiens.«

Wie sehr provinziell der Erste Weltkrieg aus heutiger Perspektive auch erscheinen mag, wie wenig auch seine Schauplätze uns an menschliche Größe erinnern wollen, so sehr ist doch dieses Buch über die Dichter des Krieges ein kosmopolitisches Kapitel in der Geschichtsschreibung der Poesie geworden. Buelens offeriert dem Leser eher anschauliches als reichhaltiges Material, sodass niemals ein erschöpfender Moment entsteht bei der Lektüre. Zugleich zeigt die gemessene Auswahl, die Buelens vorlegt, seine profunde Kenntnis des Feldes, denn es ist keineswegs leicht aus der überlieferten Fülle an literarischen Zeugnissen prägnante, exemplarische Schwerpunkte zu bilden, ohne entweder sich in Details zu verlieren oder von einer Pauschalisierung zur anderen zu stolpern.

Daher ist dieses Buch nicht nur ein tolles, unterhaltsames Werk der Wissenschaft, sondern auch ein Instrument der Erkenntnis – und unbedingt zu empfehlen.

Geert Buelens: »Europas Dichter und der Erste Weltkrieg«Europas Dichter und der Erste Weltkrieg
Geert Buelens
deutsch
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014
459 S.
€ 26.95 (Hardcover)

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Diese Rezensionen werden Ihnen von Paul-Henri Campbell präsentiert. Campbell ist 1982 in Boston (USA) geboren und schreibt Lyrik sowie Prosa in englischer und deutscher Sprache. Gedichtbände: »duktus operandi« (2010), »Space Race. Gedichte:Poems« (2012). Er ist ebenfalls Übersetzer und Mitherausgeber der internationalen Ausgabe der Lyrikzeitschrift DAS GEDICHT (»DAS GEDICHT chapbook. German Poetry Now«). Soeben erschienen ist »Am Ende der Zeilen | At the End of Days. Gedichte:Poetry«.

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