Fremdgehen, jung bleiben – Folge 1: Marc Richter

Junge Lyrik sieht sich selbst oft als eine Quelle der Innovation. Die Schnelllebigkeit der modernen Sprache, die Vielfalt der heutigen Gesellschaft mit all ihren frischen Einflüssen aus Ost, West, Süd und Nord verändern auch die Literatur tiefgreifend. Und so legt Leander Beil an jedem 8. des Monats den Fokus auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt. »Fremdgehen, jung bleiben« nimmt jeweils einen Text oder Textausschnitt unter die Lupe und spielt essayistisch mit diesem – ohne den Spielregeln einer starren Analyse zu folgen.

 

»Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.«
(J. W. von Goethe in Maximen und Reflexionen; II.; Nr. 23, 91)

Was liegt einem Lyriker näher, als zu Beginn eines Textes auf J. W. von Goethe zu verweisen? Und doch erscheint es einem jungen Autor – der sich selbstverständlich als »modern« begreifen will – gleichzeitig abwegig, ja, altmodisch, gerade den großen Meister der deutschen Poesie zu Rate zu ziehen. Denn man müsse ja den Eindruck erwecken, der fast schon wieder antiken deutschen Klassik längst entflohen zu sein.

So ist das eigene Verhältnis zum Fremden stets ein distanziertes und gleichzeitig intimes, wie auch aus obigem Zitat hervorgeht. Das Gedicht will zu einem Anderen und braucht dieses Andere, so formulierte es Paul Celan 1960 anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises. Kein Wunder also, dass man diese Begegnung sucht und dass das Divergente sich oftmals in einer Art dialogischer Form offenbart.

Der hier ausgewählte Text von Marc Richter stellt sich bereits im Titel »Der championsleague-sieger ist ein meister aus deutschland« in die Tradition Celans und spricht im dialogisierenden Monolog sein Gegenüber, München, auf seine Geschichte und seine Gegenwart an. Von den Wirtshäusern der Landeshauptstadt ausgehend – die lyrische Sprache nahezu unmöglich machen – verliert sich das Ich in den exotischen Idiomen der Innenstadt. Ein Spaziergang durch das fremde und gleichzeitig wohlbekannte München, ein Gang mit der Geschichte, die von Hitlers Putschversuch über die Feldherrnhalle bis in den ausgehöhlten Untergrund des U-Bahn-Systems und weiter führt.

Besonders in der Behandlung der NS-Motivik – wenn der Autor den Bürgerbräu, die Reden von damals wieder aufleben lässt im »gesprächigen« Plätschern der Isar – wird das hier thematisierte Verhältnis von Nähe und Fremde auch in seiner zeitlichen Dimension spürbar. Die Analogie zum Dritten Reich findet aber doch noch einen ersten Abschluss, wenn aus dem Gewässer nicht nur »rechte Hetze« ertönt, sondern mit »shanti shanti shanti« ein von T. S. Eliot für die Lyrik geprägtes Mantra des Friedens.

Und so verbindet auch der letzte Abschnitt des Texts buddhistische und NS-Symbolik: »und wahrscheinlich könnte man in jede stadt/ eine swastika laufen/ wenn man an den enden umkehrte/ zurück ins zentrum«. Dieser »Eliotsche« Spaziergang nähert sich damit seinem Ende. Dessen Gedicht »Sommer überfiel uns« schließt ab mit dem Eintreten des Winters und einer Flucht aus München. Marc Richters Text hingegen überträgt die jahreszeitliche Metaphorik auf das Leben und Sterben und findet somit das Grab als letzten Ort der Ruhe.

Ein Ausklang, der die in dieser Kolumne thematisierte Relation zwischen Anwesenheit und Abwesenheit bis zum Äußersten treibt: Man verabschiedet sich von dieser Welt und ist ihr doch absolut inhärent, kehrt zurück in das Fundament, in die Erde, auf der wir uns tagein tagaus bewegen.

der champions-league-sieger ist ein meister aus deutschland

münchen, deine wirtshäuser sind nicht gemacht für notizen
immer ein blatt im bierschaum und das stimm-
rauschen so laut, dass es mich in sich aufnimmt

jeder gesprächsfetzen in einer anderen sprache
münchen, du hast
in fremden zungen zu mir gesprochen
hier und dort im gewirr auf dem markt
und du hast mir gesagt
dass man die isar durchschauen kann
außerhalb der zeiten der schneeschmelze
aber die hohen wände, aber die mauern am ufer

überall liegen
verschüttete geschichten
in der drückebergergasse, in der blankpolierten
schnauze eines löwen davor und da vor der feldherrnhalle
sind schüsse gefallen
ein putschversuch macht fünf jahre in münchen
und nach einem halben wird hitler
wegen guter führung entlassen

münchen, manchmal denke ich gar nicht mehr nach
in den hohlräumen unter den kellern der stadt
und wer in dir, münchen, die schächte hinauffährt
den blendet hell wie der lichte tag
eine werbefassade
von osram

das ist mein münchen! nicht mehr zusteigen!
die türen schließen selbsttätig!
aber ich will nicht schlecht sprechen
von den arbeitern in den tunneln der stadt
im ausgehöhlten untergrund dieser stadt, die du bist

——-
münchen, eine so flache maschine
die den fönwind aus den bergen einfängt
der als heiße luft durch die münder der obrigen weht
und die spiegel in den boutiquen beschlägt

hier ist jedes dritte haus ein haus
der kunst
hier ist jede bewegung eine stehende welle
die geschichteten steine unter dem eisbach
nie sieht man so deutlich die wölbung
des untergründigen, das hinaus will in münchen

und unter den maulwurfshügeln im englischen garten
ein gigantomanisches skelett ihres königs
versteckt unter dem monopteros

vielleicht hat sich das hofbräuhaus aus dem keller gewölbt
und die reden von damals sind heute
das flüstern von wasser auf stein

vielleicht hat sich der bürgerbräukeller
aus der erde herausgewölbt und wächst
als hilton city münchen in den himmel
über herr elser … äh, ich meinte … der isar

und die flüssin sagt shanti shanti shanti Mantra des Friedens
——————-
alles ist so lose geworden, die erinnerung
und das begehren und so viel ist abgerissen worden
und anderes wurde nie gebaut in

münchen, dein stadtbild, stets in bewegung
und wahrscheinlich könnte man in jede stadt
eine swastika laufen
wenn man an den enden umkehrte
zurück ins zentrum

fünfundneunzig fuhr stoiber nach dachau
als erster bayrischer ministerpräsident
und legte vielleicht einen strauß nieder
neben all die mitsträuße und es hatte
ja kaum fünfzig jahre gedauert, dass jemand mal
von münchen nach dachau gefahren ist
an einem schönen samstagnachmittag im april
wenn die saison bald endet, aber unfair
darf man nicht sein, denn es hatte ja immerhin
zwanzig jahre lang gar keine gedenkstätte gegeben

april ist der grausamste monat, wusste schon eliot
und trank einen kaffee im hofgarten und unterhielt sich
mit echten deutschen

manchmal will ich in besserer gesellschaft
auf dem friedhof bogenhausen liegen und mich weigern
dich mit bronzenen intarsien zu verzieren

wenn all deine gehwege bronzen gepflastert wären
wer würde den rentnern gedenken, die hier leben müssen
an einem regentag und sowieso den boden ansehen
was wenn er zurücksähe, was wenn er zurücksähe

großhadern, oh deine hüftnägel
münchen, die menschen, münchen, die menschen
und manchmal denke ich
die sonne scheine als rune
vom weißblauen himmel

© Marc Richter, München

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Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil, geboren 18.08.1992 in München, lebt und studiert nach mehrjährigem Brasilienaufenthalt in München. Mitglied des Münchner Lyrik-Kollektivs »JuLy in der Stadt« (www.julyinderstadt.de). Erste Lyrikveröffentlichungen in »Drei Sandkörner wandern« (Deiningen, Verlag Steinmeier 2009), Versnetze 2/3 (hg. von Axel Kutsch, Weilerswist, Verlag Ralf Liebe 2009), NRhZ-Online (Literatur), »Die Hoffnung fährt schwarz« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Ois is easy« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Der deutsche Lyrikkalender 2012« (Boosstraat, Alhambra Publishing 2011), www.lyrikgarten.de (Online Anthologie des Anton G. Leitner Verlags), DAS GEDICHT Bd. 17, Bd. 18, Bd. 19, Bd. 22, Bd. 23 (Weßling, Anton G. Leitner Verlag), »Pausenpoesie« (Weißling, Anton G. Leitner Verlag 2015).
Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

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