Fremdgehen, jung bleiben – Folge 17: Verena Rabus

Junge Lyrik sieht sich selbst oft als eine Quelle der Innovation. Die Schnelllebigkeit der modernen Sprache, die Vielfalt der heutigen Gesellschaft mit all ihren frischen Einflüssen aus Ost, West, Süd und Nord verändern auch die Literatur tiefgreifend. Und so legt Leander Beil an jedem 8. des Monats den Fokus auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt. »Fremdgehen, jung bleiben« nimmt jeweils einen Text oder Textausschnitt unter die Lupe und spielt essayistisch mit diesem – ohne den Spielregeln einer starren Analyse zu folgen.

 

In jedem Popsong, in jedem Film, in jeder Textnachricht wird es täglich Millionen Mal gesungen, gesprochen, geschrieben. Und doch hat der selbsternannte Sprachkünstler Nummer eins, der zeitgenössische Dichter, oft so seine Probleme damit – mit dem Begriff der Liebe.

Ich drehe leise Whitney Houston auf und frage mich: Ist Liebe nicht nur ein Produkt von Kommunikation? Kein Gefühl, sondern eine spezifische Deutung von Empfindungen? Eine Deutung, die auf Büchern, Filmen, Musik und auch Lyrik basiert? Ich pausiere »I Will Always Love You«.

Der Blick fällt auf »Katzen im Mondschein« von Verena Rabus (geboren am 04.02.1989 in Straubing). Ein Text, der traumartig durch einen Abend im Mondlicht gleitet und sich doch gar nicht so sehr in Liebesharmonie versucht. Von Katzen über Toilettenpapier bis zum Coffe-to-go – Alltäglichkeit wird hier sehr unalltäglich aufgebrochen und hin- und hergewendet, bis sich das Ganze auflöst in der scheinbaren Bedeutungslosigkeit einer Pfütze.

Rabus reduziert die Liebe, das Verliebtsein, die Erotik bis auf die Partikelebene. Die Autorin reibt sich auf an dem Gegenspiel zwischen Fremdem, gar Ekelhaften (»Alles ist eklig, ich will weg«) und dem Vertrauten und Geliebten (»mich auf deiner Decke räkeln«). Fugenartig steigert sich die Sprache bis zum Höhepunkt, um sogleich wieder abzuflachen, abzutauchen im schönen Schlusssatz des Textes (»Bis es regnet/ Und wir anfangen / Uns in einer Pfütze aufzulösen«).

Ist es also dieses Antithetische, das Liebe auszumachen scheint? Da bleibt nur ein kurzes Schlusswort von Niklas Luhmann – »Systemtheoretiker« (erotischste aller Bezeichnungen) – der zum Thema einmal sagte, der Liebesbeweis an sich sei das Sicheinlassen auf das, was man in den Augen des anderen sei. Vielleicht auch mal eine sich räkelnde Katze im Mondschein …
Katzen im Mondschein

Schwere Katzen warten auf die Sonne
Räkeln sich im Mondschein
Wie du dich auf deiner Decke
Kleine Pfützen trinken gierig Regen
Als wären sie ambitionierte
Kinder der Ozeane
Du fehlst mir wie
Toilettenpapier auf dem Rastplatz
Alles ist eklig, ich will weg
Mich auflösen
Als Milchschaum
In einer Tasse Erinnerungen
Kaffee stinkt
Nach modrigen Gedanken
Einmal zum Mitnehmen, bitte
In den Urlaub
Im Flugzeug
Denkt es sich leichtfüßiger
Ohne Horizont
Lebt man gestresster
Leichte Katzen trinken aus den Pfützen
Als wären sie Wasserpumpen
Der Freiwilligen Feuerwehr
Auf dem Milchschaum
Meiner modrigen Gedanken
Zum Mitnehmen
Treibt eine Rolle Toilettenpapier
Ich verlängere den Urlaub
Auf dem Rastplatz
Verpasse das Flugzeug
Was interessiert mich der Horizont
Ich denke nicht an dich
Nicht an mich
Nicht an all das Eklige
Ich will hier bleiben
Im Mondschein
Und mich auf deiner Decke räkeln
Bis es regnet
Und wir anfangen
Uns in einer Pfütze aufzulösen
© Verena Rabus, München

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil, geboren 18.08.1992 in München, lebt und studiert nach mehrjährigem Brasilienaufenthalt in München. Mitglied des Münchner Lyrik-Kollektivs »JuLy in der Stadt« (www.julyinderstadt.de). Erste Lyrikveröffentlichungen in »Drei Sandkörner wandern« (Deiningen, Verlag Steinmeier 2009), Versnetze 2/3 (hg. von Axel Kutsch, Weilerswist, Verlag Ralf Liebe 2009), NRhZ-Online (Literatur), »Die Hoffnung fährt schwarz« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Ois is easy« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Der deutsche Lyrikkalender 2012« (Boosstraat, Alhambra Publishing 2011), www.lyrikgarten.de (Online Anthologie des Anton G. Leitner Verlags), DAS GEDICHT Bd. 17, Bd. 18, Bd. 19, Bd. 22, Bd. 23 (Weßling, Anton G. Leitner Verlag), »Pausenpoesie« (Weßling, Anton G. Leitner Verlag 2015).
Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

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