Fremdgehen, jung bleiben – Folge 2: Annika Kemmeter

Junge Lyrik sieht sich selbst oft als eine Quelle der Innovation. Die Schnelllebigkeit der modernen Sprache, die Vielfalt der heutigen Gesellschaft mit all ihren frischen Einflüssen aus Ost, West, Süd und Nord verändern auch die Literatur tiefgreifend. Und so legt Leander Beil an jedem 8. des Monats den Fokus auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt. »Fremdgehen, jung bleiben« nimmt jeweils einen Text oder Textausschnitt unter die Lupe und spielt essayistisch mit diesem – ohne den Spielregeln einer starren Analyse zu folgen.

 

Eine endlose Kanonade an Artikeln, Beiträgen und Interviews zur Flüchtlingsthematik begrüßt einen täglich in Zeitung und Internet, im Fernsehen und Radio. Wer weiß schon, wohin mit Gerüchten, mit rassistischem Geschrei und auch mit naivem Gutmenschentum. Es gab einmal eine Zeit, da hatte auch die Lyrik einen ernsthaften Anteil an solchem Getöse.

Ob Blut-und-Boden- oder Exil-Literatur, da wurde gedichtet, um sich zu positionieren in einem Raum zwischen Propaganda und Kunst, zwischen Inland und Ausland. Es soll hier keineswegs der Eindruck erweckt werden, Gedichte wären heutzutage unpolitisch. Doch deren Gewichtung im medialen Kosmos gleicht der des Ex-Planeten Pluto: Lyrik war mal dabei, ist es aber nicht mehr wirklich. Und wenn nicht von Günther Grass mal wieder »Was gesagt werden muss« zur deutschen Israelpolitik, dann scheint das auch so zu bleiben.

Zu Unrecht. Denn bei den ständigen Salven an knallharten Statements bietet Lyrik etwas extrem Wertvolles: Sie demonstriert eindrucksvoll, wie mit Fremdartigkeit, mit Ungewohntem umgegangen werden, wie leicht einem die Integration von Andersartigkeit in der sprachlichen »Wortgesellschaft« von den Lippen gehen kann. In Annika Kemmeters Text »Weltenbummel« ist es gerade diese Leichtigkeit im Verfließen der Kulturen und Traditionen, die Schönheit der Vielfalt, die verdeutlichen, welche Möglichkeiten im Austausch mit dem vermeintlich Fremden stecken.

Vom bayerischen »Grantler« als Ausgangspunkt des »Bummels« kämpft man sich durch den Alltag, der einem Probleme aufzeigt, aber auch ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Und wenn man nicht gerade in einem »Kakerlakenloch mit Bett« verschwindet, stolpert man über Kunst, Liebe und auch über Eindrücke, die zunächst fremd wirken. Doch die Art und Weise, wie Kemmeter die unterschiedlichen Einflüsse, Sprachen, Wörter und Traditionen ineinander verflechtet, zeigt, wie wunderbar bunt und trotzdem homogen Sprache, Lyrik und auch Gesellschaft sein können. Vom »Bierdampf« über japanisches Essen (»Okonomiyaki«) bis zum »Baseballspiel«, hier brandet kein Culture-Clash auf, hier wogen Frieden, Sauberkeit und Fremdenliebe in den ruhigen Sandwellen des Zen-Gartens. Die Reduktion auf das Wesentliche, auf den Kern des Textes folgt in der letzten Strophe: »Wer möchte kann nirgends und überall fremd sein.« So geht es letztlich um das eigene willentliche Positionieren im Raum, zwischen dem, was man für sich selbst als etwas Vertrautes oder Fremdes definiert.

Auch die Lyrik scheint zu einem medialen Fremdkörper geworden zu sein. Dabei könnte einem gerade jetzt diese Andersartigkeit der poetischen Sprache vor Augen führen, welche Chancen in einer Verflechtung mit syrischer, afghanischer oder irakischer Kultur begründet liegen.
 

Weltenbummel

Hoizschädl, deppata! Beim täglichen Radkampf
Laufsteg-Gehweg, hopfiger Bierdampf
Pudel in Trachtentäschel, Freilichtkonzerte,
Parks, Parks und Parks, Studenten, Gelehrte.

Schmutzige hupende Straßen,
Betretensverbot auf dem Rasen
Kakerlakenloch mit Bett,
Métro-Musik-Quartett
Hütchenspieler, Poesie,
Kunst, Liebe, Wolkensinfonie.

Verliebte Paare ohne Berührung
ein freier Nacken der Verführung
Schriftzeichen, Okonomiyaki, Kawai,
Otaku, Aktentasche immer dabei
Zen-Garten, Erdbeben, Baseballspiel.
Verrückte Trends, perfekter Stil.
Keine Gewalt, keine Diebe,
Sauberkeit, Höflichkeit, Fremdenliebe.

Mögest du offen und nicht gehemmt sein.
Wer möchte kann nirgends und überall fremd sein.

© Annika Kemmeter, München

 

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil, geboren 18.08.1992 in München, lebt und studiert nach mehrjährigem Brasilienaufenthalt in München. Mitglied des Münchner Lyrik-Kollektivs »JuLy in der Stadt« (www.julyinderstadt.de). Erste Lyrikveröffentlichungen in »Drei Sandkörner wandern« (Deiningen, Verlag Steinmeier 2009), Versnetze 2/3 (hg. von Axel Kutsch, Weilerswist, Verlag Ralf Liebe 2009), NRhZ-Online (Literatur), »Die Hoffnung fährt schwarz« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Ois is easy« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Der deutsche Lyrikkalender 2012« (Boosstraat, Alhambra Publishing 2011), www.lyrikgarten.de (Online Anthologie des Anton G. Leitner Verlags), DAS GEDICHT Bd. 17, Bd. 18, Bd. 19, Bd. 22, Bd. 23 (Weßling, Anton G. Leitner Verlag), »Pausenpoesie« (Weißling, Anton G. Leitner Verlag 2015).
Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

Ein Kommentar

  • ICh finde auch, dass Annika einen guten Weg geht. Wir Lyriker müssen halt immer wieder austarieren
    zwischen Subjektivität und Engagement, zwischen Programmatik und Verweigerung von Programmatik.a

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