Fremdgehen, jung bleiben – Folge 21: Simone Birkner

Junge Lyrik sieht sich selbst oft als eine Quelle der Innovation. Die Schnelllebigkeit der modernen Sprache, die Vielfalt der heutigen Gesellschaft mit all ihren frischen Einflüssen aus Ost, West, Süd und Nord verändern auch die Literatur tiefgreifend. Und so legt Leander Beil an jedem 8. des Monats den Fokus auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt. »Fremdgehen, jung bleiben« nimmt jeweils einen Text oder Textausschnitt unter die Lupe und spielt essayistisch mit diesem – ohne den Spielregeln einer starren Analyse zu folgen.

 

Die erste Google-Suchanfrage am heutigen Morgen: »Gegenteil von Sprachlosigkeit«. Ergebnis: »gesprächig, redselig, mitteilsam, redefreudig, geschwätzig«. Alles unbefriedigend. Wo bleibt dieses eine Wort, das der überbordenden Freude, aus dem Vollen der Sprache schöpfen zu können, gerecht wird? In diesen ersten grauen Novemberstunden scheint dafür im Kopf wohl wenig Platz.

Und dann liegt sie da, die Süddeutsche Zeitung (Wochenendausgabe). Aufgeschlagen, reingelesen, und da springt einen der erste Artikel an, ein Essay: »Gegen den Strom«. Was hier in köstlich knackiger, korpulenter, ja kraftstrotzender Sprache gefeiert wird, das könnte man vielleicht als Gegenteil von Sprachlosigkeit bezeichnen. Und schon ist man aufgewacht aus der Spätherbsttristesse.

Hier wird sich über unsere Affektgesellschaft echauffiert, die es scheinbar für nötig halte, sich ihrer eigenen sprachlichen Waffen zu entledigen, sich irgendwo zwischen Politcal Correctness und pseudo-ethischer »Raumpflege« zu verkriechen. Gemeinsame Debattenkultur, gemeinsame Grenzsuche muss gekonnt sein.

Danach die Zeitung falten, Tee trinken, Puls senken. Genau jetzt kommt es richtig, das Gedicht von Simone Birkner (*1982 in München). Es braucht eben nicht nur die lauten Töne, manchmal reicht auch die Einfachheit, die Permeabilität der Sprache einer Dichterin, um einen wieder zurück auf den Boden zu holen, und doch gerade nicht gelangweilt zurückzulassen. Vielleicht findet sich gerade hier das Gegenstück zu Sprachlosigkeit? Gemäßigten Wortes mit einem Augenzwinkern auf das Mögliche hinweisend?

In stiller Sprache vermittelt der Text von Simone Birkner den stummen Dialog zweier sich nahestehender Menschen. Durch das Schweigen beider entfaltet sich eine neue Welt, die es zu durchschreiten gilt. Eine Welt, die, obwohl von beiden scheinbar geteilt, kein gemeinsames Ziel aufweist. Es ist ein Suchen und Nichtfinden, die Entfremdung vom Gegenüber; und auch die Distanzierung von sich selbst. Gemeinsame Debatte muss gekonnt sein, gemeinsames Schweigen auch.
 

Straßen durch dein Schweigen

Heute schweigst du.
Die Amsel hat zu singen begonnen,
du schweigst.
Ich falte es auseinander,
dein Schweigen;
es ist meine Landkarte –
über dem Morgen
und dem Gesang der Vögel
breite ich sie aus.
Die glattgestrichene Landschaft
deines Schweigens
studiere ich,
während die Amsel
in den Wipfeln meines Herzens
die Sonne ruft.
Viele Straßen führen
durch dein Schweigen
doch keine führt heute zu dir.
 

© Simone Birkner, München
 

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil, geboren 18.08.1992 in München, lebt und studiert nach mehrjährigem Brasilienaufenthalt in München. Mitglied des Münchner Lyrik-Kollektivs »JuLy in der Stadt« (www.julyinderstadt.de). Erste Lyrikveröffentlichungen in »Drei Sandkörner wandern« (Deiningen, Verlag Steinmeier 2009), Versnetze 2/3 (hg. von Axel Kutsch, Weilerswist, Verlag Ralf Liebe 2009), NRhZ-Online (Literatur), »Die Hoffnung fährt schwarz« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Ois is easy« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Der deutsche Lyrikkalender 2012« (Boosstraat, Alhambra Publishing 2011), www.lyrikgarten.de (Online Anthologie des Anton G. Leitner Verlags), DAS GEDICHT Bd. 17, Bd. 18, Bd. 19, Bd. 22, Bd. 23 (Weßling, Anton G. Leitner Verlag), »Pausenpoesie« (Weßling, Anton G. Leitner Verlag 2015).
Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

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