Fremdgehen, jung bleiben – Folge 22: Veränderung

Poesie ist nicht nur Wort. Poesie ist Leben, das sich ständig erneuern muss. Doch was heute noch neu und fremdartig erscheint, gehört morgen schon zum Altbewährten. Junge Lyrik beschreibt den Raum dazwischen. Deshalb wagt Stefanie Lux in Nachfolge von Leander Beil an jedem 8. des Monats in der Kolumne »Fremdgehen, jung bleiben« einen freien Blick auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt.

 

Nicht nur die Farben und der Ankündigungstext dieser Kolumne haben sich verändert, auch die Autorin ist eine andere. Sie werden es bemerkt haben, liebe Leserinnen und Leser, ich bin nicht Leander Beil, ich bin Steffi Lux und ich übernehme ab heute diese Kolumne auf DAS GEDICHT blog. Aber ich bin auch nicht mehr dieselbe Steffi Lux, die ich noch vor einigen Monaten war. Verwirrende Worte zum Einstieg.

Aber so ist das mit Veränderungen, sie sind verwirrend und stiften Unsicherheit.

Ich möchte nun Licht ins Dunkel bringen: Vor nicht allzu langer Zeit bestritt ich meine bekannten Wege mit dem Fahrrad über Tübingens kleinstädtische grüne Hügel. Ich grüßte links, ich grüßte rechts, ich blickte auch schon mal mit Absicht in die andere Richtung. Gegenwärtig finde ich mich tagtäglich in U-Bahntunneln und auf mehrspurigen Straßen wieder. Gehetzte unbekannte Gesichter, vorbei an Beton- und Glasfassaden. Auch wenn mir die Wege hier vertraut sind, ich bin doch auf ihnen verloren, denn egal in welche Richtung ich blicke, es gibt kein Wiedererkennen. Die Großstadt ist im Wandel, ständig pulsierend. Nichts ist gleich und doch ist alles wie es war.
 

Großstadt-Para-Noia

In  den geschundenen
und gewundenen Schächten
deiner Einsamkeit
da drängt die Stadt Dich
in die Nacht
und graut + blutet in das Morgengrauen

aus den Wülsten platzen Worte
im Rhythmus von regider
Zweisamkeit
am Schopf der schweren Nöte
bricht + ätzt verbrennend heiße Morgenröte
und ritzt DIR Tagesbläue ins Gesicht

Du siehst und denkst und dichtest
noch wachst du kaum
im monetären Gewühl von Phrasen
tief umnachtet,
enge überfüllte U-Bahnschächte
zum gelben Dunst geballter
Raum
neigst du dich torkelnd
schwankend schlafergossens

und etwas kühl und leicht
verdrossen
begreifst DU Traum

und ahnungsvoll verloren
ergießt die Stadt Beton
ins Blick-Dickicht einer
weiten Nichtigkeit

An den vers-verbogenen Gebäuden
kleben Silben jener Zeit
die rasend rauschend
und geräuschvoll grau
dir in das Stadtbild platzten
und in die Lücken horizont-
verschränkter Ferne

sehnst du dich müde nach
Matratzen-

Sterne ferne des Himmels-
eher ein Blitzgewitter
auf des Horizontes Zither nie gespielt

und so gähnst du gräulich
bar jeder Morgenwonne
blickdicht von den Menschen im Gedränge
und noch völlig lichtdicht
im Fluss verborgener Zwänge
lichtüberflutet Morgensonne
dein Gesicht.

 
© Viola Grunow, Berlin

 
Viola Grunow (*1987 in Berlin) lebt, denkt, dichtet und raucht in Berlin. Ihrem Bachelor in Kunstpädagogik und Literaturwissenschaft folgte ein Masterstudium der Germanistik in Potsdam. Die ausgebildete Steinmetzin und preisgekrönte Poetryslammerin praktiziert aktiv Lyrik und vermittelt Malerei. Ihre Internetpräsenz befindet sich im Aufbau.
 

Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux, geboren 1987 in Kaufbeuren, Studium der Germanistik, Politikwissenschaften, Geschichte, Literatur- und Kulturtheorie in Gießen und Tübingen, lebt in München.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.