Fremdgehen, jung bleiben – Folge 3: Ben Lerner

Junge Lyrik sieht sich selbst oft als eine Quelle der Innovation. Die Schnelllebigkeit der modernen Sprache, die Vielfalt der heutigen Gesellschaft mit all ihren frischen Einflüssen aus Ost, West, Süd und Nord verändern auch die Literatur tiefgreifend. Und so legt Leander Beil an jedem 8. des Monats den Fokus auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt. »Fremdgehen, jung bleiben« nimmt jeweils einen Text oder Textausschnitt unter die Lupe und spielt essayistisch mit diesem – ohne den Spielregeln einer starren Analyse zu folgen.

 

»Lost in Translation«, ein Filmtitel, der, schön wie er ist, keiner Erklärung bedarf – sollte man meinen. Es ist kein Geheimnis, dass die deutsche Kino-Vermarktung dem Zuschauer nicht gerade viel zutraut. Also fügt man »Zwischen den Welten« bei, damit nun aber wirklich alles klar ist. Vor so viel Ironie ziehe ich den Hut.

Vielleicht ein Grund dafür, dass sich immer mehr Menschen von der deutschen Über­setzungs­maschinerie angewidert abwenden und sich für die Originalsprache in Film, Buch und auch Gedicht entscheiden. Denn so glaubt man, mehr zu verstehen, den Autor, den Regisseur fühlen und riechen zu können zwischen den Zeilen. Und vielleicht kann man das auch. In der einem fremden Sprache findet man das wieder, was einem das gewöhnliche Kartoffeldeutsch nicht scheint geben zu können: Etwas Mysteriöses und Andersartiges. Etwas, das unser Idiom zum Wanken bringt, das in Ben Lerners (37 Jahre, Lyriker aus Brooklyn) Schreibart in dem Gedicht-Band »Die Lichtenbergfiguren« (luxbooks, 2004) zum Vorschein kommt: »Gather your marginals, Mr.Specific. The end / is nigh«, beginnt der hier behandelte Text, ein Gedicht, das einen hineinzieht in seinen sprachlichen Sog.

Da spielt Verständnis nur eine sekundäre Rolle. Die Sprache rückt in den Vordergrund, ihr Klang, der einem selbst das Unbekannte auf magische Art und Weise klar macht: »We have encountered a theory / of plumage with plumage. We have decentered our ties.« Und schon ist man geneigt dazu, die eigene Krawatte zu »dezentrieren«, sich – auch wenn mal ein paar Worte, ein paar Ausdrücke nicht genau verstanden werden – dem illustren Kreis der »Wissenden« anzuschließen. Bleibt also nur die Schlussfolgerung: Ignorante Deutschleser und -gucker, das Ende ist nah!

Aber nein, ganz so ist es nun auch wieder nicht. Da gibt es ein paar Aspekte, die selbst den treuen Verfechter der Original-Sprache dazu verführen könnten, dem Übersetzer ein solches Urteil zu ersparen. Denn besonders das Spiel mit der Übersetzung, das Spiel mit Sprache kann ein lyrisches sein, der deutsche Text ein eigenes Gedicht, die zweisprachige Ausgabe die Vereinigung der Kunst zweier Poeten – des Übersetzers und des Autors.

In »Die Lichtenbergfiguren« sind es Steffen Popp, selbst Autor, und Ben Lerner, die ein ansprechendes Miteinander aus zwei, so würde man vielleicht vermuten, absoluten Gegenpolen erarbeiten: Auf der einen Seite das alles in sich aufnehmende US-amerikanische Parlieren, auf der anderen die deutsche Sprache der Lyrik. Beides ist sich keineswegs fremd, beides scheint sich auf angenehme Weise zu ergänzen. »Ich wünschte, alle schwierigen Gedicht wären tief. / Hupen Sie, wenn Sie wünschten, alle schwierigen Gedichte wären tief«, endet der Text und macht dem Leser klar: Das vermeintlich Fremde klingt gut und zwar auch auf Deutsch.

»Lost in Translation«: verlorengehen und trotzdem ankommen.

 

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil, geboren 18.08.1992 in München, lebt und studiert nach mehrjährigem Brasilienaufenthalt in München. Mitglied des Münchner Lyrik-Kollektivs »JuLy in der Stadt« (www.julyinderstadt.de). Erste Lyrikveröffentlichungen in »Drei Sandkörner wandern« (Deiningen, Verlag Steinmeier 2009), Versnetze 2/3 (hg. von Axel Kutsch, Weilerswist, Verlag Ralf Liebe 2009), NRhZ-Online (Literatur), »Die Hoffnung fährt schwarz« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Ois is easy« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Der deutsche Lyrikkalender 2012« (Boosstraat, Alhambra Publishing 2011), www.lyrikgarten.de (Online Anthologie des Anton G. Leitner Verlags), DAS GEDICHT Bd. 17, Bd. 18, Bd. 19, Bd. 22, Bd. 23 (Weßling, Anton G. Leitner Verlag), »Pausenpoesie« (Weißling, Anton G. Leitner Verlag 2015).
Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

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