Fremdgehen, jung bleiben – Folge 37: Beatrix Haustein

Poesie ist nicht nur Wort. Poesie ist Leben, das sich ständig erneuern muss. Doch was heute noch neu und fremdartig erscheint, gehört morgen schon zum Altbewährten. Junge Lyrik beschreibt den Raum dazwischen. Deshalb wagt Stefanie Lux in Nachfolge von Leander Beil an jedem 8. des Monats in der Kolumne »Fremdgehen, jung bleiben« einen freien Blick auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt.

 

Die letzten Wochen habe ich mich gefragt, wie und über wen ich nun hier weiterschreiben soll und unerwartet wurde ich auf eine Dichterin aufmerksam gemacht, die leider vor einigen Jahren jung verstarb. Ihr Werk und Talent und vor allem ihre Fähigkeit dem Unaussprechlichen Worte zu verleihen, beeindruckte mich so maßgeblich, dass ich selbst wieder Worte finden konnte, um diese kleine Rubrik zu befüllen.

Die letzte Folge dieser Kolumne widmete ich dem Sommeranfang, nun ist schon die Weihnachtszeit vorbei. Dazwischen geschah das Leben. Manchmal spielt das Leben einem Streiche, dann muss man sich zurücklehnen, sich anschnallen und versuchen, den wilden Ritt zu genießen und nicht aus dem Sattel zu fallen. Das Leben muss im Dunkeln und im Licht zelebriert werden, Poesie vermag es oft, Licht ins Dunkel zu bringen.

Beatrix Hausteins Debüt „Purpurrot“, 1994 erschienen, wurde zur damaligen Zeit hochgelobt und in der Presse gefeiert. Autobiographisches spielte dabei eine wichtige Rolle in den Besprechungen. Kindheit und Jugend wurden ausgeleuchtet, die Möglichkeit, eine Autorin und ihr lyrisches Ich zu trennen, wurde wahrscheinlich aus Sensationsgier weniger in Betracht gezogen. Hier soll dies nur erwähnt sein, ich möchte den Fokus auf die Poesie, das Wort selbst legen, denn die Biographie von Beatrix Haustein wurde in der Vergangenheit genug ausgeleuchtet.

Zuletzt erschien 2004 posthum in der Reihe Literatur Reihe Merz&Solitude der Gedichtband „Milch“, welcher unvollendet blieb und daher aus Gedichten und Fragmenten besteht und doch nicht weniger kraftvolle Worte findet. Der Rhythmus des Gedichts zieht den Leser in den Bann, wie auch das lyrische Ich, entkommt es nicht. Es beschreibt ein Gefühl des Gefangenseins, „wände“ begrenzen das blühende Leben, das sich doch immer wieder einen Weg versucht zu bahnen „zwischen den rillen“ hin zur Sonne, unter der der Wind weht.

Trotz der bedrückenden Stimmung, die Beatrix Haustein den Leser zunächst fühlen lässt, bewegt sich das Gedicht durch den eindringlichen Rhythmus hin zu einer Offenheit, fast fühlt man sich selbst frei und spürt den Wind unter der Sonne. Poesie bringt hier wortwörtlich Licht ins Dunkel und stimmt mich zum Winteranfang positiv.

 

die luft ist kühl und es dunkelt

die gänsehaut zusammengeduckt u. ungeschrien
u. wohin die hände an das nackte
fleisch legen wohin die hände
was mit den wänden was mit
den wänden anfangen in diesem loch
blumen suchen ein blühen zwischen den rillen
ich weiss nicht was
das herz ein hohlmuskel ich bin mir sicher
ich weiss nicht was soll es bedeuten
wie geier meine augen
wie feiste geier umkreisen diese augen
einen kalten körper
u. über der magengrube ein
hüpfender hohlmuskel
ich weiss nicht was soll
ich weiss nicht ich weiss nicht was soll es bedeuten
dass ich so traurig bin
ich weiss nicht was ich weiss
ich singe ein lied
ein märchen aus alten zeiten
das kommt mir nicht aus dem sinn
um himmels willen wo wo
wo seid ihr denn denn
da stampfen doch doch
doch häuser hoch auf auf
da stampfen doch häuser hoch
auf der erde

was mit den wänden mit den händen
es drückt das kind springt
hüpft u. entspringt es singt:
ich war also bin ich
unter der sonne mit dem wind
ich bin ein kind es steigt mein drachen
unter der sonne in den wind
also bin ich wind
in die sonne also war ich wind
aus der sonne in den wind
mit dem wind unter der sonne
ich bin ein kind
es steigt mein drachen mit dem wind
we were born before the wind
also younger than the sun

 

© mit freundlicher Unterstützung bereitgestellt von Claudia Klischat

 

Beatrix Haustein (* 18. Dezember 1974 in Karl-Marx-Stadt; † 22. März 2002 in Stuttgart), Absolventin den ersten Diplomjahrgangs des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig. Zwickauer Literaturpreis 1995, Arbeitsstipendium des Sächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst 1998 und 2000 und weitere Preise. Erschienen sind ihre Gedichtbände „Purpurrot“ (1994), „Engel in Öl“ (1998) und „Milch“ (2002).

 

"Milch" von Beatrix Haustein

Buchcover-Abbildung (Merz und Solitude)

 

 

 

 

 

 

 

Beatrix Haustein. Milch. 2002.
Akademie Schloss Solitude Stuttgart
Hrsg. von: Jean-Baptiste Joly und Claudia Klischat
Stuttgart: Merz und Solitude
ISBN: 978-3-929085-93-8 : EUR 15.00

 

 

 

Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux, geboren 1987 in Kaufbeuren, Studium der Germanistik, Politikwissenschaften, Geschichte, Literatur- und Kulturtheorie in Gießen und Tübingen, lebt in München.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

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