Fremdgehen, jung bleiben – Folge 4: Elena Kaufmann

Junge Lyrik sieht sich selbst oft als eine Quelle der Innovation. Die Schnelllebigkeit der modernen Sprache, die Vielfalt der heutigen Gesellschaft mit all ihren frischen Einflüssen aus Ost, West, Süd und Nord verändern auch die Literatur tiefgreifend. Und so legt Leander Beil an jedem 8. des Monats den Fokus auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt. »Fremdgehen, jung bleiben« nimmt jeweils einen Text oder Textausschnitt unter die Lupe und spielt essayistisch mit diesem – ohne den Spielregeln einer starren Analyse zu folgen.

 

Auto, Bus, Fernzug, Flugzeug – für 30 Euro nach Turin per Bus oder nach Berlin per Mitfahrgelegenheit. Was da zusammengewachsen ist, reicht von Meer zu Meer und lässt sich nicht einfach einschränken durch Grenzen und Zäune, durch harsche Parolen oder völkische Abendland-Rhetorik. Und doch hat sich das Reisen über offene Grenzen verändert durch die Flüchtlingsströme, die zur Zeit zwar nicht mehr vorwiegend bis in unsere Breiten vordringen, sich aber dafür in der Türkei und in Griechenland stauen.
Von der Romantik über die Beat-Generation bis zur gegenwärtigen Lyrik – die Reise war schon immer ein Thema, das den Schreibenden inspirieren konnte. Denn wer anders und neu schreiben will, wer vermeintlich Fremdes und Vertrautes auch als solches erkennen will, den langweilt er irgendwann, der stete »Heimatfilm«. Elena Kaufmann, 24 aus München, greift die gegenwärtige Grenzfahrt auf, sie trifft den Leitton eines seltsamen Schwebezustands: Wie soll man umgehen mit dem unbehaglichen Gefühl unbeschränkten Reisens in Zeiten der Flüchtlingskrise?
»Ladies and Gentlemen,/ this is not Rosenheim«, scheint der Zugführer durchzusagen und er scheint mitteilen zu wollen: »Ihr seid noch lange nicht angekommen.« Die Flucht – Bäume flüchten vor einem aus dem Gemälde des Bundesbahn-Fensters – und das Leid, das sich in den »schwarzen Zähnen« widerspiegelt, mit beidem sieht man sich tagtäglich konfrontiert. Die Selbst-Verortung in diesem Spannungsfeld schlägt sich für die/den Schreibende/-n in der lyrischen Suche nach Worten nieder. Dabei geht es jedoch stets darum, sich in dem eigenen narrativen Kosmos der Erinnerung zu positionieren.
Man findet sich wieder in einem Heimatfilm voll weichem Alpenschnee, einer allzu plastisch pittoresken Illusion: »Lass uns den Röhrenfernseher/ mit dem Heimatfilm/ verbannen«. Zurück bleibt das, was man zu verdrängen versucht, was nicht passen will in das selbst erschaffene Narrativ. Für Kaufmann ist »eine Biographie eben eine Geschichte, die ebenso von jemandem erzählt wurde, wie jede andere Gute-Nacht- oder Nationalgeschichte, jeder Heimat- oder Horrorfilm.«
Und so ist der hier behandelte Text nicht nur eine Reflexion über das veränderte Reisen im Hier und Jetzt, er erinnert auch an die wunderbare und zugleich gefährliche Eigenschaft des menschlichen Vergessens. Hoffen wir, dass auch uns ein Baum der Erkenntnis wächst!
 

Ladies and Gentlemen,
this is not Rosenheim.
Ich habe nun schon
mehr als 37 Bäume gesehen, die
vor den Fenstern der Österreichischen
Bundesbahn mir unter den Augen
weggerannt sind. Habe
kilometerlang nach Worten gesucht
um dann
von Zähnen voll schwarzer Flecken zu träumen, die
mir aus jedem Spiegelbild
entgegenschrien. Bin dann
misslich wieder aufgewacht, denn
this is not Rosenheim und
es ist erst recht kein Heimatfilm.

Ein Gehirn, das
ist der falsche Ort, um
eine Gedenkstätte für vergangene Idyllen
zu errichten.
Lass uns
die schwarzen Flecken
mit dem Alpenschnee gleich mit
tief in den Keller schaufeln und
erst hinuntersteigen,
wenn der Schnee geschmolzen.

Lass uns den Röhrenfernseher
mit dem Heimatfilm
verbannen
in die dritte Tiefgarage meines Hirns und
stattdessen
das Schiebedach öffnen
wie in den Sonnenuntergängen
amerikanischer Teenagerträume statt
der ÖBB beim Schnurren zuzuhören.

Hinein ins Schiebedach
steht mir nun endlich ein Baum, drum
komm lass uns in die Blätter beißen
und schwarze Zähne begrünen,
Gedenkstätten schließen.
Ladies and Gentlemen,
this is not Rosenheim,
this is kein Heimatfilm.
 

© Elena Kaufmann, München

+ Zur Autorin

 

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil, geboren 18.08.1992 in München, lebt und studiert nach mehrjährigem Brasilienaufenthalt in München. Mitglied des Münchner Lyrik-Kollektivs »JuLy in der Stadt« (www.julyinderstadt.de). Erste Lyrikveröffentlichungen in »Drei Sandkörner wandern« (Deiningen, Verlag Steinmeier 2009), Versnetze 2/3 (hg. von Axel Kutsch, Weilerswist, Verlag Ralf Liebe 2009), NRhZ-Online (Literatur), »Die Hoffnung fährt schwarz« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Ois is easy« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Der deutsche Lyrikkalender 2012« (Boosstraat, Alhambra Publishing 2011), www.lyrikgarten.de (Online Anthologie des Anton G. Leitner Verlags), DAS GEDICHT Bd. 17, Bd. 18, Bd. 19, Bd. 22, Bd. 23 (Weßling, Anton G. Leitner Verlag), »Pausenpoesie« (Weißling, Anton G. Leitner Verlag 2015).
Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

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