Fremdgehen, jung bleiben – Folge 9: Natascha Huber

Junge Lyrik sieht sich selbst oft als eine Quelle der Innovation. Die Schnelllebigkeit der modernen Sprache, die Vielfalt der heutigen Gesellschaft mit all ihren frischen Einflüssen aus Ost, West, Süd und Nord verändern auch die Literatur tiefgreifend. Und so legt Leander Beil an jedem 8. des Monats den Fokus auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt. »Fremdgehen, jung bleiben« nimmt jeweils einen Text oder Textausschnitt unter die Lupe und spielt essayistisch mit diesem – ohne den Spielregeln einer starren Analyse zu folgen.

 

Mensch ärgere Dich nicht, Schach oder Poker. Wir verbringen Zeit vor Ballerspielen am Computer, bauen Städte für die SIMS und trainieren unsere Denkfähigkeit mit Gehirnjogging-Apps. Eigentlich müsste das Übung genug sein für eines der ältesten Spiele: die Erotik. Farbenfroh, laut, leise, in stetem Tempowechsel und mit schier unnachahmlicher Dramatik – die weitere Ausführung erspart sich der Schreibende an dieser Stelle.

Natascha Huber (geboren 1986 in Passau) spielt mit »Fast König und Dame« ein Spiel, bei dem es zwei Verlierer zu geben scheint, ein Pokerspiel mit offenen Karten. Der Blick in das Gesicht des Gegenübers gibt keine Nähe preis. Vielmehr ist es eine unmittelbare Distanziertheit, eine Fassade, wie man sie von Fotos zu kennen glaubt: »Wie Polaroids / im Dunkeln stehen wir zu später Stunde / voreinander und können nichts mehr / aus den Gesichtern lesen«. Ein kurzes, erotisches Aufflackern (»[V]erschmierte[ ] Münder – zu schnell entwickelte / Abzüge von Zärtlichkeit«) verpufft, wird nicht fortgeführt und findet schließlich sein Ende ziellos im Dunkeln der Nacht.

Was Huber dem Leser vermittelt, steht in krassem Gegensatz zur spielerisch fließenden Sprache der Autorin. Es ist die Wortleere in einer Flut aus Eindrücken. Fehlgeleitete Satzbruchstücke müssen aufgefangen, behutsam gerettet werden aus einer scheinbar ausweglosen Situation (»Das Glas in der Hand, ein Auffangbecken / stolpernder Silben«).
Und doch ist das Ganze – die Szenerie, die Interaktion mit dem Gegenüber – gekleidet in das Kostüm eines Spiels: »Blicke, gezückte / Spielkarten, ziellos durch die Nacht / geworfen.« Ein Spiel, das mehr ermüdend wirkt als belustigend, und doch seinen Reiz nie gänzlich verliert.
 

Fast König und Dame

Das Glas in der Hand, ein Auffangbecken
stolpernder Silben oder konstante Position
regenzerbrechlicher Finger. Ein roter Faden
spannt sich laut durch den Abend, zwischen

abgewandten Augen und dem Abdruck
verschmierter Münder – zu schnell entwickelte
Abzüge von Zärtlichkeit. Wie Polaroids
im Dunkeln stehen wir zu später Stunde

voreinander und können nichts mehr
aus den Gesichtern lesen: Blicke, gezückte
Spielkarten, ziellos durch die Nacht
geworfen. Weit in die ruhende Landschaft

reicht das Blatt unseres Schweigens.
 

© Natascha Huber, Frankenthal

 

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil, geboren 18.08.1992 in München, lebt und studiert nach mehrjährigem Brasilienaufenthalt in München. Mitglied des Münchner Lyrik-Kollektivs »JuLy in der Stadt« (www.julyinderstadt.de). Erste Lyrikveröffentlichungen in »Drei Sandkörner wandern« (Deiningen, Verlag Steinmeier 2009), Versnetze 2/3 (hg. von Axel Kutsch, Weilerswist, Verlag Ralf Liebe 2009), NRhZ-Online (Literatur), »Die Hoffnung fährt schwarz« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Ois is easy« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Der deutsche Lyrikkalender 2012« (Boosstraat, Alhambra Publishing 2011), www.lyrikgarten.de (Online Anthologie des Anton G. Leitner Verlags), DAS GEDICHT Bd. 17, Bd. 18, Bd. 19, Bd. 22, Bd. 23 (Weßling, Anton G. Leitner Verlag), »Pausenpoesie« (Weißling, Anton G. Leitner Verlag 2015).
Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

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