Gedichte für Kinder – Folge 10: Sieben unveröffentlichte Kindergedichte von Erich Jooß

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Das neue Grün

Am Bahndamm
sonnen sich die Eidechsen.
Ihre Augen funkeln,
ihre Herzen schlagen.
Es ist Frühling.
Jetzt werden sogar
die Steine warm.
Das neue Grün
wächst über Zäune,
über Mauern.
Im Nest schreien
die Vogelkinder.
Der dicke Kater,
der gern schlafen würde,
hält sich verzweifelt
die Ohren zu.
 

Ein seltsamer Besuch

An Sommertagen wie diesen
träume ich von einem Dromedar
mit sanften Augen. Wenn es neugierig
die Tür aufstößt und den faltigen Hals
in mein Zimmer streckt, sage ich
zu dem Dromedar: »Ach, bitte
knie doch nieder. Ich möchte
verreisen mit dir.«

Es dauert eine Weile, bis ich
auf seinem Rücken throne.
Langsam erhebt sich das Dromedar,
dann schaukelt es davon
und verschwindet durch
die offene Gartentür.

Ich verschwinde mit ihm.
»Goodbye, ihr Nesthocker«,
rufe ich noch, bevor mich
die Hitze der Wüste
schläfrig macht.
 

Gewitter im Sommer

Das schwarze Wolkenkrokodil
verschlingt den Himmel
Stück um Stück.
Seine Augen blitzen
und sein Bauch,
der grollt.

Das schwarze Wolkenkrokodil:
Es schluckt die Sonne,
schluckt das Licht
und frisst und frisst,
bis es platzt.
 

Gedicht über die Stille

Manchmal kann ich
die Stille hören.
Dann hat sich
der Wind
im Apfelbaum versteckt
und die Katze
auf dem Schaukelstuhl
blinzelt schläfrig.
Sogar der Wasserhahn
hinter dem Haus,
der seit Tagen tropft,
ist plötzlich stumm
wie ein Fisch.
Wenn du jetzt mit mir
reden willst,
schaue ich dich an
und schweige.
 

Hier oben

In meinen Träumen
kann ich fliegen.
Wie eine Feder
bläst mich der Wind
über Schneeberge
und Sandwüsten.
Ein Flugzeug
entschuldigt sich,
weil es so laut ist,
und das Schiff
im leuchtenden Meer
hat sein Ziel vergessen.
Hinter dem Horizont
wartet der Mond
auf die Nacht.
Weiße Vögel fliegen
an mir vorbei. »Wir müssen
die Sterne wecken«,
rufen sie eilig.
Hier oben
bringt mich nichts
aus der Ruhe.
 

Gedicht vom Schornsteinfeger, der die Flucht ergriff

Gestern habe ich
einen Schornsteinfeger entdeckt.
Rittlings saß er auf dem Dach
und starrte angestrengt
in den Kamin. »Was siehst du da?«,
rief ich zu ihm hinauf.
»Einen schwarzen Feuerhund
mit grünen Augen«, antwortete er
und lachte. Doch plötzlich
rutschte er auf dem Hosenboden
das Dach hinunter,
plumpste in den Garten
und rannte davon,
so schnell er konnte.
 

Gedicht vom Bahnhof, der Lokomotive
und der schwarzen Katze

Hinter dem Bahnhof,
auf dem Abstellgleis,
steht eine kleine
rostige Lokomotive.
Sie ist noch älter
als der Bahnhof
und beide schlafen
schon seit Jahren. Nur
wenn der Vollmond
scheint, dann pfeift
die Lokomotive einmal
und noch einmal
und der Bahnhof
öffnet verwundert
seine Fenster.
»Was geht hier vor?«,
flüstert die schwarze
Katze, die nach Mäusen
sucht. Während sie
lauernd den Kopf hebt,
sind die Lokomotive
und der Bahnhof
schon wieder
eingeschlafen.
 

© Erich Jooß

Erich Jooß beschäftigt sich mit allen Facetten der Literatur. Er schreibt für Kinder und Erwachsene, er hat Bilderbücher und Märchen-Adaptionen veröffentlicht (zuletzt »Rübezahl«, erschienen beim Verlag Urachhaus, 2015), er schreibt Prosa und Gedichte für Erwachsene – noch vor Weihnachten erscheint sein jüngster Lyrikband »blues in der früh« (Edition Tony Pongratz). Er präsentiert im Blog der Zeitschrift »Das Gedicht« regelmäßig vergessene Dichter. Und er bereitet gerade einen Band mit Vorträgen über Kinderlyrik vor, die Ende Oktober an der Volkacher Akademie für Kinder- und Jugendliteratur gehalten wurden. Zugleich wird dieser Band eine größere Sammlung von neuen Kindergedichten enthalten. Erich Jooß lebt in Höhenkirchen-Siegertsbrunn, südlich von München.

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982) und »Der Alltag des Fortschritts« (1996). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erscheint seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her.«Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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