Gedichte für Kinder – Folge 17: Sieben unveröffentlichte Kindergedichte von Paul Maar

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Ein lieber Bauer
(Wie ihn sich ein Stadtkind vorstellt)

Bevor die Sonne früh aufsteht,
der Bauer schon zur Arbeit geht.
Er muss der Kuh die Hörner putzen,
damit die Hörner nicht verschmutzen.
Dem Kaninchen gibt er Rüben,
weil Kaninchen Rüben lieben.
Dann säubert er den Stall vom Schwein,
denn sein Schwein soll sauber sein.
»Putt-putt«, so lockt er nun die Hennen,
die ihm froh entgegen rennen.
Er füttert sie mit Körnerbrei,
sie schenken ihm dafür ein Ei,
vielleicht auch zwei,
vielleicht auch drei.

Wenn spät die Sonne untergeht,
der Bauer noch im Kuhstall steht.
Ein letztes Mal streut er noch Stroh,
darüber ist die Kuh sehr froh.
Dem Hasen gibt er noch sechs Rüben,
bei guter Laune auch mal sieben.
Den Schweinen putzt er noch die Ohren,
denn Schmutz hat darin nichts verloren.
Den Hennen sagt er gute Nacht,
dann ist sein Tagewerk vollbracht.
Für ihn ist jetzt der Tag vorbei,
nun brät er sich ein Spiegelei,
vielleicht auch zwei,
vielleicht auch drei.
 

Und wie es heute ist
(Die Kinder auf dem Land wissen es)

Tausend Hennen in der Halle
sitzen alle dicht an dicht,
eingezwängt im engen Käfig,
sehen nie das Sonnenlicht.

Tausend Hennen in der Halle
scharren nie im warmen Sand,
können nicht die Flügel spreizen,
eng bedrängt vom Käfigrand.

Tausend Hennen in der Halle
leben stets bei Lampenlicht.
Futter kommt aus Automaten.
Einen Bauern sehn sie nicht.
 

Um den heißen Brei

Hundertfünfundzwanzig Dohlen
fliegen heimlich und verstohlen
um den Topf mit heißem Brei.
Hundertvierundzwanzig Dohlen
fliegen heim, um was zu holen,
denn nur eine von den Dohlen
hat den Löffel mit dabei.
 

Wenn

Wenn die wilden Wölfe heulen,
gruseln sich die Waldohreulen.

Wenn die alten Hexen hexen,
freuen sich die jungen Echsen.

Wenn die Bäcker Kuchen backen,
singen laut die Don-Kosaken.

Wenn die Maler Bilder malen,
dann meist in Birkenstock-Sandalen.

Wenn sieben Köche Suppen kochen,
reicht die Suppe für zwei Wochen.

Wenn Läufer um die Wette laufen,
dürfen sie sich nicht besaufen.

Wenn Schläfer tief und friedlich schlafen,
dann liegt‘s oft an den Einschlaf-Schafen.
 

Länderkunde

Ein Mann aus Mogadischu
vermisste einen Ski-Schuh.
Doch weil es dort nie schneite,
war’s keine große Pleite.

Es wohnt ein Mann im Engadin,
den zieht’s zu seiner Freundin hin.
Die lebt in Hohenstaufen.
Da muss er sehr weit laufen!

Selten trinken Monegassen
roten Wein aus Kaffeetassen.
Weil, das weiß dort jedes Kind,
Rotweingläser üblich sind.

Wenn im Mai die Kosovaren
mit Frau und Kind in Ferien fahren,
gestalten sie die Ferienfahrt
stets nach Kosovaren-Art.

Wer nie in Herzogowina
die Heinzelmännchen tanzen sah,
der kann von diesen Wichten
zu Hause nichts berichten.

Ein Bäcker auf den Balearen,
der hatte Mehl in seinen Haaren,
weil er, als sein Baby lachte,
vor Freude einen Kopfstand machte.

Ein Vogel aus der Mongolei,
der legt am Werktag stets ein Ei.
Am Sonntag meistens keines.
Und wenn, dann nur ein kleines.

Ein kleines Kind aus Labrador,
das in der Nacht entsetzlich fror,
hat seine Mutter aufgeweckt,
die hat es dann gut zugedeckt.

Ein Polizist in Kasachstan,
der zog sich kurze Hosen an.
Das fand er bei dem Sommerwetter
erstens kühler, zweitens netter.

Ein Elefant in Swasiland,
der jede Menge Kirschen fand,
verzehrte sie mit Appetit
und aß sogar die Kerne mit.

Ein Ziegenhirt aus Mosambik
fand superschnelle Autos schick.
Doch ging’s ihm leider wie den meisten:
Er konnte sich kein Auto leisten.

Ein kleiner Hund in San Marino
sah Horrorfilme gern im Kino.
Bei allen gruseligen Stellen
begann er fürchterlich zu bellen.

Panama, das ist bekannt,
ist eine Stadt und auch ein Land.
Ist man einmal dort gewesen,
dann kennt man auch die Panamanesen.
 

Affen

Affen findet man im Zoo
und im Urwald sowieso.
Doch man kann sie auch entdecken,
wenn sie im Wort »Giraffen« stecken.
Zwar sucht man Affen nicht im Tee,
doch findet man sie im Kaffee.
Sie sind in Waffeln, sind in Waffen,
in Laffen, Gaffern und in Pfaffen.
Schaffen, raffen, straffen, paffen:
Überall die frechen Affen!
Wie gut, dass man im Lebertran
nur einen Eber finden kann.
 

Wenn – dann

Wenn Fischer unter Küchentischen
stumm nach frischen Fischen fischen,
wenn zentnerschwere Stubenfliegen
auf bequemen Liegen liegen,
wenn Jäger mitten unterm Jagen
unbequeme Fragen fragen,
wenn Schmiede nach dem Abenddämmern
noch mit ihren Hämmern hämmern,
wenn Nonnen über Stiegen steigen
und dabei auf Geigen geigen,
wenn hundertvierzehn Politessen
vorgewärmtes Essen essen,
wenn drei kugelrunde Kröten
nach Herzenslust auf Flöten flöten –
dann folgt bestimmt im nächsten Jahr
auf Januar der Zebruar.
 

© Paul Maar

Paul Maar ist einer der berühmtesten deutschen Kinderbuchautoren. Immer wieder muss er neue Geschichten vom »Sams« erzählen. Diese Figur hat ihn weltweit berühmt gemacht. Auch in den »Sams«-Büchern gibt es Gedichte, aber was alles an wunderbaren sprachspielerischen Gedichteinfällen dieser Autor seit vielen Jahrzehnten zu Papier gebracht hat, das wurde in dem 2007 erschienenen Band »JAguar und NEINguar« sichtbar, der, illustriert von Ute Krause, wie alle seine Bücher bei Oetinger erschienen. Paul Maar wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, so 1996 mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises und 1997 mit der Hans-Christian-Andersen-Medaille. Er lebt seit vielen Jahren in Bamberg.

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982) und »Der Alltag des Fortschritts« (1996). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her.«

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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