Gedichte für Kinder – Folge 20: Zehn Kindergedichte von Frantz Wittkamp

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

 

Kriegt das Kaninchen
ein Medizinchen,
will auch die Ente
Medikamente.
 

 

Jedes Ding hat Sinn und Zweck.
Immer, wenn ich Spritzgebäck
in den Kaffee fallen lasse,
spritzt der Kaffee aus der Tasse.
 

 

Zwei nicht mehr neue Automaten,
zu Hause in demselben Städtchen,
die sich verliebt zusammentaten,
bekamen jetzt ein Automätchen.
 

 

Nachtfalter falten die Nacht zusammen
und tragen sie vorsichtig in den Keller.
Im Morgenrot steht der Himmel in Flammen.
Der Tag ist da. Es wird heller und heller.
 

 

Im Sommer war ich in Spanien,
im Land der rot-gelben Fahnen.
Mein nächstes Ziel ist Bananien,
das Heimatland der Bananen.
 

 

Mein Bär, mein dickes Kuscheltier,
ist nachts nicht gern allein.
Im Dunkeln liegt er neben mir.
Da schläft er mit mir ein.
 

 

An meinem Fenster waren Gespenster,
auf meinem Bett saß ein Skelett,
im Kleiderschrank hat ein Mörder gelacht
und mein Schutzengel hat ins Bett gemacht.
 

 

Meine Geheimat wird nicht verraten.
Ich komme aus den Verheimlichten Staaten.
 

Fabelland

Mein Vater war König von Fabelland
und hatte zehn Finger an jeder Hand.
Er spielte besonders gut Klavier
und hatte viel Vergnügen an mir.
Mein Vater ist mein Lehrer gewesen.
Ich lernte bei ihm Gedankenlesen
und lernte, wie man sich unsichtbar macht.
Das Lügen hat er mir auch beigebracht.
 

Mogelmaus

Die Maus ist keine Vogelmaus.
Sie sieht nicht wie ein Vogel aus.
Wie kommt die Maus ins Vogelhaus?
Die Maus ist eine Mogelmaus.
Sie mogelt sich ins Vogelhaus.
Jetzt wohnt die Maus im Vogelhaus.
Die Mogelmaus im Vogelhaus.
 

© Frantz Wittkamp

Frantz Wittkamp, lebt als Autor, Maler und Grafiker im münsterländischen Lüdinghausen, wo er, zusammen mit seiner Frau, auch eine Kunstgalerie betreibt. Er schreibt Gedichte, die er gern Findlinge nennt, kurze vier- bis sechszeilige komisch verdrehte und gereimte Sentenzen und Aphorismen, in denen der belehrende Zeigefinger jedes Mal abgebrochen ist und der Schalk und Nonsens die Oberhand gewinnt. Mit diesen Findlingen wurde er bei Kindern und Erwachsenen bekannt. Zu seinen bekanntesten Gedichtbüchern zählen „Ich glaube, dass du ein Vogel bist“ (1987), „Du bist da und ich bin hier“ (1989) und „Weil heute dein Geburtstag ist“ (2008). 2016 erschien der Band „In die Wälder gegangen, einen Löwen gefangen“ mit neuen Bildern von Axel Scheffler. Wittkamp wurde u. a. 1995 mit dem Österreichischen Staatspreis für Kinderlyrik ausgezeichnet.

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982) und »Der Alltag des Fortschritts« (1996). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her.«

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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