Gedichte für Kinder – Folge 28: Acht Kindergedichte von Lorenz Pauli

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Koffer packen

Was ich für die Reise brauche:
Taucherbrille, falls ich tauche.
Seile, falls ich klettern gehe.
Fernrohr, falls ich Inseln sehe.
Fallschirm (denn man kann nie wissen …),
unbedingt mein Kuschelkissen.
Und ich brauche unser Klo.
Nur das eigne Klo macht froh.
 

Weltrekord

Man wundert sich, bewundert mich:
Der schnellste Mensch der Welt bin ich.
Die nächste Runde schaff ich noch
Ja! Nochmals schneller, wusst ich‘s doch!
Da! Plötzlich überholt man mich!
Wer hat mich überholt? Na, ich!
 

Hoffnung

Ich mache ein Paket
aus mir und oben steht
als Adressat nur dies:
›Paradies‹
Seit langem trägt die Post
mich nun von West nach Ost.
Und dann von Ost nach West.
Ich hoffe einfach fest,
ich komme irgendwann
auch an.
 

Ganz bestimmt

Überall auf dieser Welt
gibt’s ein Herz, das zu dir hält.

(Das Gedicht könnt länger sein.
Muss es das? Ich denke nein.)
 

Im Dunkeln

So ein Mist! So ein Mist!
Ohne Licht, ohne Licht
seh ich nicht, seh ich nicht,
wo die Taschenlampe ist.
 

Großwildjagd

Kater Jim jagt Maus um Maus,
bringt sie mir dann tot nach Haus.
Lieber Kater: Muss das sein?
Nein, ich find das echt gemein!
Kleine jagen ist nicht fair!
Jag die Großen, bitte sehr!

Kater Jim hat nachgedacht,
hat sich aus dem Staub gemacht.
Blieb drei Tage weg von mir,
endlich ist er wieder hier.
Und nun bringt er uns nach Haus:
Kühe, Autos und Herrn Kraus.
 

Leise reisen

Leise reisen leicht gemacht:
Ich reis leise durch die Nacht.
Nachts zu reisen ist nicht schwer.
Traumhaft, dieses Meer!
 

Naturkunde

Die Elefanten
haben keine Kanten.
Die Eulen
haben keine Beulen.
Die Schnecken
haben keine Ecken.
Die Forellen
haben keine Dellen.
Und was habe ich?
Nicht dich.
 

© Lorenz Pauli

Lorenz Pauli arbeitete 25 Jahre als Kindergärtner und lebt heute als freier Autor in Bern. Er hat ungefähr 30 Kinderbücher geschrieben, die meisten Bilderbücher schuf er in Zusammenarbeit mit der Illustratorin Kathrin Schärer. Pauli schreibt auch in seinem Berner Dialekt Gedichte und Geschichten: »Unsere Mundart ist ein zentraler Teil unserer Identität. Die muss leben. Es braucht frischen Wind … auch wenn er von vorbeidonnernden LKWs stammt«, sagt er. Pauli hat »Le Petit Prince« von Antoine de Saint-Exupéry und Erich Kästners »Das verhexte Telefon« ins Berndeutsche übersetzt. Für seinen ersten berndeutschen Gedichtband »E chlyni Chue mit Wanderschue« erhielt er 2003 die Ehrenurkunde zum Österreichischen Staatspreis für Kinderlyrik. Lorenz Pauli schreibt auch Liedertexte und arbeitet zurzeit an einer Kinderoper.

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982) und »Der Alltag des Fortschritts« (1996). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her.«

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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