Gedichte für Kinder – Folge 32: Sechs Kindergedichte von Andreas Steinhöfel

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Sommerende

Nun naht der Herbst
Von hohen Bäumen taumeln die Kasternien
Und vor die Monden schiebt sich hell der Wolk

In Kasachstan
Da war ich immer gernien
Liebte das Schwein, das Schaf, das Kuhgemolk

Sah ich dich dort?
Sah ich dich hier?
Am Ende gleibt sich alles bleich
Von hohen Bäumen taumeln die Kasternien
Sie fallen von die Ficht, das Buch, der Eich

Das macht mich traurig

Herbst eben
 

Kalahari, mehr so rechts

Es steht – die Spitze zeigt nach vorn –
am Wüstenrand das Nasenhorn.
Stünde es mit dem Po nach hinten,
würd man ein Horngenäse finden.
 

Haupthaar

Sein Haupthaar war so dünn
Man konnte ein einzelnes

problemlos durch eine nicht vorhandene Zahnlücke ziehen.
 

Die Socke

Socke, du
Bist kein Strumpf, bist kein Schuh
Bist nur Socke

Das reicht ja auch
 

Erleuchtung

beginnen wir mit 20 watt
und drei ampere
was ungefähr
wie kerzenschein
so matt
reicht das?

nein:
40 wären angebracht
schlanke birnen
kerzenhaft verjüngt
jedocht
mich dünkt
in tiefer nacht
scheint auch das kaum
hell genug

und genehm
wären wohl 60
so wie
ehedem
in omas keller …
doch viel heller
strahlt das licht
trotzdem nicht

erst
80 oder 100 gar
illuminieren
stirn und haar
nehmen wir –
endlicht!
 

Wunschlos glücklich

Wenn ich erst mal König bin
Hab ich eine Krone
Aber ohne
Geht’s wohl auch

Eher so ein Superheld
Mit Muskeln aus Stahl
Obwohl …
Auch egal

Oder reich?
Also Scheich!
Aber nur
Für den Reim
Steht mein Heim
Dann im Sand?
Vielen Dank!
Und erst die Hitze …
Hey!

Blitze! Die könnte ich in Massen
Auf meine Lieblingsfeinde
Prasseln lassen
Hab nur keine
Feinde
Meine
Ich
Spitze
Tolle Idee
Echt, ganz großartig
Schon gut, kapiert, dann eben nich

Jawohl, ich weiß, wie holprig sich das liest. Aber dafür sieht es doch irgendwie total toll aus, oder? Diese überaus ele-gante Kurve im Text. Sollte zwar eigentlich ein Blitz werden, aber man kriegt halt nicht immer alles gleich so schön hin, wie man es gern hätte. Kann auch sein, ich bin einfach zu doof.

Schöner werden oder klüger
Bloß für wen?
Bin schön genug
Mag mich selbst im Spiegel sehn
Also lieber klug:

In der Schule bessre Noten
Aber Noten
Sind doch bloß was
Fürs Klavier
Unsinn, Dummkopf, setzen, vier!
Hoppla …

Offen gestanden, macht dieses Gewünsche mich völlig wahn-sinnig. War auch gar nicht meine Idee. So was können sich nur Lehrer ausdenken: Ein Wunschgedicht …! Als ob man nichts Besseres zu tun hätte, als sich ein anderes Leben auszudenken. Mein Leben ist prima und die Hälfte aller Sa-chen, die ich mir letztes Jahr zu Weihnachten gewünscht habe, fliegen jetzt irgendwo rum. Ich hab sie nie wirklich gebraucht. Ich wollte sie einfach nur haben.

Mama sagt, sie wünscht sich nix
Hauptsache, wir sind gesund
Mag sein, dass da was dran ist, aber –
Ah, jetzt hab ich’s:
Einen Hund!

Nee, geht doch nicht
weil der Köter
Sich bloß reimt auf
Bunt und rund
Grüner Hund
Mit dicken Beinen?
Will ich keinen

Ha, jetzt hab ich’s:
Manchmal möcht ich
Fliegen können …
An der Wand raufkrabbeln –
Können sie wirklich!

Hab ich es nicht gesagt? Man kommt völlig durcheinander vom Dichten. Womöglich wird ein Dichter viel schneller ver-rückt als andere Menschen. Könnte doch sein. Ich meine, so einen muss man sich mal beim Einkaufen vorstellen:

Guten Tag, ich hätte gerne ei
n Ei oder zwei.
Oder drei.

Und der Verkäufer lächelt den Dichter ganz freundlich an, als hätte er es bei ihm nicht mit einem Verrückten zu tun, nur weil der Dichter beim nächsten Eierkauf vielleicht sagt: Heute back ich fleißig, ich brauch dreißig! Nee, so will ich nicht enden. Auf keinen Fall. Ich gebe auf.

Es klappt vorn und hinten nicht
Weder Wunsch
Noch Gedicht
Haut hin, wie ich das gerne hätte –
Ach, was soll’s
Das Nächste, bette!
 

© Andreas Steinhöfel

 
Andreas Steinhöfel ist einer der bekanntesten deutschen Schriftsteller und hat mit seinen »Rico und Oskar«-Büchern, die auch verfilmt wurden, eine riesige Fan-Gemeinde unter Kindern. Er wurde so ziemlich mit allem ausgezeichnet, was man in Deutschland an Preisen kriegen kann, u. a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, dem Katholischen Kinderbuchpreis, dem Erich-Kästner Preis und zuletzt in diesem Jahr mit dem James-Krüss-Preis. Bei der Verleihung dieses Preises hat er zum ersten Mal Gedichte gelesen. Warum er sonst nie Gedichte für Kinder geschrieben hat, dazu sagt der Autor: »Man kann mit einem kleinen Gedicht beinahe die ganze Welt erzählen. Trotzdem bevorzuge ich dafür die längere romanhafte Form. Das Gedicht bindet mich außerdem an bestimmte Formen (oder erwartet von mir, damit zu brechen); da ist der Roman deutlich offener: In dem kann gern irgendwo ein Gedicht auftauchen … aber niemals ein ganzer Roman innerhalb eines Gedichts.« Steinhöfel lebt nach vielen Jahren in Berlin wieder in Biedenkopf in Hessen, wo er auch geboren ist.

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982) und »Der Alltag des Fortschritts« (1996). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her.«

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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