Gedichte für Kinder – Folge 33: Sieben Kindergedichte von Stefan Heuer

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Fleisch zum Frühstück

Du bist alleine,
die Welt ist noch dunkel.

Dann stehst du auf,
die Welt ist noch dunkel.

Du ziehst dich an,
die Welt ist noch dunkel.

Gehst aus der Hütte,
und plötzlich wird die Welt so hell.

Und plötzlich wird die Welt so hell,
die Sonne beißt in deinen Augen
und alles scheint so wunderbar –

die Kannibalen kochen Suppe,
du bist ihr Fleisch,
bald bist du gar.

 

Heute kein Wetter!

Bei dem Regen,

sagt die Mutter,
geht es nicht raus –

bei dem Regen,

sagt die Mutter,
bleibt ihr im Haus.

Bei der Sonne,

sagt der Vater,
holt ihr euch nur Sonnenbrand –

bei der Sonne,

sagt der Vater,
geht’s nicht an den Strand.

Bei der Hitze,

sagt der Opa,
kommt ihr nur ins Schwitzen –

bei der Hitze,

sagt der Opa,
bleibt ihr besser sitzen.

Bei der Kälte,

sagt die Oma,
hat das wirklich keinen Sinn –

bei der Kälte,

sagt die Oma,
bleibt ihr besser drin.

Heute ist’s nicht heiß,
heute ist’s nicht kalt,
heute keine Sonne,
und es sieht auch nicht nach Regen aus –

heute ist kein Wetter,
hurra, wir dürfen raus !

 

Mama Leone und Papa Zitrone

Mama Leone und Papa Zitrone,
die gingen in den Wald,
dort war es nicht nur düster,
es war auch bitter kalt.

Papa Zitrone gab ihr seine Schale,
so dass sie nicht mehr fror –
es wärmte ihr erst Haut, dann Herz,
und nichts war wie zuvor.

Die Kälte blieb im Wald
und klebt nun an den Bäumen;
und wer im Sommer schwitzt,
der kann ja von ihr träumen.

 

Pack deine Beine ein!

Pack deine Beine ein,
nun komm, wir gehen wandern –
wir zwei verlassen Trübsal-Tal,
hüpfen von einem Berg zum andern.

Und oben auf den Bergen,
da rufen wir ins Tal:
Wir und die Beine wandern,
das Trübsal kann uns mal!

Wir und die Beine wandern,
das Trübsal kann uns mal!

 

Gedichte & Chips

Mit Papa sitze ich am Tisch,
wir schreiben ein Gedicht –
wir futtern dabei Chips und Flips,
und Papa sitzt im Licht

der Lampe, und er stöhnt:
Viel fällt ihm heut nicht ein –
und das, wo er heut dichten wollt,
das kann ja wohl nicht sein!

Ach, Papa, komm, das macht doch nichts,
denn wenn’s nicht geht, dann geht’s halt nicht,
nun lass schon dein Gewimmer –

dann schreiben wir heut kein Gedicht –
dann essen wir halt nur die Chips,
denn das klappt bei uns immer!

 

Zielwasser

oder

Wofür die Fenster wirklich da sind

Türe auf,

ins Zimmer gehen –

Fenster auf,

den Hocker nehmen.

Kopf rausstrecken,

harmlos gucken –

Spucke sammeln,

zielen … spucken!

Kopf schnell rein

und Fenster zu –

ich weiß von nix,

und was weißt du?!

 

Donnerbalken

Wir sitzen auf der Fensterbank

und schauen ins Gewitter.

Es ist ein Tosen und ein Grollen,

ein Blitzen und Gezzzzzzzitter.

Und jedes Blatt ein Rascheln,

und Regen, der laut rasselt.

Und jeder Hauch ein Bauschen,

und schwerer Hagel prasselt.

Und dann urplötzlich: Stille,

kein Laut ist mehr zu hören,

nicht hier, noch irgendwo –

ein jeder macht mal Pause,

und ja, auch ein Gewitter

muss dann und wann aufs Klo!

 

© Stefan Heuer

 
Stefan Heuer wurde in der Kleinstadt Großburgwedel geboren, die nördlich von Hannover liegt. Heute lebt er mit Frau und Sohn nicht weit von seiner Geburtsstadt in dem Ort Burgdorf. Er ist Künstler und Schriftsteller, macht vor allem Collagen und verbindet seine künstlerische Arbeit gern mit der Literatur. Als Autor hat er zahlreiche Gedichtbände und zwei Romane veröffentlicht. Zuletzt erschienen der Lyrikband »herzstück« (2016) und der Roman »Katzen im Sack« (2017). Auf die Frage, warum er gerne Gedichte für Kinder schreibe, antwortet der Autor: »Weil ich als kleiner Junge selbst viel vorgelesen bekommen habe, jeden Abend – und oft waren es Gedichte. So ist ›Die Made‹ von Heinz Erhardt das erste Gedicht, das ich auswendig kannte.«

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982) und »Der Alltag des Fortschritts« (1996). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her.«

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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