Gedichte für Kinder – Folge 44: Fünf unveröffentlichte Kindergedichte von Elisabeth Steinkellner

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

 

Es gibt ein Land

Es gibt ein Land, irgendwo auf der Welt,
wo jeder, der etwas auf sich hält,
sein Bett mit einem Tiger teilt,
wo man Fieberblasen mit Küssen heilt,
den ganzen Tag Schokolade isst
und die Zeit statt mit Uhren mit Waagen misst,
wo man Schuhe meist verkehrt herum trägt
und grundsätzlich rückwärts zu gehen pflegt,
wo alle von Geburt an lesen können
und ebenso sprechen und gehen und rennen,
wo reich wird, wer am lautesten lacht
und wer die besten Witze macht.
All das weiß ich aus einem Fernsehbericht.
Nur wo das Land liegt, das weiß ich nicht.

 

Morgenrot

Aus dem Schneckenhaus
kriecht der Tag heraus.
Reibt den Sand aus den Augen
für bessere Sicht,
blinzelt benommen
ins Sonnenlicht.
Streckt die Arme nach oben,
schiebt den Bauch weit vor
und schüttelt den letzten Rest
Schlaf aus dem Ohr.

 

Sightseeing

Ich mag nicht mehr gehen,
ich mag nichts mehr sehen,
ich will nicht mehr laufen,
und will nicht mehr schnaufen!

Ich hasse Museen
(erst recht Schlangesteh’n!),
Gemälde, Paläste,
historische Reste,
und Kirchen, barocke,
samt Orgel und Glocke.
Mir ist dieses öde
Zeugs echt zu blöde!

Ich brauch eine Pause
und auch eine Jause,
ich sag’s nicht, ich schrei’s:
Her mit dem Eis!

 

Wetterprognosen

Kommt dir ein alter Dampfer entgegen,
stell dich gleich ein auf heftigen Regen.

Liegst du gemütlich auf waldigem Moos,
wird es sehr heiter und wolkenlos.

Findest du heute ’nen goldenen Säbel,
hat’s tags darauf mit Sicherheit Nebel.

Triffst du im Dschungel ein Krokodül,
wird es voraussichtlich ziemlich schwül.

Machst du zu viele schlechte Witze,
kriegt es alsbald fast tropische Hitze.

Stimmt etwas nicht mit deiner Durchblutung,
erwarten dich Stürme und Überflutung.

Verlierst du ein Haar beim Schwimmen im See,
bestrafen dich Eiseskälte und Schnee.

Kaufst du zu selten in Bioläden,
rechne mit Hagel und Ernteschäden.

Behandelst du deine Mutter nicht netter,
gibt’s bald ein echtes Donnerwetter.
Ein großer, grüner Autobus

Ein großer, grüner Autobus
fuhr über eine Haselnuss.
Die Haselnuss, die krachte,
dem Buschauffeur, dem machte
das überhaupt nichts aus.
Und du bist raus.

 

© Elisabeth Steinkellner

 

Elisabeth Steinkellner lebt in Baden bei Wien und schreibt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Zuletzt erschienen sind „Die Nacht, der Falter und ich“, eine Sammlung von Gedichten, Miniaturen und Kurzgeschichten, und das ABC-Buch „Die Kürbiskatze kocht Kirschkompott“ (beide Tyrolia, 2016). Sie liebt die kurzen Formen, in denen wenige Zeilen oft ausreichen, um in Herz und Kopf ganz viel zu bewegen. Gedichte schreibt sie gerne auf oder unmittelbar nach Reisen, beim Zugfahren oder im Kaffeehaus und generell findet sie, dass Kinderlyrik das Altersetikett „von 0 bis 111 Jahre“ tragen sollte, und hat ein wenig Mitleid mit jenen Erwachsenen, die (fast) nie Kindergedichte lesen und dadurch etwas Großartiges verpassen.

 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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