Gedichte für Kinder – Folge 6: Sechs unveröffentlichte Kindergedichte* und zwei Audio-Gedichte von Alex Dreppec

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Schattenmorellen

Erwachsene sprachen
von Schattenmorellen.
Sie wüchsen nur gut an
besonderen Stellen.
Ich fürchtete mich etwas
vor ihnen als Kind.
Bis ich herausfand,
dass es bloß Kirschen sind.
 

Papierschiff und Ente

Ein Schiffchen
aus Papier
schwamm auf dem See
so um halb vier.
Eine Ente
schwamm heran
und sah das Schiffchen
schüchtern an.
»Hast du mich lieb
wenn ich dich schieb?«
fragte leise
sie sodann.
Das Schiff blieb still,
doch sie blieb dran,
nahm sich ein Herz
und schob es an.
 

Tantchens Kakerlaken

In ihrem Versteck
in Tantchens Gebäck
saßen Kakerlakin und Kakerlak
– und sie nahm ihn dabei huckepack.
Mein Tantchen schrie, als sie entdeckte,
dass sich im Gebäck Insekten versteckten:
»Igittigitt! Wehe! Ich brech euch’s Genick.«
Doch kurz vor der Tat schrak sie zurück
vor diesem Kakerlak-Liebesglück.
Sie nahm die Schachtel Gebäck
und trug sie in ein Versteck
in der hintersten Hecke
der Gartenecke.

Und kaum waren die Kakerlaken weg
servierte sie Großvater das Gebäck.
 

Tantchens Kakerlaken (Audiogedicht)


 

Schnürsenkel-Bänkelsang

Herrn Sparschuhs Schnürsenkel-Ärgernis
begann, als ihm einer der Schnürsenkel riss
und er (sein Schreck war nicht gering)
deshalb ganz plötzlich zu Boden ging.
Er musste danach gleich zum Schuhgeschäft laufen
und dort für viel Geld neue Schnürsenkel kaufen.
Dann verließ er eilig das teuere Haus
und dachte: »Na gut, ich seh schick damit aus.«
– bis die Senkel ihn aus dem Gedanken rissen,
sich verhedderten und ihn zu Boden schmissen.
Er versuchte, dafür die Gründe zu finden,
und beschloss, die Senkel nun fester zu binden.
Doch merkte er rasch, dass die Hoffnung wohl trog,
weil er bald schon erneut auf die Nase flog.
Er stand auf und murmelte finstere Schwüre:
»Verblödete, doofe, versenkelte Schnüre!
Kann man die denn nicht so herstellen,
dass die Träger nicht ständig zu Boden schnellen?«
Er humpelte fluchend zurück zum Laden
und sprach zur Verkäuferin: »Sehn Sie den Schaden?«
Sie dachte »Was für ein Schnürsenkel-Pinkel!«
und musterte ihn aus dem Augenwinkel.
»Haben sie denn«, sprach die Dame empört,
»noch nie etwas von Doppelknoten gehört?«
Weil ihm das nochmals Hoffnung gab,
humpelte er so die Straße hinab.
Doch die Hoffnung hat ihn erneut getrogen,
denn er fiel – und zwar diesmal in hohem Bogen.
Er sah nun aus wie ein einziger Fleck
aus Pfützenwasser und Straßendreck.
Trotzdem lief er zurück zum Schnürsenkelladen
und beklagte dort den erneuten Schaden:
Er sprach zu der Dame mit Würde und Stil,
wobei er erneut auf die Nase fiel.
Sie riet ihm, Badelatschen zu kaufen
oder nur noch in Pantoffeln zu laufen,
fragte dann, ob er noch bei Sinnen sei
und rief als er schimpfte die Polizei.
Er stand auf und floh mit hinkendem Schritt.
Zum Glück nahm der randvolle Bus ihn noch mit.
Als sie ihrem Ziel schon näher kamen
setzte er sich neben eine der Damen.
Als er aufstand, wollte auch sie aufstehen,
doch konnten sie nur noch zusammen gehen,
denn beider Schnürsenkel waren verbunden,
hatten unter der Bank zueinander gefunden.
Sie hinkten zusammen, sie freuten sich sehr
und wichen voneinander nicht mehr.
 

Durchsage am Strand

»Verehrte Badegäste!«, hörte man es hallen,
»Was ich zu sagen habe, wird wohl nicht gefallen,
jedoch aus allen Quallenquellen quellen Quallen –
wie schon gestern aus den Quallenquellen Quallen quollen,
und zwar sind dies große Quirle wirklich quälender Quallen,
die Ihnen zwischen den Wellen auf die Pelle schnellen
und manche Stellen potenziell mit bösen Dellen entstellen.
Sie sind nach der Berührung sicher derart verschwollen,
dass Sie blind verquollen in die Korallen knallen
und beim Beachvolleyball aufeinanderprallen,
weshalb Sie sich jetzt besser schnell mal trollen sollen,
wenn Sie Ihr Antlitz nicht gerne so verschwollen wollen!«
 

Durchsage am Strand (Audiogedicht)


 

Speiseplan nach Reimen

Ein Dichter glaubte plötzlich fest,
dass es sich besser dichten lässt,
erstellt man im Geheimen
den Speiseplan nach Reimen.
Ab da aß er noch Feta,
doch nur noch den aus Kreta,
er nahm auch noch gern Speisequark,
doch nur noch den aus Dänemark.
Man sah ihn mal um Quitten bitten
mit den Worten »Nur aus Witten!«,
er akzeptierte die Lidschis
nur noch von den Fidschis,
er bestellte die Endivien
ein paar Mal in Bolivien
und aß nur noch Rhabarber
direkt aus Pearl Harbour.

So weit, so gut – doch in der Mongolei
macht wohl niemand Apfelbrei.
Es war mit den Lachsen
so ’ne Sache in Sachsen
so wie mit den Zwiebelringen
aus Bingen und Sindelfingen,
kein Schwein in Bahrein
und keinen Käs‘ beim Chines‘,
– und in Oberammergau
fing niemand den Kabeljau.

Die Suche hielt ihn sehr auf Trab,
deshalb nahm er auch ziemlich ab
und kam dabei mitnichten
jemals noch zum Dichten.
Er dachte: Ob’s nicht leichter wär
mit schiefen Reimen, halb so schwer?
Erlaubt war‘n jetzt Rosinien
wenn sie aus Argentinien,
und einmal fand er Möhren
direkt von den Azören.

Trotz alledem blieb jedes Mal
der Einkauf eine große Qual:
»Ich hätte gern aus Herne
hundert Gramm Zimtsterne.«
– »Na bitte, schön, ja gerne!
Dann fahr’n Sie mal nach Herne«.
»Haben Sie denn auch Melonen
von den fernen Salomonen?«
– »Ich glaube, dass Ihr Kürbis
tatsächlich schon recht mürb is’.«
Er fühlte sich verloren –
doch hatte er’s geschworen.
Er zog nach Buxtehude
in eine Würstchenbude.
 

© Alex Dreppec
*Einige der Texte existieren bereits als Audio- oder Videomitschnitte.
Weitere Audiogedichte von Alex Dreppex finden Sie unter www.rossipotti.de

Alex Dreppec wurde 1968 in Darmstadt geboren, wo er auch heute noch lebt. Die Literatur wurde ihm förmlich in die Wiege gelegt. Auch sein Vater ist Lyriker und sein Großvater war ein großartiger Märchenerzähler. Deshalb begann Dreppec früh mit dem Schreiben. Er begeistert sich sehr für Poetry Slam und erfand den Science Slam, der sich international immer mehr ausbreitet. Auch seine Kindergedichte sind vom Slam geprägt. Er hat zahlreiche Gedichtbände veröffentlicht, zuletzt das Buch „Glasaugenstern“ (2015) und wurde 2004 mit dem Wilhelm-Busch-Preis ausgezeichnet. Leider gibt es von ihm noch keinen Gedichtband für Kinder.

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982) und »Der Alltag des Fortschritts« (1996). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erscheint seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her.«Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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