Gedichte für Kinder – Folge 8: Fünf unveröffentlichte Kindergedichte von Jutta Richter

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Die mutige Maus

Ich bin die kleine Maus.
Ich wohn im Mäusehaus.
Ich komme jeden Abend
zum Krümelfressen raus.

Ich komme um halb zehn.
Dann kann mich keiner sehn.
Die Küche ist ganz dunkel,
wo sonst die Menschen stehn.

Ich laufe auf den Schrank.
Der Weg ist schrecklich lang.
Wenn’s in der Ecke knistert,
dann wird mir angst und bang.

Der Kater ist nicht nett.
Ist groß und schwarz und fett.
Er will mich immer fangen,
als ob er Hunger hätt.

Ich bin der Katzenschreck.
Ich lauf dem Kater weg.
Ich sitze hinterm Ofen,
denn dort ist mein Versteck.

Wenn dann der Kater schläft,
dann komm ich wieder raus
und trag die dicken Krümel
schnell in mein Mäusehaus.
 

Wenn die Hasen

Wenn die Hasen
auf dem Rasen
springen
wenn Libellen
die ganz schnellen
singen
wenn die Tauben
Stöckchen rauben
gurren
und die Katzen
mit den Tatzen
schnurren
wenn am Montag
schon der Sonntag
scheint
wenn Mariechen
hinfällt und nicht
weint
wenn die Leute
nicht nur heute
lachen
wenn die Dichter
neue Reime
machen
wenn die Kinder
wieder auf der Straße
spielen
und mit Bällen
auf die Hauswand
zielen
dann ist klar
und wahr
gewiss
dass in dieser
Woche Frühling
ist
 

Schlaflied

Deine Puppe Marion
liegt im Bett, sie schläft ja schon
und dein Fahrrad vor dem Haus
ruht sich jetzt vom Fahren aus.
Dort im Schuhschrank deine Schuh
sind so müde, so wie du.

Deine Jacke an der Wand
träumt den Traum vom Jackenland
und das Märchenbuch will Ruh
klappt sich ganz von selber zu.
Dort im Schuhschrank deine Schuh
sind so müde, so wie du.

Deine Tasse himmelblau
schläft gleich neben dem Kakao
und dein Teller mit dem Zwerg
träumt von einem Griesbreiberg.
Dort im Schuhschrank deine Schuh
sind so müde … so wie du.

Mach die müden Augen zu
träum von einem Känguru
träume deinen Lieblingstraum
träum von einem Apfelbaum.
Dort im Schuhschrank deine Schuh
träumen ganz genau wie du.
 

Der Traum

Ich träumte einen schlimmen Traum
Ich träumte ganz allein
Ich war in einem fremden Raum
Da wollte ich nicht sein
Ich wollte rufen und blieb stumm
Ich hatte die Stimme verloren
Im Zimmer krochen Spinnen herum
Mit großen Segelohren
Da endlich bin ich aufgewacht
Zu dir ins Bett gekrochen
Du hast im Schlaf mir Platz gemacht
Es hat nach dir gerochen
Ich rücke nah an dich heran
Bin sicher hier und warm
Ich weiß, dass ich jetzt schlafen kann
in deinem weichen Arm.
 

Das Sumpfnilpferd

Ich bin das Sumpfnilpferd vom Nil
Ich ess nicht wenig
Ich ess viel
Ich trinke einen ganzen Fluss
Dann platze ich
Und jetzt ist Schluss
 

© Jutta Richter

Jutta Richter hat bereits mit 16 ihren ersten Roman geschrieben. Heute zählt sie zu den besten und wichtigsten Autoren der deutschsprachigen Kinderliteratur. Ihre Romane wurden in viele Sprachen übersetzt, ihre Gedichte stehen in fast allen Lesebüchern für die Schule. Sie hat den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Katholischen Kinderbuchpreis gewonnen. Was Gedichte angeht, so sind zurzeit zwei Bücher von ihr lieferbar: »Am Himmel hängt ein Lachen« (2009) und »Abends will ich schlafen gehen« (2014). Jutta Richter hat viele Jahre auf Schloss Westerwinkel, einem kleinen Wasserschloss im Münsterland, gelebt und wohnt inzwischen in einem alten, sanierten Fachwerkhaus in Herbern zwischen Dortmund und Münster.

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982) und »Der Alltag des Fortschritts« (1996). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erscheint seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her.«Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

2 Kommentare

  • Hallo, lieber Fehlerteufel,
    ich hör nicht mitten im Reim auf zu reimen! Der Vollständigkeit halber hier die letzte Zeile des Traumgedichts:

    Ich rücke nah an dich heran
    Bin sicher hier und warm
    Ich weiß, dass ich jetzt schlafen kann
    in deinem weichen Arm.

    Mit freundlichen Grüßen
    Jutta Richter

    • Liebe Frau Richter,

      haben Sie vielen Dank für Ihren Hinweis – wir haben soeben die fehlende Zeile auch oben im Text ergänzt!

      Herzliche Grüße
      Ihre Team von DAS GEDICHT blog

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