Gedichte mit Tradition, Folge 107: »Soldatenlied«

»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer

 

Jan-Eike Hornauer

Soldatenlied

Ich krieche gern durch Schlamm und Dreck,
denn da genau gehör’ ich hin,
ja, Kriechen ist mein Lebenssinn,
und stünd’ ich aufrecht, wär’ er weg.

Kriecht,
vorwärts,
kriecht!

Und wenn ich stehe, dann nur stramm,
die Hände an der Hosennaht.
Ich liebe das, ich bin Soldat
und Disziplin ist mein Programm.

Still,
alle,
still!

Ich denke immer gar nichts mehr,
dann trifft mich folglich niemals Schuld.
Es lebe der Soldatenkult!
Denn ohne ihn, da wär’ ich leer.

Hoch,
Truppe,
hoch!

Und dann die Waffe in der Hand,
bestückt mit scharfer Munition,
und nur ein Zuck, dann kommt’s mir schon
– das ist des Glückes Unterpfand.

Schnell,
ach so
schnell!

Mein Leben, das ist die Armee,
und nur die Uniform mein Kleid.
Hier bin ich selbst von mir befreit,
und endlich tut mir nichts mehr weh.

Stark,
oh wie
stark!

Hier bin ich nichts, hier bin ich wer,
hier bin ich euer Kamerad.
Die Uniform gibt mir Format,
es lebe das Soldatenheer!

Sol-
daten-
heer!

Hier sind wir nichts, hier sind wir wer,
ja unser Bund gibt uns Format!
Wir sind so gern, so gern Soldat!
Denn gar nichts tut uns hier mehr weh.
Das Leben heißt für uns: Armee,
und unser Kleid stets: Uniform.
Sie bringt uns alle in die Norm,
die U—hu—huni—form.
Hier sind wir nichts, hier sind wir wer,
wir lieben das Soldatenheer,
Sol—daha—haten—heer!

 

© Jan-Eike Hornauer, München
 

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Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.

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