Gratulation: Andreas Reimann zum 70. Geburtstag

Andreas Reimann. Foto: Ellen Eckhardt

Andreas Reimann. Foto: Ellen Eckhardt

Die Herausgeber von DAS GEDICHT gratulieren zusammen mit der Redaktion DAS GEDICHT und DAS GEDICHT blog dem großen Dichter und Querkopf Andreas Reimann ganz herzlich zum Geburtstag und wünschen ihm noch viele weitere kreative Jahre.

Zu Andreas Reimanns Geburtstag präsentieren wir Ihnen eine Auswahl seiner Gedichte auf DAS GEDICHT blog:
 

Tage in Barcelona

Wär ich gefahrn mit dem zuge, die landschaft
grad noch erhaschend, und also entfernung
als wandel begreifend! Wär mit dem schiffe
ich übergefahren, und also begreifend
entfernung als zeit! – Doch ich stieg
ins flugzeug, und wußte es vorher doch:
wer fliegt, der stürzt ab. Und erwachte
in der ordnung des wirbelsturms.

Und wußte auf einmal: ich wollte das leben
schon immer mir angeschehn lassen,
fast ohne ein zutun, wie die geburt.

Auch hätt‘ ich mich niemals zur wehr setzen müssen,
wär nicht so groß, so entschieden bescheiden
mein anspruch gewesen: ich wollte das gras
wachsen hören, und trinken den wein,
ohne dass eine bedrängnis
ihn in den becher mir goß.

Das leben: »Nimms einfach!«, so hieß es, und waren
die worte gedacht zur ermunterung stets:
hier waren sie endlich forderung auch.

Und abends die tänzer, die feuerwerksgarben,
pauken, tschinellen und cimbeln,
und gänzlich mit glitzern besprenkelt das meer
bis über die köpfe der heiteren, aber
unverwunderten leute!

Da stand ich erschüttert, und heulte
vor freude, freunde, und hemmungslos.
Und heulte, ach all ihr unwiderbringlich
verpaßten entfaltungen schmetterlingsgleich!,
vor wehmut desgleichen:
ein kind, und ein greis.
 

Empfehlung vor der hungernot

Die haselmaus weiß es, der hamster, die biene:
bevorrate dich! Das verderbliche mach
haltbar. Am besten, du trocknest es aus,
denn dann wird es zäh – das ist gut für’s gebiß! – ,
denn dann wird es leicht – das ist gut, wenn die gier
dir aufbuckeln möchte die randvolle kiepe,
indem sie dir flüstert: die hungersnot droht
gleich hinter dem griesbrei-gebirge!

Das pflaumenblau wird auf dem kuchenblech dörren
zu klebriger schwärze, mit farnsporenkleinen
kristallen aus innerem zucker besprenkelt:
das muß man schon wissen, sonst hält man das weiße
für schimmelbefall! Doch der wissende kann
auch nunmehr den schimmel mit zucker verwechseln:
bevorrate dich!, heißt: mit brechmitteln auch.

Doch letztres erübrigt sich (lehrt die erfahrung)
bei argloser innerer anwendung von
getrockneten pilzen. Es duftet so herbstherb
aus leinenem säckchen, so harzig und sonnig!
Und ob die marone marone gewesen:
auch dieses geheimnis nimmt mit man ins grab.

Vielleicht aber kommt man in solch einem fall
ja garnicht hinein!: ritter kahlbutz bei kyritz,
vermutlich durch eines lamellenpilzes
verzehr vergiftet (die flüssigkeiten
des leibes erbrochen und ausgedärmt plötzlich)
liegt offen zu tage, ganz ausgedörrt ohne
das zutun ägyptischer priester!

Und auch die am end der gelegenheiten
wie unerwartet aus dem asphalt
aufgetriebenen barrikaden
bleiben, wenngleich vertrocknet,
den spätren erhalten: in allen
amtststuben stehn sie, genannt
schreibtische nun, und dahinter
die pflaumentoffel, sich selber, die reste,
der revolutionen, verwechselnd
mit dem vorrat der revolution.
 

Der stein

Aufgehoben am strand: ein stein,
glattrundgeschliffen, doch allgemein.
Weder ein hühnergott, leicht zu durchschaun,
noch einer, in dem unterm roststumpfen braun
der sammler vermutet den kern aus kristall.

’s ist nur ein vom strande allüberall
geklaubter brocken. Gesucht nicht dort,
also gefunden? Selbst dieses wort
scheint all zu bestimmt für den vorgang zu sein:
ich aufhob am strande um nichts einen stein.

Vielleicht, das ein schwirr-licht ihn brachte zu tag,
als er noch zwischen den anderen lag,
ein blitz, der ins auge mir übersprang,
aber doch nicht ins bewußtsein mir drang,
so daß ich im glauben, ich nähme um nichts
den stein auf, ich’s tat in erinnung des lichts…

Doch wie dem auch sei: er ist auserwählt.

Selbst wenn dem betrachter er weniges zählt:
mir ist er die nähe, und läßt er mich ein
in ozean-dunkel und sonnenschein,
steht groß mir das staunen vorm deutbarer sinn:
er ist mir vertraut wie der anbeginn
jedweden beginnens, den ich nicht weiß… –

Aber es ist eine scharte im kreis:
der stein ist allein, seit der wandrer ihn fand,
Und tiefer ins land weht, erleichtert, der sand.

Anders ist heute der gestrige strand.
 

© Andreas Reimann, Leipzig

Illustration von Elisabeth Süß-Schwend zu »Der stein« von Andreas Reimann

Illustration von Elisabeth Süß-Schwend zu »Der stein« von Andreas Reimann

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