Humor in der Lyrik – Folge 11: Heinrich Heine (1797–1856): Vorsicht! Ätzender Humor!

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

 

»Er ist ein Kerl wie ein Gott, boshaft wie der Teufel, und dabei gutmütig, was man dagegen auch sagen mag«. So urteilte der Schriftsteller Théophile Gautier über ihn. »Boshaft wie der Teufel« ist Heine zweifellos, dass er auch »gutmütig« gewesen sein soll, mag man nicht so recht glauben. Denn schon im Alter von sechs Jahren füllt er die Schnupftabaksdose seiner Lehrerin mit Sand. Als sie ihn fragt, warum er das getan habe, zischt er: »Weil ich dich hasse!« Und so geht das weiter. Statt dem Geigenlehrer vorzuspielen, lässt er sich von ihm etwas vorgeigen, während er sich auf dem Sofa räkelt. Seinen Tanzlehrer, von dem er sich malträtiert fühlt, wirft er zum Fenster hinaus. Eine Banklehre gibt er auf, obwohl er erkannte, was heute längst Wahrheit geworden ist: »Ich habe früh eingesehen, daß den Bankiers einmal die Weltherrschaft anheimfällt.« Als sein reicher Onkel ihm Geld zum Aufbau eines Importgeschäftes gibt, versickert das rasch in der Pleite, worauf ihm Onkelchen ein Jurastudium in Bonn, Göttingen und Berlin finanziert. Wegen Duellaffären muss er mehrfach die Universität wechseln.

In Berlin wird er von der literaturbegeisterten Damenwelt, die beim Lesen seiner Herz-Schmerz-Gedichte, die er im »Buch der Lieder« veröffentlicht, dahinschmelzen, zum »Deutschen Byron« ausgerufen. Die angeblich schmalzigen Verse entfalten ihre ätzende Wirkung bei näherem Hinschaun, denn Heine pflegt Wort für Wort im Säurebad der Wirklichkeit zu veredeln. Seine Gegner finden ihn fies, seine Sprachgewalt brutal. In Deutschland hält es Heine deshalb nicht lange aus, denn hier wird er als Sprachschänder und Fremdling vielfach abgelehnt. Seine Ironie wird als unerträglich. empfunden:

Schau ich jetzt von meinem Berge
In das deutsche Land hinab,
Seh ich nur ein Völklein Zwerge
Kriechend auf der Riesen Grab …
Muttersöhnchen gehen in Seide
Nennen sich des Volkes Kern
Schurken tragen Ehrgeschmeide
Söldner brüsten sich als Herrn.

Wer sowas schreibt, ist ein Nestbeschmutzer. Zwar kennt Heine auch Weimar, den geistigen Mittelpunkt Deutschlands, wo er den alten Goethe besucht. Es kommt zu einem kurzen Zwiegespräch im pompösen Treppenhaus von Goethes Domizil. Als der Dichterfürst aber hört, dass Heine an einem »Dr. Faustus« arbeitet, komplimentiert er den Gast sofort hinaus. Heine verschwindet nach Paris, dem damaligen Mittelpunkt der Welt. Immer mehr entwickelte er den Spott zu seiner Königsdisziplin:

Heinrich Heine. Skizze: Alfons Schweiggert

Heinrich Heine. Skizze: Alfons Schweiggert

»Ich lache ob den abgeschmackten Laffen,
Die mich anglotzen mit den Bocksgesichtern;
Ich lache ob den Füchsen, die so nüchtern
Und hämisch mich beschnüffeln und begaffen.
Ich lache ob den hochgelahrten Affen,
Die sich aufblähn zu stolzen Geistesrichtern;
Ich lache ob den feigen Bösewichtern,
Die mich bedrohn mit giftgetränkten Waffen.
Denn wenn des Glückes hübsche Siebensachen
Uns von des Schicksals Händen sind zerbrochen,
Und so zu unsern Füßen hingeschmissen;
Und wenn das Herz im Leibe ist zerrissen,
Zerrissen, und zerschnitten, und zerstochen –
Dann bleibt uns doch das schöne gelle Lachen.«

Alle Niederlagen schärfen Heines ohnehin vorhandenen Hang zu Spott und Satire. Nicht einmal seine Rückenmarkschwindsucht, die ihn acht Jahre bis zum Tod in die »Matratzengruft« verbannt, wie er sein Krankenlager nennt, können seine Spottlust bannen. Als er stirbt und man sich sorgt, ob Gott ihm seine Sünden vergibt, spöttelt er: »Er wird mir verzeihen, es ist sein Beruf. « Sagts und schließt die Augen für immer. Zu seinen berühmten Gedichten gehört »Die Loreley!«, vielfach parodiert, etwa so:

Ich weiß nicht was soll es bedeuten,
Dass ich so lachen muss;
Heines Texte aus alten Zeiten,
sind wirklich ein Hochgenuss ….
Ich glaube vor allen Dingen,
dass nur er so bös spotten kann,
der Heine mit seinem Singen
hat uns ganz schön wehgetan.

Wie weh er uns noch heute tun kann, zeigen die vier Zeilen aus seinen »Nachtgedanken«:
Denk ich an Deutschland in der Nacht,
dann bin ich um den Schlaf gebracht.
Ich kann nicht mehr die Augen schließen
und meine heißen Tränen fließen.

Dem Zeitkritiker Heine begegnet man in seinem 1824 verfassten Reisebericht »Harzreise«, einer Mischung aus beißender Zeitsatire, Sprachspielen und romantisch angehauchten Naturbildern, aber auch in seinem Versepos »Deutschland – ein Wintermärchen«, das in den Jahren 1843/44 entsteht. Diese Collage aus Reisebericht und Zeitgeschichte enthält die Summe seiner politischen Erlebnisse und Erfahrungen dieser Zeit und stellt ebenfalls eine Mischung aus Scherz, Satire, Ironie und Sarkasmus dar.
Daraus der folgende kleine Ausschnitt:

[…]
Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew’gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
sobald die Schoten platzen.
Den Himmel überlassen wir
den Engeln und den Spatzen.

[…]

Aus: »Deutschland, ein Wintermärchen«, Caput I

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

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