Humor in der Lyrik – Folge 13: Frank Wedekind (1864–1918): »Der Tantenmörder«

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

Fangen wir mit dem Ende an. Bei Wedekinds Beerdigung auf dem Münchner Waldfriedhof kommt es zum Skandal. Damen des Rotlichtmilieus erweisen ihm die letzte Ehre und Heinrich Lautensack, sein fanatischer und geistig umnachteter Jünger, muss daran gehindert werden, sich ins offene Grab zu stürzen. Und die anderen? »Sie standen ratlos in Zylinderhüten./ Wie um ein Geieraas. Verstörte Raben, / Und ob sie (Tränen schwitzend) sich bemühten: / Sie konnten diesen Gaukler nicht begraben«. Das notierte Bert Brecht in sein Tagebuch. Wer war dieser Gaukler, der noch aus dem Grab heraus Aufsehen erregte?

In seiner Jugend soll er auf Wunsch des Vaters als Grundlage für einen ordentlichen bürgerlichen Beruf in München Jura studieren. Aber stattdessen fühlt er sich zur Dichtkunst hingezogen. Als der Vater entdeckt, dass sein Filius die Studiengelder für Kneipen- und Theaterbesuche vergeudet, kommt es zum Eklat. Bei einem heftigen Streit schlägt der Sohn dem Vater ins Gesicht, worauf der ihn aus dem Haus wirft und ihm die Apanage streicht. Von heute auf morgen muss sich der 23jährige Student sein Brot selber verdienen.

Er arbeitet als Werbetexter bei der Firma Maggi. Schon aus diesen Versen, von denen er rund 160 verfasste, blitzt der Spott. »Das wissen selbst die Kinderlein: Mit Würze wird die Suppe fein. Darum holt das Gretchen munter, die Maggi-Flasche runter«, dichtet der verkrachte Jurastudent. »Dichten war wie Kreuzworträtsellösen«, bekennt er seiner Jugendfreundin Sophie Haemmerli-Marti. »Vater, mein Vater! Ich werde nicht Soldat, die weil man bei der Infantrie nicht Maggi-Suppe hat.« – »Söhnchen, mein Söhnchen! Kommst Du erst zu den Truppen, so isst man dort auch längst nur Fleischconservensuppen.«

Doch schon bald mausert sich Wedekind zum respektlosen Lyriker und rebellischen Sänger bitterböser Balladen und zynischer Chansons gegen das Spießbürgertum. Verseucht von Schopenhauers und Nietz¬sches Gedankenwelt, beginnt er die Doppelmoral seiner Zeit radikal zu entlarven. Er bezeichnet Ehe und Familie als reine Geschäftsbeziehungen und rühmt Prostitution als die wahre, da freiwillige Liebe. Damit sind Konflikte mit dem scheinheiligen Pharisäertum der Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts vorprogrammiert.

In Oskar Panizza, Hanns von Gumppenberg, Albert Langen und Otto Julius Bierbaum findet er Gleichgesinnte. 1896 gründet er mit ihnen den »Simplicissimus«. Als Bürgerschreck praktiziert er selbst eine freizügige Moral, hat wechselnde Partnerinnen und mehrere Kinder mit ihnen. 1899 verbüßt er wegen eines Spottgedichtes auf Kaiser Wilhelm II. eine siebenmonatige Festungshaft. Als 1901 in München »Die Elf Scharfrichter« ihr Kabarett gründen, ist er dabei. Genüsslich seziert er verkrustete gesellschaftliche Zustände und schockiert die Zuhörer mit drastischen Balladen wie: »Ich habe meine Tante geschlachtet, meine Tante war alt und schwach.« Und auch mit Tragödien erschüttert er das Establishment.

1891 erscheint »Frühlingserwachen«. Das Spiel über Leidenschaft und Sexualität der Jugend und gegen geheuchelte Prüderie provoziert einen Aufschrei der Moralapostel. »Die Büchse der Pandora« wird 1903 wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften beschlagnahmt. In »Lulu«, seinem wohl bekanntestem Werk, triumphiert die Heldin, Sinnbild weiblicher Sexualität, über die Männer, die sie ausbeuten.

Theaterskandale säumen fortan seinen Weg. Er wird angefeindet, man blockiert seine Veröffentlichungen. Erst gegen Ende des Lebens erfährt er Anerkennung für seine expressionistischen Dramen und die skurrilen, satirischen Lieder und Gedichte. Noch auf dem Sterbebett soll er seine Lieder gesungen haben, so lange, bis er ins Koma fiel.
 

Der Tantenmörder

Ich hab meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach;
Ich hatte bei ihr übernachtet
Und grub in den Kisten-Kasten nach.

Da fand ich goldene Haufen,
Fand auch an Papieren gar viel
Und hörte die alte Tante schnaufen
Ohn Mitleid und Zartgefühl.

Was nutzt es, daß sie sich noch härme –
Nacht war es rings um mich her –
Ich stieß ihr den Dolch in die Därme,
Die Tante schnaufte nicht mehr.

Das Geld war schwer zu tragen,
Viel schwerer die Tante noch.
Ich faßte sie bebend am Kragen
Und stieß sie ins tiefe Kellerloch. –

Ich hab meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach;
Ihr aber, o Richter, ihr trachtet
Meiner blühenden Jugend-Jugend nach.
 

Frank Wedekind. Karikatur vor Th. Th. Heine

Frank Wedekind. Karikatur vor Th. Th. Heine

Die Schriftstellerhymne

Der Schriftsteller geht dem Broterwerb nach,
Mit ausgefransten Hosen.
Er schläft sieben Treppen hoch unterm Dach,
Mit ausgefransten Hosen. […]

Ist irgendwer gegen sein Schicksal erbost,
Mit ausgefransten Hosen,
Der Schriftsteller bringt auch dem Ärmsten noch Trost,
Mit ausgefransten Hosen. […]

Der König spricht nach, was ein Schriftsteller schrieb,
Mit ausgefransten Hosen.
Dem Volk ist er fast wie sein König so lieb,
Mit ausgefransten Hosen. […]

Der Schriftsteller ragt zu den Sternen empor,
Mit ausgefransten Hosen.
Er raunt seiner Zeit ihre Wonnen ins Ohr,
Mit ausgefransten Hosen. […]

Der Schriftsteller schafft am Webstuhl der Zeit,
Mit ausgefransten Hosen.
So wirkt er der Gottheit lebendiges Kleid,
Mit ausgefransten Hosen. […]

Und trägt er die Schriftstellerei zu Grab,
Mit ausgefransten Hosen,
Gleich lösen ihn hundert Schriftsteller ab,
Mit ausgefransten Hosen.
Schöner, grüner,
Schöner, grüner Lorbeerzweig, der dich neckt
Und die Stirn bedeckt, wenn der Lump verreckt,
Mit ausgefransten Hosen.
 

Ilse

Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren,
Ein reines unschuldsvolles Kind,
Als ich zum erstenmal erfahren,
Wie süß der Liebe Freuden sind.

Er nahm mich um den Leib und lachte
Und flüsterte: O welch ein Glück!
Und dabei bog er sachte, sachte
Den Kopf mir auf das Pfühl zurück.

Seit jenem Tag lieb ich sie alle,
Des Lebens schönster Lenz ist mein;
Und wenn ich keinem mehr gefalle,
Dann will ich gern begraben sein.
 

Der Gefangene

Oftmals hab ich nachts im Bette
Schon gegrübelt hin und her,
Was es denn geschadet hätte,
Wenn mein Ich ein andrer wär.

Höhnisch raunten meine Zweifel
Mir die tolle Antwort zu:
Nichts geschadet, dummer Teufel,
Denn der andre wärest du!

Hilflos wälzt ich mich im Bette
Und entrang mir dies Gedicht,
Rasselnd mit der Sklavenkette,
Die kein Denker je zerbricht.
 

Schluß

Ich wußte ehmals nichts davon,
Bin unschuldsvoll gewesen,
Bis daß ich Wielands Oberon
Und Heines Gedichte gelesen. –

Die haben sodann im Lauf der Zeit
Mein bißchen Tugend bemeistert.
Ich träumte von himmlischer Seligkeit
Und ward zum Dichten begeistert.

Auch fand ich, das Dichten sei keine Kunst,
Man müßt‘ es nur einmal gewohnt sein. –
Ich sang von feuriger Liebesbrunst,
Von Rosenknospen und Mondschein;

Besang der Sonne strahlendes Licht.
Viel Schönes ist mir gelungen.
Jeweilen mit dem schönsten Gedicht
Hab‘ ich mich selber besungen.

Und folgte treu der gegebenen Spur
Auf meine Muster gestützet;
Schrieb viele Bogen Makulatur. –
Wer weiß, zu was sie noch nützet? –

Und wenn das Dichten so weitergeht,
So darf ich im Tode behaupten:
»Am Ende war ich doch ein Poet,
Obwohl es die wenigsten glaubten.« –

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

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