Humor in der Lyrik – Folge 14: Wilhelm Busch (1832–1908): Ein böser Streich nach dem andern

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

»Wer ohne Max und Moritz aufwächst, wie soll der ein richtiger Mensch werden«, so ein geflügeltes Wort. Der Schöpfer dieses Lausbubengespanns, Wilhelm Busch, kam als 9-jähriger zu seinem Onkel, einem gebildeten Mann, der ihn unterrichtete und fürs Studium in Hannover vorbereitete. Der Vater, ein anständiger Kaufmann, träumte von einer seriösen Existenz seines Sprösslings, doch Wilhelm schmiss das Maschinenbaustudium und studierte Kunst in Düsseldorf, Antwerpen und München. In »Isarathen, wie man München nannte, durchzechte er mit Freunden manche Nächte – Busch liebte das Münchner Bier! –, und in beschwingter Laune entstanden viele beißende Karikaturen und boshafte Verse.

Da wurde der Verleger der satirischen Wochenschrift »Fliegende Blätter« und der »Münchner Bilderbogen«, Caspar Braun, auf ihn aufmerksam. Er lud Busch ein, bei seinen Publikationen mitzuarbeiten. Der sagte zu und lieferte innerhalb von fünf Jahren rund 130 Arbeiten. Am berühmtesten wurde seine Bildergeschichte »Max und Moritz«, die er zunächst unentgeltlich einem Dresdener Verlag zur Veröffentlichung anbot. Da der ablehnte, erschien die Lausbubengeschichte 1865 bei Caspar Braun, wodurch »Max und Moritz« in München das Licht der Welt erblickten.

Busch erhielt ein einmaliges Pauschalhonorar von 1000 Gulden. Mehr verdiente er nicht an diesem berühmtesten Kinderbuch in deutscher Sprache, das zu einem millionenfachen Welterfolg wurde. Doch dafür war er jetzt bekannt, und das zahlte sich dann doch aus, denn künftig konnte er von seinen Arbeiten recht gut leben. Übrigens, Streiche konnte Busch selbst nicht verputzen. Als ihm Jahre später einmal ein Frechdachs seine geliebten Rosen mit Absicht zugrunde richten wollte, konnte er sich vor Wut kaum beherrschen. Es »stank ihm gräuslig«, würde man in München sagen. Was hätten Max und Moritz zum Verhalten ihres Schöpfers wohl gesagt?

1872 kam Busch wieder in seine Geburtsstadt Wiedensahl, unternahm dann mehrere Reisen nach Italien und in die Niederlande. 1881 hielt er sich letztmals in München auf. Wenige Tage vor seinem 49. Geburtstag belästigte er im Münchner Künstlerhaus einen Hypnotiseur mit unmotivierten Zwischenrufen und führte sich in einem Lokal recht ungebührlich auf, indem er der Lenbach-Schwester den Stuhl fortzog, Speisen vom Tisch nahm und an die Wand klatschte. Tags darauf reiste er ab und sah München nie wieder. Als er im Alter von 75 Jahren starb, hinterließ er ein riesiges Werk: neben »Max und Moritz« zahlreiche weitere unvergessliche Bildergeschichten wie »Die fromme Helene«, »Hans Huckebein«, »Maler Klecksel«, »Plisch und Plum«. Sie wurden in mehr als 200 Sprachen übersetzt.

Bis heute gilt Busch in den Bürgerstuben der Deutschen als heiterer Hausgeist mit angeblich »goldenem Humor«. Doch er ist alles andere als ein gut gelaunter Spaßmacher. Vielmehr ist sein Humor doppelbödig und desillusionierend. Sein Werk ist durchsetzt mit Widerhaken aus Niedertracht und Boshaftigkeit. Seinen Helden fehlt jedes Talent zur Unterlassung des Bösen. Sie alle haben eines gemeinsam: eine unbelehrbare Lust an der Heimtücke. Das gilt auch für Kinder und Tiere. »Die Bosheit war sein Hauptpläsier«, heißt es über den Unglücksraben Hans Huckebein.

Alle Geschöpfe sind von Beginn an abonniert auf Gemeinheit, Hinterlist und Boshaftigkeit, ihr Hochmut paart sich mit einer ausgeprägten Neigung zur Gewalt. Golo Mann charakterisierte den Misanthropen Busch treffend als »mitleidenden Sadisten«, der unbarmherzig ein finsteres, tief pessimistisches Menschenbild zeichnet, das die Krönung der Schöpfung als ein unverbesserliches und asoziales Wesen darstellt. Seine Pointen sind von beklemmender Grausamkeit, seine Satiren verletzend bis hin zum Sadismus mit einer gehörigen Portion Selbsterkenntnis.
 

Als ich ein kleiner Bube war,
Da war ich schon ein Lump;
Zigarren raucht ich heimlich schon,
Trank auch schon Bier auf Pump.

Zur Hose hing das Hemd heraus,
Die Stiefel lief ich krumm,
Und statt zur Schule hinzugehn,
Strich ich im Wald herum.

Wie hab ich´s doch seit jener Zeit
So herrlich weit gebracht! –
Die Zeit hat aus dem kleinen Lump
`n großen Lump gemacht.
 

Den ausgeprägten Fatalismus verdankt Busch seiner Beschäftigung mit Arthur Schopenhauers pessimistischer Philosophie. Schonungslos zeigt er uns als dessen gelehriger Schüler die Abgründe der kleinbürgerlichen Existenz, wenn er etwa den engagierten Kleinbürger der Provinz als ein »unentbehrliches« Wesen zeichnet:
 

Wirklich, er war unentbehrlich!
Überall, wo was geschah
Zu dem Wohle der Gemeinde,
Er war tätig, er war da.

Schützenfest, Kasinobälle,
Pferderennen, Preisgericht,
Liedertafel, Spritzenprobe,
Ohne ihn da ging es nicht.

Ohne ihn war nichts zu machen,
Keine Stunde hatt´ er frei.
Gestern, als sie ihn begruben,
War er richtig auch dabei.
 

Geradezu genüsslich stellt Busch die seriösen Vertreter der bürgerlichen Mittelschicht bloß nach dem Motto: »Denn der Mensch als Kreatur / Hat von Rücksicht keine Spur.« Er ist und bleibt »ein Lump«, dem er nicht entfliehen kann:
 

Wenn wer sich wo als Lump erwiesen
so schickt man in der Regel diesen,
zum Zweck moralischer Erhebung
in eine andere Umgebung.
Die Luft ist gut, die Lage neu,
der alte Lump ist auch dabei.
 

Dabei verschonte sich Busch auch nicht selbst, beurteilte er sich doch ebenfalls als Mitglied jener boshaften, missgünstigen menschlichen Brut.
 

Mein kleinster Fehler ist der Neid. –
Aufrichtigkeit, Bescheidenheit,
Dienstfertigkeit und Frömmigkeit,
Obschon es herrlich schöne Gaben,
Die gönn ich allen, die sie haben.

Nur wenn ich sehe, dass der Schlechte
Das kriegt, was ich gern selber möchte;
Nur wenn ich leider in der Nähe
So viele böse Menschen sehe,
Und wenn ich dann so oft bemerke,
Wie sie durch sittenlose Werke
Den lasterhaften Leib ergötzen,
Das freilich tut mich tief verletzen.

Sonst, wie gesagt, bin ich hienieden
Gottlobunddank so recht zufrieden.
 

Wilhelm Busch

Wilhelm Busch

Man fragt sich, wie ein derart pessimistischer Autor mit einer so negativen Menschensicht diese beispiellose Beliebtheit erreichen konnte. Vielleicht deshalb, weil durch alle noch so bösen Zeilen stets auch treffender Humor blitzt und er so tröstende Verse schrieb wie vom Vogel, der auf dem Leim sitzt oder jene von dem Armen Poeten, dessen Eitelkeit »verzeihlich« ist:
 

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
Er flattert sehr und kann nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
Die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
Kommt er dem armen Vogel näher.
Der Vogel denkt: Weil das so ist
Und weil mich doch der Kater frisst,
So will ich keine Zeit verlieren,
Will noch ein wenig quinquilieren
Und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.
 

Verzeihlich

Er ist ein Dichter, also eitel.
Und, bitte, nehmt es ihm nicht krumm,
Zieht er aus seinem Lügenbeutel
So allerlei Brimborium.

Juwelen, Gold und stolze Namen,
Ein hohes Schloß im Mondenschein
Und schöne höchstverliebte Damen,
Dies alles nennt der Dichter sein.

Indessen ist ein enges Stübchen
Sein ungeheizter Aufenthalt.
Er hat kein Geld, er hat kein Liebchen,
Und seine Füße werden kalt.

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

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