Humor in der Lyrik – Folge 19: Günther Bruno Fuchs (1928 -1977): Der Meisengeiger

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

Auf die Welt gekommen ist er am 3. Juli 1928 in der Admiralstraße in Berlin-Kreuzberg. Sein Leben lang blieb er diesem Stadtteil treu. Den Vater lernt er nie kennen. Er sei als Maurer vom Gerüst gefallen, erzählt ihm die Mutter. Doch in Wahrheit hat er sich aus dem Staub gemacht. In den ersten Lebensjahren sieht Günther seine Mutter nur besuchsweise. Aufgezogen wird er von der ostpreußischen Großmutter und von ihrem großen Hund, auf dem er manchmal reiten darf wie auf einem Pony.

Als der Junge fünf Jahre alt ist, kommt Hitler an die Macht. Günther erlebt die protzigen Aufmärsche und spürt den Terror des Naziregimes. Ein jüdischer Schuster springt in den Landwehrkanal und ertrinkt. Später erinnert Fuchs im Lied vom »Kanalpenner« an diesen Mann: »Der Kanal hat eine Wasserleiche im Herzen. Das Herz ist das Schauhaus. Der Kanal hat seinen Schuster geschluckt. Der Schuster macht Schuhe für einen großen Fisch.« Mit fünfzehn Jahren wird Günther als Luftwaffenhelfer an eine Fliegerabwehrkanone gestellt. Mit sechzehn gerät er in Kriegsgefangenschaft. Zeitlebens hat er eine tiefe Abneigung gegen Uniformen jeder Art. Weihnachten 1945 kommt er ins zerbombte Berlin zurück. Das Haus, in dem er aufgewachsen war, steht nicht mehr.

Günther Bruno Fuchs. Zeichnung: Alfons Schweiggert

Günther Bruno Fuchs.
Zeichnung: Alfons Schweiggert

Als Maurerumschüler, Hilfsarbeiter, Student an der Hochschule für bildende Künste, Clown in einem Wanderzirkus, Schulhelfer in Ostberlin, Zechenarbeiter im Ruhrgebiet und Mitarbeiter der Westdeutschen Allgemeinen schlägt er sich recht und schlecht durchs Leben, ist permanent auf Wohnungssuche und hat nie Geld in der Tasche. Auch als Holzschneider und Graphiker, Illustrator seiner Texte, als Dichter, Fabulierer und Hörspielautor versucht er sich. Er kreiert eine wunderlich-wunderbare Stehgreifdichtung, eine unvergleichliche Nonsens-Poesie mit teils unfreiwilliger Komik. Oft sind es Aphorismus-kurze Sentenzen, die er von sich gibt wie: »Die Obrigkeit warf ihr letztes Auge auf uns. Nun tappt sie vollends im Dunkeln.“ Seine Phantasie scheint unbegrenzt, und die poetischen Einfälle fliegen ihm nur so zu. Es entstehen Berliner Großstadtgeschichten über Kneipengänger, Polizisten, und deutsche Toilettenfrauen, deren »Nationalhymne“ die Worte enthält: Des bin ich eingedenk und darfis tägloch fühlen: Im deutschen Manne wohnt ein Kind, das möchte immer spülen.“

Auch als Interpret seiner Text glänzt er, was ihm bald den Ruf eines Berliner Bohemiens und kauzigen Kreuzberger Kneipendichters einträgt. Doch in ein Raster lässt er sich nicht einordnen. Ist als Dichter in der deutschen Nachkriegsliteratur bis heute ohne Vergleich. Die Grundsubstanz seiner Arbeit bildet der Humor, subversiv und anarchisch, mit fröhlichem Spott auf alles, was Spießbürgern heilig ist. »Es gibt einen Omnibus, der fährt täglich von Hänsel nach Gretel. Es gibt einen Schaffner, der jede Hexe gratis mitfahren lässt. Nach Feierabend macht er halbe-halbe mit den Gebrüdern Grimm«, so lauten G.B. Fuchs´ »Behauptungen 10«.

Anfang der 60er Jahre bezeichnet er sich selbst als »freischaffenden Trinker«. Jahrelang sind die Berliner Kneipen sein eigentliches Zuhause. Doch ein Troubadour der Trinker und Dichter der Destille ist er deshalb noch lange nicht, auch wenn dies einige Titel seiner Bücher vermuten lassen, so etwa die »Trinkermeditationen« (1962), der »Pennergesang« (1965) oder »Herrn Eules Kreuzberger Kneipentraum« (1966). Mittlerweile gilt er, der sich selbst als »Lyriker, Holzschneider, Trinker« bezeichnet, als Enfant terrible. Im Lauf von nur 25 Jahren entstehen dreißig Bücher. Außerdem engagiert er sich als Mitbegründer von Galerien (»Zinke«) und Werkstätten (»Rixdorfer Drucke«), dazu als Herausgeber von Anthologien (»Die Meisengeige«) und von Zeitschriften (»Telegramme« und »Visum«).

Mitte der 70er Jahre wird es still um Günter Bruno Fuchs. Am Abend des 19. April 1977 findet ihn seine Mutter tot an seinem Schreibtisch, den Telefonhörer noch in der Hand. Nur 48 Jahre wird er alt. Sein Ehrengrab befindet sich auf dem Friedhof Columbiadamm. Unvergessen ist sein literarisches Werk, das nicht nur Gedichte, sondern auch Erzählungen, Romane, Hörspiele und Kinderbücher umfasst, die er oft mit eigenen Grafiken illustrierte.

Im Nachruf auf dieses »melancholische Weltkind« schreibt Rolf Michaelis: »An diesem schweren Mann war alles leicht: seine Rede und sein Gang, seine Gesten und seine Hand, seine Verse und sein Gesang. Nur eines wurde diesem geborenen Melancholiker schwer: das Leben. Er litt an der Kälte unserer Welt; aber da er aus Berlin stammte, ließ er es die anderen nicht merken, schrieb lieber (vermeintlich) Lustiges, versteckte seinen Schmerz hinter einem Kalauer, steckte die Nase in den Krug oder bestellte (wie sein Lektor Michael Krüger erzählt) sechzehn Bratwürste, nicht ohne die entgeisterte Kellnerin zu trösten: ›Ich esse sie natürlich nur aus Hochachtung vor Ihrer exzellenten Bratkunst.‹«

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.
 

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