Humor in der Lyrik – Folge 22: Paul Scheerbart (1863-1915): »Astralhumorist« und »Kosmokomiker«

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

Vier Jahre nach Paul Scheerbarts Geburt in Danzig starb die Mutter und als er zehn Jahre alt war auch der Vater, ein Zimmermann. Auf eine von Misserfolgen geprägte und vorzeitig abgebrochene Schulkarriere und dem Wunsch Missionar zu werden, weshalb er Theologie studiert, folgte eine mehrjährige Suche nach einem für ihn geeigneten Beruf. Nach Studien der Philosophie und Kunstgeschichte schrieb der 22-jährige Kunstkritiken für verschiedene Zeitungen. 1887 zog er nach Berlin, wurde Dichter und versuchte, das Perpetuum mobile zu erfinden. Zwei Jahre später veröffentlichte er sein erstes Buch »Das Paradies. Die Heimat der Kunst«. Die Ehe mit Anna Sommer, die er seinen »Bären« nannte und die ihm Unterschlupf und Fürsorge bot, so dass er sein »unstetes Leben« aufgeben konnte, war eher eine Beziehung wie zwischen Mutter und Sohn.

1892 gründete der »Astralhumorist« und »Kosmokomiker«, wie er sich selbst bezeichnete, den »Verlag deutscher Phantasten«, in dem 1893 sein Wunderfabelbuch »Ja,… was… möchten wir nicht Alles!« erschien. 1897 entwickelte er seine humorvoll gemeinte »ekoralapsische Richtung«, die das »Verstandenwerdenwollen« überwunden hat.

Auch wenn er seine Tage und Nächte gerne in Künstlerlokalen wie im »Café des Westens« oder im »Schwarzen Ferkel« verbrachte, schrieb er täglich und schuf als Absurdist und Satiriker, der das Pseudonym Kuno Küfer benutzte, in nur 25 Jahren ein umfangreiches Werk – mit mehr als 30 Buchausgaben und Hunderten von Einzelveröffentlichungen –, das er zumeist auch selbst illustrierte.

Paul Scheerbart. Zeichnung: Bruno Paul

Paul Scheerbart. Zeichnung: Bruno Paul

»Ich träume eigentlich zu allen Zeiten – auch mit offenen Augen am hellen lichten Tage«, gestand er einmal. »Sehr oft spiele ich mit den Sternen, klebe dem Monde lange Ohren an und knipse der Sonne die Nase ab, verspeise ein paar Kometen und reiße die Milchstraße entzwei.« Leider wurden seine Arbeiten von der Kritik eher belächelt und auch der Verkauf seiner Bücher ließ sehr zu wünschen übrig. Selbst sein Roman »Die große Revolution – Mondroman«, den er für ein breites Publikum schrieb, wurde nicht der erhoffte Verkaufsschlager. Seinen Frust ertränkte der Außenseiter und Außendenker zunehmend im Alkohol, der ihm zum lebenslangen Begleiter wurde. Da er sich das Leben in der Großstadt Berlin bald nicht mehr leisten konnte, zog er Ende 1900 mit seiner Frau Anna auf die Insel Rügen. Doch die finanzielle Not nahm nicht ab. »Aus Wut bin ich sogar Humorist geworden, nicht aus Liebenswürdigkeit«, äußerte er 1901.

1909 verlegte der junge Ernst Rowohlt als eines der ersten Bücher des Rowohlt Verlags Scheerbarts skurrile Gedichtsammlung »Katerpoesie«. Der Schlussvers des Gedichts »Sei sanft und höhnisch« lautet: »Charakter ist nur Eigensinn. Es lebe die Zigeunerin!« Diesen Vers zitierte Rowohlt besonders gerne.

Auch als Verfasser von Gedichten zählte Scheerbart nach dem Urteil seines Dichterkollegen Erich Mühsam zu den »humorvollsten Phantasten und dem phantasievollsten Humoristen.«
 

Manches Gedicht
Manches Gedicht mit viel Genie
Ist nur Verhöhnung der Poesie.
 

Der lachende Engel
Wie war’s doch nur?
Im Himmel schwebten
Große blanke Diskusscheiben —
Auf denen drehten sich blutrote Nüsse.
Doch alles schlug ein böser Geist entzwei.
Ein Engel lacht dazu
Und spritzt mit Vitriol.
Jawohl! Jawohl
 

Eine ganz eigene Qualität besitzen Scheerbarts spielerische Lautgedichte, die seine Nähe zu den dadaistischen Formulierern aufzeigen.
 

Monolog des verrückten Mastodons

Zépke! Zépke!
Mekkimápsi – muschibróps.
Okosôni! Mamimûne …….
Epakróllu róndima sêka, inti …. windi …. nakki; pakki salône hepperéppe – hepperéppe!!
Lakku – Zakku – Wakku – Quakku ––– muschibróps.
Mamimûne – lesebesebîmbera – roxróx – roxróx!!!
––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––
Quilliwaûke?
Lesebesebîmbera – surû – huhû
 

Kikakokú!

Ekoraláps! Wîso kollipánda opolôsa.
Ipasátta íh fûo.
Kikakokú proklínthe petêh.
Nikifilí mopaléxio intipáschi benakáffroprópsa
pî! própsa pî!
Jasóllu nosaréssa flîpsei.
Aukarotto passakrússar Kikakokú.
Núpsa púsch?
Kikakokú bulurú?
Futupúkke – própsa pî!
Jasóllu … … …
 

Von Architekten, die er zu verschiedenen Ideen und Projekten anregte, wurde Scheerbart höher geschätzt als von den Literaturwissenschaftlern seiner Zeit. Das Thema Glasarchitektur beschäftigte ihn zeitlebens. Seine visionären Arbeiten dazu hatten auf die jungen Architekten eine prägende Wirkung, seine Ideen gingen später sogar ins Bauhaus ein. »Die Erdoberfläche würde sich sehr verändern, wenn überall die Backsteinarchitektur von der Glasarchitektur verdrängt würde«, äußerte er 1914. »Es wäre so, als umkleidete sich die Erde mit einem Brillanten- und Emailschmuck. Die Herrlichkeit ist gar nicht auszudenken. Und wir hätten dann auf Erden überall Köstlicheres als die Gärten aus Tausendundeiner Nacht. Wir hätten dann ein Paradies auf der Erde und brauchten nicht sehnsüchtig nach dem Paradiese im Himmel auszuschauen.«

Buntschillernd und glashell wirken auch Scheerbarts Texte, mit denen er den Leser aktivieren möchte, am »Unendlichkeitszauber«, am »Zukunftsrausch« und am »Hoffnungsglück« seiner Werke teilzuhaben.
 

Delirium! Delirium!
Ein Dékadencebild

Alte Knaben sitzen auf den leersten Tonnen,
Und die Nächte siegen über alle Sonnen.
Hinten nagen unsichtbare weiße Mäuse
An dem bös zerbeulten großen Hirngehäuse.
Hör doch, wie die ganze Schädelhöhle quarrt!
Ist die alte Rinde »wirklich« noch so hart?
Alles geht zu Ende – auch der dickste Kopf
Ach, die weißen Mäuse haben dich am Schopf!
Glaubst du, Läuse sitzen bloß in deinem Puder?
Nein, du bist ein unverschämtes dummes Luder,
Und die Frechheit kommt in erster Reihe ran.
 

Zu Scheerbarts frühem Tod am 15. Oktober 1915 haben zweifellos der exzessive Bier- und Tabakkonsum beigetragen. Ob er nun aber, wie Walter Mehring behauptete, als überzeugter Pazifist aus Protest gegen den Ersten Weltkrieg jede Nahrungsaufnahme verweigert habe und daran gestorben sei, oder an einem Schlagfluss, wie andere behaupten, oder wie seine Witwe notierte, er »halb und halb gewollt« aus dem Leben schied, da er des Krieges wegen »lebensüberdrüssig geworden« sei, das sei dahingestellt. Sein Dichterfreund Richard Dehmel äußerte bei der Nachricht von Scheerbarts Tod: »Ich kann nicht trauern; wir waren niemals traurig zusammen, ich habe nur immer mit ihm gelacht…«

Heute sind seine Geschichten, Romane, Theaterstücke und Gedichte jedenfalls völlig zu Unrecht weitgehend vergessen. Erich Mühsam prophezeite: »Die Zeit wird kommen, die Scheerbarts Lachen wieder lernen wird, das große und befreiende Lachen, das aus dem weiten glücklichen Weltall stammt, wo es keine Not und keine Kriege gibt. Es wird die Zeit sein, die auch Scheerbarts Bücher wieder drucken, lesen und mit ernsthafter Heiterkeit genießen wird. « Eigentlich wäre es für diese Zeit jetzt allerhöchste Zeit.
 

Das Königslied

Ich bin der lachende König der Welt. Was willst
du essen? Was willst du trinken? Ich kann dir Alles geben, Alles.
Glaubst du, ich sei arm? Dummes, kleines Kind!
Siehst du da drüben überm Meere die unzähligen Sterne?
Weißt Du, wem sie gehören? Mir gehören die Sterne.
Denn ich bin so selig, daß niemand seliger sein kann.
Und
wer etwas selig anschaut, der besitzt das, was er anschaut. Siehst du, jetzt weißt du, was Eigentum ist.
Willst du nun die Königin der Welt sein? Neben mir auf meinem großen Throne? Willst du?
Sei selig: und du bist Königin!
Komm und sitze an meiner Seite! Wir sind ein lachendes Herrscherpaar.
Was willst du essen? Bah, sei selig: und du brauchst nicht zu essen.
Sei selig: und du brauchst auch nicht mehr trinken.
Dein Auge sei dein Reichsapfel, dein trunken empor sich reckender Arm dein Scepter: so jetzt herrschen wir über die Welt.
Hei, tanze mit mir! Drüben durchs Gebüsch rennen unsre Diener;
die sind gehorsam; siehst du sie?
Nein?
So schließe dein Auge! Dann kannst Du Alles sehen, Alles haben,
Alles.
Doch du lachst noch nicht so, wie’s Königinnen ziemt.
Lach’ so wie ich!
Sonnen, Sterne tanzen mit dir.
O komm: rase mit mir!
Nein, nicht toll! Tanze, tanze mit mir …

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.
 

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