Humor in der Lyrik – Folge 3: Kurt Schwitters (1887–1948), künstlerischer Phantast und kreativer Bürgerschreck

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

 

Ein Traumbild steigt auf: Ein Mann in einem vielwinkligen, verschachtelten Haus, ein säulenartiges Gebilde voller Höhlen, steht auf einer schiefen Treppe, klebt an die Wände Bilder, Zeitungsblätter, Paketadressen, Straßenbahnbilletts, montiert Holzklötze, Teile aus Wagenrädern, verrostete Sprungfedern, Garderobenmarken, Blechdosen, Glassplitter und murmelt wie besessen vor sich hin: »Fümms bö wö tää zää Uu, pögiff, kwii Ee. Oooooooooooooooooooooooo, dll rrrrr beeeee b, dll rrrrr beeeee bö fümms bö. Rinnzekete bee bee nnz krr müü?« Dann entfernt er einige Deckenteile zwischen den Etagen des Hauses, steigt aufs Dach und kräht fröhlich gen Himmel: »Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir! Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- wir? Das gehört beiläufig nicht hierher! Wer bist Du, ungezähltes Frauenzimmer, Du bist, bist Du?« Der Traum bricht ab. Schweißgebadetes Erwachen. Ein Kuwitter-Alptraum vom Feinsten.

Kurt Schwitters, so sein eigentlicher Name, Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns, seit 1918 dann Maler, Dichter und Werbegrafiker und in nahezu allen Kunstformen aktiv, wütete zu Dada-Zeiten, ohne sich dem Dada-Kreis zugehörig zu fühlen. Als künstlerischer Einzelgänger und Außenseiter »merzte« er sich alleine durch Leben und die Kunst, die ihm eins waren.

Das Wort »Merz« entdeckte er auf einer Annonce der Com(merz)bank. Und seither schaute er sich um nach dem, was vor ihm lag, hob es auf, verbaute den ganzen Müll zu Bildern, auch in einem eigenen begehbaren Bau, den »Merzbau«, gefüllt mit Skulpturen, Plastiken und Collagen sowie in seinen unvergleichlichen Lautgedichten und poetischen Werken, in denen er gestempelte oder gedruckte Wörter zu Figurationen anordnete. Es entstanden Texte wie die »Ursonate« und »Anna Blume«, aus dem die obenzitierten Wortfetzen stammen. Bei seinen Vorträgen ließ er Vokale explodieren, zischte die Konsonanten spitz heraus, dass es nur so sch-pritzte, schrie plötzlich »Wand« oder »Acht«, dass alles zusammenfuhr und schockierte damit Bourgeoisie und Dadaisten gleichermaßen. Entrüstung und Hohngeschrei über seine Arbeit machten ihn nicht irre.

Schwitters wuchs zu einem Collagier-Giganten, einem Großmeister der Collage heran und gab von 1923-1932 die dadaistische Zeitschrift »Merz« heraus, in der er Leben als Zusammengeschnittenes, Geklebtes und Zusammengeklaubtes präsentierte. »Merz ist Konsequenz. Merz bedeutet Beziehungen schaffen, am liebsten zwischen allen Dingen der Welt«, so Schwitters Postulat. »Merz« war für ihn alles, Ausdruck seiner Kunst, seines Lebens, das er als ein Gesamtkunstwerk betrachtete. Nicht »Ausmerzen« war seine Parole, wie dies bei jenem üblen Gröfaz (Größter Führer aller Zeiten) des Dritten Reiches der Fall war, der Recht und Menschlichkeit ausmerzen wollte. Schwitters merzte vielmehr Neues aus »alten Scherben«, baute Zerstörtes als Protest gegen Zerstörung und Krieg neu auf, vermerzte Banales zu Kunst, indem er es entformelte und umformte. »Ich habe Banalitäten vermerzt«, gestand er selbst, »d.h. ein Kunstwerk aus Gegenüberstellung und Wertung an sich banaler Sätze gemacht.« Er riss alles von seinem ursprünglichen Sinn, bis es sinnlos wurde, um ihm einen neuen Sinn zu geben, auch wenn dieser Sinn von den meisten, für die Sinn zweckgerichtet sein musste, nicht als Sinn begriffen wurde.

Insgesamt entstanden drei Merzbauten. Der erste Bau 1923 in Hannover in Schwitters Wohnhaus und Atelier, die er zu einem höhlenartigen Gebilde verwinkelte, das er »Nibelungenhort«, »Lustmordhöhle«, »den zehnprozentigen Kriegsbeschädigten«, »Bordell« und »Klosettfrau des Lebens« nannte. In Norwegen, wohin er 1937 vor den Nazis emigrierte, die seine Kunst als »entartet« verfemten, wuchs sein zweiter Merzbau in die Höhe und der dritte und letzte in England, wohin er 1940 weiterfliehen musste. Die ersten beiden wurden Bomben und Flammen zerstört, der dritte Merzbau ist erhalten, wenn auch nur unvollendet, da er 1948 vor dessen Vollendung starb. Letzteren Merzbau nannte Schwitters »KdeE« – »Kathedrale des erotischen Elends« mit der Begründung: »Der Name KdeE ist nur eine Bezeichnung. Er trifft vom Inhalt nichts oder wenig, aber dieses Los teilt er mit allen Bezeichnungen, zum Beispiel ist Düsseldorf kein Dorf mehr, und Schopenhauer ist kein Säufer.«

Bereits seit 1931 war Schwitters von seinem Stellenwert in der Geschichte der modernen Kunst überzeugt. »Ich weiß, daß ich als Faktor in der Kunstentwicklung wichtig bin und in allen Zeiten wichtig bleiben werde. Ich sage das mit aller Ausdrücklichkeit, damit man nicht nachher sagt: ›Der arme Mann hat ja gar nicht gewußt, wie wichtig er war.‹« Schwitters »Ursonate«, so meldete die Presse, habe sogar bereits eine lebensrettende Funktion erfüllt. Dem britischen Jazz-Sänger George Melly lauerten angeblich einmal vor einem Club in Manchester eine Gruppe gewaltbereiter Hooligans auf. Doch als Melly begann, die »Ursonate« zu rezitieren, zog sich die Bande verstört zurück, worauf Melly eine »Ursonaten«-Kurzfassung unter dem Titel »Sounds that saved my life« – »Klänge, die mir das Leben retteten« aufgenommen haben soll.

1948 endete Kuwitters Leben, diese Collage von Schicksal, Ereignissen, Einflüssen, von Glück und Unglück, Erfolg und Misserfolg. Wie sich seine poetischen Toncollagen anhören, kann man bei youtube genießen, wo seine »Anna Blume« und seine »Sonate in Urlauten« rezitiert werden.

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

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