Humor in der Lyrik – Folge 31: Karl Kraus (1874-1936): »Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen langen Schatten.«

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

Auf den von ihm erhaltenen Fotoporträts schaut er meist streng und man glaubt einen Staatsanwalt oder Richter vor sich zu haben, mit dem nicht zu spaßen ist. Und so etwas wie ein Staatsanwalt und Richter war er ja auch, denn er befasste sich mit »Straftaten im Bereich der Sprache« und die Dichter und Journalisten zitterten vor seinem Urteil. Wen er lobte, der konnte vorerst einmal aufatmen. Doch wen er einmal ins Visier genommen hatte, der musste sich nicht selten auf eine lebenslange Sprachverfolgung einstellen. Zwar wehrten sich viele mit Beleidigungs- und Verleumdungsklagen dagegen, dass er sie mit Hohn und Spott überzog, doch die meisten Prozesse gewann er – der Sprachrichter Karl Kraus und seine Opfer mussten erleben, dass Worte gefährliche Waffen sein können.

Karl Kraus

Karl Kraus

Dabei begann das Leben dieses wortgewaltigen Kritikers völlig unspektakulär. Geboren als Sohn eines jüdischen Papierfabrikanten machte er in Wien Abitur, studierte Jura, Germanistik und Philosophie, was ihm alles nicht so recht behagte, bevor er dann 1899 im Alter von nur 25 Jahren die bis heute legendäre Zeitschrift »Die Fackel« gründete, in der vorrangig er selbst versuchte, in aufrüttelnden Beiträgen »den Phrasensumpf der Sprache trockenzulegen«. Die Zeitschrift brachte es auf 415 Ausgaben in 922 Nummern mit insgesamt 23 000 Seiten.

Von sich selbst war Kraus stets überzeugt und so lobte er fast hochnäsig die gute Luft seiner eigenen Sprache: »Meine Sätze leben nur in der Luft meiner Sätze; so haben sie keinen Atem. Denn es kommt auf die Luft an, in der ein Wort atmet, und in schlechter krepiert selbst eines von Shakespeare.«

Obwohl er mit Steinen warf, wagte sich Kraus auch an eigene dichterische Arbeiten und begab sich damit ins Glashaus. 1916 erschien der erste von neun Gedichtbänden mit dem Titel »Worte in Versen«. Irrtümlich bildete er sich ein, einer der ganz großen Lyriker zu sein, doch diese seine Selbsteinschätzung wird heute nur noch bedingt geteilt. Das Pathos in etlichen seiner Gedichte ist oft nur schwer erträglich. Heute wird mehr der Aphoristiker Kraus geschätzt als der Lyriker, von dem Gedankenblitze wie die folgenden stammen:
 

»Es ist nicht wahr, daß man ohne eine Frau nicht leben kann.
Man kann bloß ohne ein Frau nicht gelebt haben.«

 

»Die Mission der Presse ist, Geist zu verbreiten
und zugleich die Aufnahmefähigkeit zu zerstören.«

 

»Krieg – das ist zuerst die Hoffnung, daß es einem besser gehen wird,
hierauf die Erwartung, daß es dem anderen schlechter gehen wird,
dann die Genugtuung, daß es dem anderen auch nicht besser geht,
und hernach die Überraschung, daß es beiden schlechter geht.«

 

Aufsehen erregte Kraus mit seinem Antikriegsdrama »Die letzten Tage der Menschheit«, das 1918/19 in Sonderheften der »Fackel« erschien. Darin thematisierte er den Niedergang einer Welt, in der Krieg als »heiliger Verteilungskrieg« dargestellt ist. Seine darin geäußerte Warnung an die Menschheit vor dem drohenden Untergang ist heute aktueller denn je.

In seinem Essay »Von Humor und Lyrik« aus dem Jahr 1921 beklagt sich Karl Kraus über »die überwältigende Humorlosigkeit der deutschen Literatur.« Am Ende lässt er nur eine Ausnahme gelten, die Humor habe: der von ihm sehr geschätzte Nestroy. Und auch in ganz wenigen seiner eigenen Gedichte versuchte Karl Kraus dann doch ein wenig Humor aufblitzen zu lassen, den man ihm, dem bitterbösen Satiriker, so gar nicht zugetraut hätte.
 

Unsere Post

Dies ist nun hierzuland der Brauch:
die Post ist findig, doch verliert sie auch.
Du beklagst den Verlust von einem Brief?
Du wusstest doch selber, es gehe schief!
Was immer dir widerfährt durch die Post,
ein jeder Verlust hat in sich schon den Trost.
Du gabst einen Brief auf die Post – nun eben:
da hattest du ihn doch aufgegeben.
 

Das Berufsgeheimnis

Viele würden in Redaktionen rennen,
bedürfte es nicht die spezialste der Gaben.
Es genügt nicht, keinen Gedanken zu haben:
man muß ihn auch ausdrücken können.
 

Traum vom Fliegen

Und wieder mir träumte, ich wäre geflogen,
und dieses mal war es doch sicherlich wahr,
denn ich hatte so leicht wie die Luft ja gewogen
und hatte die Knie an den Körper gezogen,
und es ging wie im Flug, im beherztesten Bogen
hoch über der schwergewichtigen Schar,
es war keine Täuschung, ich war nicht betrogen,
es flogen die Stunden, die Tage, das Jahr.

Mit fliegenden Hoffnungen vollgesogen,
so wach’ ich mit müderen Gliedern auf.
Zu Lande ist Leben; und angelogen,
vom leichtesten Trug an der Nase gezogen,
aus allen Himmeln zur Erde geflogen,
da lieg’ ich, da liegen die Lügen zuhauf.
Und trotzdem bleib’ ich dem Traume gewogen,
so läuft er sich leichter, der Lebenslauf.
 

Auch sein eigenes Leben meisterte Karl Kraus mit einer Portion Galgenhumor, mit der in dem vorhergehenden Gedicht auch der Träumer nach dem Höhenflug die unsanfte Landung beim Erwachen bewältigt. Unter anderem sagte sich Kraus vom Judentum los und wurde katholisch, trat nach dem Ersten Weltkrieg aber wieder aus der katholischen Kirche aus, vor allem deshalb, weil »die Menschheit durch die von der katholischen Kirche gesegneten Waffen zugrunde gegangen ist.«

Nach Hitlers Machtergreifung 1933 befasste er sich in dem monumentalen Text »Die Dritte Walpurgisnacht« mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und den ersten Monaten ihrer Herrschaft. Dieses Werk wurde allerdings erst 1952 posthum publiziert. 1936 erschien im Februar die letzte Ausgabe der »Fackel«.

In dieser Zeit wurde Kraus nachts von einem Radfahrer niedergestoßen. Heftige Kopfschmerzen und Gedächtnisschwund waren die Folge. Wenige Monate später, am 12. Juni 1936, erlag er einer Herzerkrankung, an der er schon seit 1933 litt. Sein Ehrengrab befindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof. Als Publizist, Satiriker, Lyriker, Aphoristiker, Dramatiker, Förderer junger Autoren, Sprach- und Kulturkritiker sowie vor allem als scharfer Kritiker der Presse und des Hetzjournalismus oder, wie er selbst es ausdrückte, der Journaille, bleibt Karl Kraus bis heute geachtet. Aber auch Gedichte von ihm, in denen Humor aufblitzt, liest man immer wieder gerne wie sein
 

Epigramm aufs Hochgebirge

Text einer Ansichtskarte:
»Wenn diese Berge dem größten
Dichter neue Kräfte geben könnten –
wie viel schöner wären sie!«

Es ist der schönsten Berge Eigenschaft:
sie geben nicht dem Geist, sie nehmen Kraft.
Der Bürger fühlt sich im Gebirg erhoben;
talwärts ist meine Phantasie zerstoben.
Am Alpenglühn entflammen keine Lichter.
Vor höherm Berg gibts nur geringern Dichter.
Die Luft der Alpe schafft des Alpdrucks Qual.
Um hoch zu steigen, bleibe ich im Tal.

Den Höhenrausch trink‘ ich nicht von den Höhn.
Um Sturm zu haben, brauch‘ ich nicht den Föhn.
Zu andrer Freiheit bin ich aufgerafft;
die hier bringt meine Sinne in Verhaft.
Den Gletschern dank‘ ich keine Geistesfrische;
mir liegt nicht allzusehr das Malerische.
Oft wirkt Natur der Leere nur das Kleid.
Mich lockte nie die Sehenswürdigkeit.

Wo so viel fertige Schönheit gegenwärtig,
ist keine Dichtung, nur der Dichter fertig.
Und keine Lyrik, Epos oder Drama
schenkt sich dem sogenannten Panorama.
Umsonst ist’s, daß ich auf den Genius warte.
Natur ist häufig eine Ansichtskarte.
Der schönste Schnee wird schließlich doch zum Schlamm.
Es ist die Landschaft für ein Epigramm!
 

Marcel Reich-Ranicki bescheinigte Karl Kraus allerdings nur »viel Witz«, aber »wenig Humor.« Und er fügte hinzu: »Scharfsinn war ihm gegeben, aber keine Weisheit. Sein Spott und seine Ironie waren so zielsicher wie aggressiv. Doch das, was man bei den Satirikern der Weltliteratur stets findet, sucht man bei ihm vergeblich: Selbstironie.«

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

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