Humor in der Lyrik – Folge 38: Heinrich von Kleist (1777 – 1811): Der mit dem »Zerbrochenen Krug«

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

»Was du für dieses Erdenleben tun sollst, das kannst du begreifen, was du für die Ewigkeit tun sollst, nicht; und so kann denn auch keine Gottheit mehr von dir verlangen, als die Erfüllung deiner Bestimmung auf dieser Erde. Schränke dich also ganz auf diese kurze Zeit ein. Kümmre dich nicht um deine Bestimmung nach deinem Tode, weil du darüber leicht deine Bestimmung auf dieser Erde vernachlässigen könntest.«

So die Ansicht des großen deutschen Dichters Heinrich von Kleist, der in eine preußische Offiziersfamilie hineingeboren wird, damit einen glänzenden Start ins Leben hat mit allen Möglichkeiten zu einer Karriere in Preußen ohne finanzielle Probleme oder Zwänge, welcher Art auch immer. Doch sein Leben verläuft prall gefüllt mit grandiosen Misserfolgen. Dem Militär kehrt er enttäuscht den Rücken, bricht seine Studiengänge in Mathematik, Kulturgeschichte, Philosophie und so weiter ab, unternimmt ziellose Reisen, schwelgt immer wieder in Todesgedanken und leidet unter seiner dichterischen Erfolglosigkeit. Obwohl er ein genialer Dramatiker und meisterhafter Erzähler ist, findet er zu Lebzeiten keine Anerkennung. Ebenso bedrückt ihn permanentes Liebesleid. Er nervt seine Verlobte Wilhelmine von Zenge mit Briefen und bezichtigt sie des Verrats, weil sie ihm nicht in die Schweiz in ein bäuerliches Leben folgen will. Später lebt er in Dresden und Berlin. Immer wieder ist er deprimiert, unzufrieden und überzeugt, dass die Welt für den Menschen undurchschaubar bleibt und wir die letzte Wahrheit nicht erkennen können. Nervlich angeschlagen, beruflich enttäuscht, finanziell ruiniert und von seiner Familie verstoßen wird das Leben für ihn schließlich sinnlos. Im Alter von nur 34 Jahren eilt er am 21. November 1811 mit der 31 jährigen krebskranken Henriette Vogel auf eine malerische Anhöhe am Berliner Wannsee, wo er mit ihr scherzt und herumtollt wie ein Kind, Kaffee und Rum trinkt, bevor er seine Todesgefährtin und dann sich selbst mit zwei schnellen Schüssen entleibt. Wie dem Abschiedsbrief an seine Lieblings(halb)schwester Ulrike entnommen werden kann, ist er vor seinem Ende »zufrieden und heiter« und »mit der ganzen Welt versöhnt. Die Wahrheit ist« versichert er ihr, »daß mir auf Erden nicht zu helfen war.« Dann wünscht er ihr »einen Tod, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit dem meinigen gleich« und segnet kurz darauf das Zeitliche. So endet der wohl berühmteste Doppelsuizid der Literaturgeschichte. Dabei ist Kleist kein Dichter von der traurigen Gestalt, sondern ein durchaus aufgeräumter Mensch, der sich selbst in den verfahrensten Situationen herausnimmt, glücklich zu sein.

Warum wir Kleist bis heute zu den großen deutschen Lustspieldichtern zählen, dafür ist vor allem seine in Blankversen verfasste Komödie »Der zerbrochene Krug« verantwortlich. Sie zählt zu den großartigsten deutschen Lustspielen. Mit ihrem drastischen Witz und treffsicheren Pointen überzeugt sie bis heute und kommt immer wieder auf die Bühne.

Wer kennt und liebt ihn nicht den Dorfrichter Adam, der einen Klumpfuß hat und sich nachts zur jungen Eva Rull ins Haus schleicht. Er wird von ihrem Verlobten Ruprecht ertappt und erhält von ihm einen Schlag auf den Kopf. Adam, der in der Dunkelheit unerkannt bleibt, verliert auf der Flucht seine Perücke und zerbricht einen wertvollen Krug. Evas Mutter Marthe hält Ruprecht für den Täter und verklagt ihn. Der will nichts mehr von Eva wissen, da er sie für treulos hält. Es kommt zur Gerichtsverhandlung, bei der ausgerechnet Adam der Richter ist. Kein Wunder, dass ihn ein Alptraum plagt:
 

Mir träumt’, es hätt’ ein Kläger mich ergriffen,
Und schleppte vor den Richtstuhl mich; und ich,
Ich säße gleichwohl auf dem Richtstuhl dort,
Und schält’ und hunzt’ und schlingelte mich herunter,
Und judicirt den Hals ins Eisen mir.

 

Mit allerlei Ausreden versucht Adam krampfhaft, die Wahrheit zu verschleiern. Eva bringt er zum Schweigen, indem er ihr droht, ihren Verlobten sonst als Soldaten nach Indien zu schicken. Da erzählt eine Nachbarin, die Adams Perücke gefunden hat, dass sie nachts einen Glatzkopf mit Pferdefuß gesehen habe, der nach Pech und Schwefel stank und der Teufel gewesen sein muss. Adam fühlt sich in die Enge getrieben und will Ruprecht rasch zu einer Gefängnisstrafe verurteilen, aber Eva erzählt nun den wahren Hergang, worauf Adam das Weite sucht. Zwischen Eva und Ruprecht kommt es zur Versöhnung. Evas Mutter fordert für ihren Krug aber einen Richterspruch. Doch zuerst muss Adam wieder eingefangen werden.

Dass ein Dorfrichter schamlos seine Position ausnützt, um ein unbescholtenes Mädchen sexuell zu nötigen und zu kompromittieren, hat an Aktualität bis heute nichts eingebüßt. Aus der paradoxen Konstellation – Richter und Angeklagter in einer Person und dass die obere Behörde das schändliche Treiben ihres Angestellten auch noch zu decken versucht – daraus schlägt Kleists Komödie bis heute noch immer jenen Witz, der sie zum unsterblichen Klassiker auf deutschen Bühnen macht.

Heinrich von Kleist. Zeitgenössisches Porträt mit Kleists Signatur

Heinrich von Kleist. Zeitgenössisches Porträt

Der Lyriker Kleist ist bis heute hingegen meist unbeachtet geblieben, seine Gedichte, die Epigrammzyklen und die »Kleinen Gelegenheitsgedichte« bis hin zu seiner politischen Lyrik sind großenteils vergessen und in kaum einer Anthologie vertreten. Lediglich Walter Hettche legte 1986 unter dem Titel »Heinrich von Kleists Lyrik« eine zusammenhängende wissenschaftliche Untersuchung vor. Doch der Kleistsche Humor, Ausdruck einer rätselhaften und unverständlichen Welt, die sich auch in etlichen seiner Gedichte findet, bleibt meist unerkannt. Hier deshalb ein paar Epigramme, die anregen wollen, Kleist Lyrik wieder etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
 

Glückwunsch
Ich gratuliere, Stax, denn ewig wirst du leben;
Wer keinen Geist besitzt, hat keinen aufzugeben.
 

Der Jüngling an das Mädchen
Zwei kurze Laute sage mir;
Doch einzeln nicht, – so spricht ein Tier!
Zusammen sprich sie hübsch geschwind:
Du liebst mich doch, mein süßes Kind.

Die Auflösung dieses Rätsel I- a wäre eines Esels Ausruf, »Ja« hingegen der erwünschte.
 

Die unverhoffte Wirkung
Wenn du die Kinder ermahnst, so meinst du, dein Amt sei erfüllet.
Weißt du, was sie dadurch lernen? – Ermahnen, mein Freund!
 

Mädchenrätsel
Träumt er zur Erde, wen
Sagt mir, wen meint er?
Schwillt ihm die Träne, was,
Götter, was weint er?
Bebt er, ihr Schwestern, was,
Redet, erschrickt ihn?
Jauchzt er, o Himmel, was
Ists, was beglückt ihn?
 

Der Bauer, als er aus der Kirche kam
Ach, wie erwähltet Ihr heut, Herr Pfarr, so erbauliche Lieder!
Grade die Nummern, seht her, die ich ins Lotto gesetzt.
 

Die Reuige
Himmel, welch eine Pein sie fühlt! Sie hat so viel Tugend
Immer gesprochen, daß ihr nun kein Verführer mehr naht.
 

Wer ist der Ärmste?
»Geld!« rief, »mein edelster Herr!« ein Armer.
Der Reiche versetzte:
»Lümmel, was gäb ich darum, wär ich so hungrig, als Er!«

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

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