Humor in der Lyrik – Folge 37: Rudolf Blümner (1873 – 1945): Die absolute Dichtung

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

Was war er nicht alles, dieser Rudolf Blümner? Ein Schauspieler, Rezitator, ein Dramaturg und Essayist und Verfasser dadaistischer Gedichte. Aufgewachsen in Zürich, wo sein Vater Hugo Blümner Professor für Klassische Philologie war, studiert er an mehreren Universitäten und promoviert 1896 zum Dr. jur. Doch der juristische Staatsdienst behagt ihm nicht. Stattdessen wird er Sprachlehrer an der Schauspielschule des Deutschen Theaters in Berlin und von 1906 bis 1912 Mitglied des dortigen Ensembles. 1903 lernt er Herwarth Walden kennen, freundet sich mit ihm an und verfasst für dessen Literaturzeitschrift »Der Sturm« von 1920 bis 1932 über 60 Glossen, außerdem Rezensionen, polemische Essays und theoretische Schriften. Im expressionistischen »Sturm«-Kreis produziert er sich auch als einer der meist gehörten Sprecher avantgardistischer Dichtung. Kurt Schwitters porträtiert den vortragenden Blümner in einem Gedicht, das zuerst im »Sturm« veröffentlicht und später in seine Gedichtsammlung »Anna Blume« aufgenommen wird, mit folgenden Zeilen: »Porträt Rudolf Blümner // Der Stimme schwendet Kopf verquer die Beine. / Greizt Arme quälte schlingern Knall um Knall / … / Und Knall um Knall der Stimme köpft. / Die Beine schrauben Arme würgend liss.«

Rudolf Blümner beim Vortrag. Zeichnung: Alfons Schweiggert nach einer Büste von William Wauer

Rudolf Blümner beim Vortrag. Zeichnung: Alfons Schweiggert nach einer Büste von William Wauer

Mehrfach wirkt Blümner als Filmschauspieler in Stummfilmen mit, unter anderem in »Die Rache des Blutes« (1914) und in »Der Golem« (1915) und später auch in Tonfilmen, so in den Klassikern »M – Eine Stadt sucht einen Mörder« (1931) und »Der Hauptmann von Köpenick« (1931). Daneben strebt er, fasziniert von Lyrik, »die absolute Dichtung« an:

»Meine früheste Ahnung einer absoluten Dichtung«, schreibt er, »geht auf etwa zwanzig Jahre zurück. Seit dieser Zeit habe ich als Schauspieler stets die Möglichkeit einer absoluten, von der Dichtung unabhängigen Schauspielkunst behauptet und in vielen Schriften zu beweisen gesucht. Ich habe mich jahrelang damit begnügt, den ab¬soluten schauspielerischen oder rezitatorischen Vortrag, sogar in der Verbindung mit dem Wort, rein theoretisch festzustellen. Ich habe oft ausgesprochen, daß dem schöpferischen Schauspieler die Wörter der Dichtung ein Hindernis sein müssen, während sie für unsere unschöpferischen Schauspieler das Hilfsmittel ihrer Klang¬bildung sind. Die besten von ihnen verfügen wohl über eigene Melodien, aber nur auf der Grundlage von Wörtern und Sätzen und nur, wenn diese eine Bedeutung haben. Unsere Schauspieler spielen eine Bedeutung. Und man muß sie noch loben, wenn sie nicht die Bedeutung der Wörter, sondern des Ganzen spielen. Ohne die Grundlage dieser Bedeutungen sind sie stumm, unschöpferisch.

Meine eigenen Bemühungen, eine selbständige schöpferische Melodie vorzutragen, mußten in der nicht-expressionistischen Dichtung entweder ganz unterbleiben oder zu einem Zwiespalt zwischen meiner rhythmisierten Melodie und den meist unrhythmischen, bestenfalls metrischen Sätzen jener früheren Dichtungen führen. Erst die expressionistische Dichtung, das ist die begrifflich alogische, künstlerisch logische Verbindung der Wörter, ermöglichte durch ihren Rhythmus eine sprechmelodische Rhythmisierung, die zu einer Einheit führen konnte. Aber selbst diese expressionistische Dichtung (Stramm, Walden, Schreyer, Behrens, Allwohn, Liebmann, Heynicke) setzte meiner künstlerischen Freiheit die Grenzen der gegebenen Wörter, ihrer Konsonanten und Vokale. Es ist nicht nur die deutsche Sprache, in der alle Wörter ihre ursprüngliche Bildung und damit ihre Urkraft verloren haben. Und wie der Maler Farbformen nach Belieben, also unabhängig von einer Bedeutung, zur Gestaltung zusammensetzt, der Komponist Töne rhythmisch nach vollkommener Freiheit aneinanderreiht, so stelle ich Konsonanten und Vokale nach künstlerischen Gesetzen zu-sammen.«

Für seine lyrischen Texte fordert Blümner, dass Sprachmelodie und -rhythmus den Inhalt dominieren müssen. »Das Ur-Wesen des Wortes ist ein Sprechen, eine Lautwerdung der menschlichen Seele«, so seine Überzeugung. Analog zur abstrakten Malerei sieht er die Lyrik als formstrenge und geschlossene Kunst an, was ihn von der verspielten und sinnoffenen Klangkunst des Dada unterscheidet. In seinem Lautgedicht »Ango laïna«, aufgebaut nach rein klanglichen Gesichtspunkten, perfektioniert er den musikalischen Aspekt der Lautdichtung durch konsequente Setzung von Akzenten und versucht damit seine Vorstellung von absoluter Dichtung umzusetzen:
 

Ango laïna
Eine absolute Dichtung

Erste Stimme
Zweite Stimme

Oiaí laéla oía ssísialu
Ensúdio trésa súdio míschnumi
Ia lon stuáz
Brorr schjatt
Oiázo tsuígulu
Ua sesa masuö tülü
Ua sésa maschiató toró
Oi séngu gádse ándola
Oi ándo séngu
Séngu ándola
Oi séngu
Gádse
Ina
Leíola
Kbaó
Sagór
Kadó

Kadó mai tiúsi
Suíjo ángola

Schu mai sitá ka lío séngu

Ia péndo ála
Péndu síolo

Toró toró
Mengádse gádse se

Ullái tiotúlo
Záalu nía myó


 

Dies ist nur die erste halbe Seite des insgesamt vier Seiten umfassenden Gedichts, erschienen in: Der Sturm 12 (1921) S. 123-126.
 

Für viele sind Blümners Gedichte aus Einwortsätzen, Lauten und Wortneubildungen eine vollkommene Wortklangentsprechung zur Malerei Kandinskys. Während Blümner seine Arbeit sehr ernst nimmt, erzeugt er mit den Lautkontaminationen seiner Texte komische Effekte, die bei den oft schockierten und protestierenden Zuhörern bestenfalls Heiterkeit auslösen. Sie amüsieren sich nicht nur über die Wortbildungen, sondern auch über die exaltierte Vortragsweise mit ernster Miene, bei der Blümners Mund lallende und stammelnde Laute entquellen. Immer wieder wird sein Vortrag von höhnischem Gelächter, Buhrufen und Pfeifkonzerten begleitet und unterbrochen. Manche besetzten die Bühne oder verlassen aus Protest den Raum. Unbeeindruckt bleibt jedenfalls keiner, der sich Blümners Vortrag aussetzt. Schwitters »Ursonate« lässt sich, wie es heißt, auch als Parodie auf das Blümnersche Pathos lesen.

In den späten 20er Jahren verfasst Blümner eine Reihe grotesker und satirische Kurzdramen im Geist der neuen Sachlichkeit. Auch als Übersetzer französischer und russischer Dramen macht er sich einen Namen. Aufsehen erregt er Ende März 1934 bei der Eröffnung der Ausstellung »Italienische futuristische Luft- und Flugmalerei« in der Berliner Galerie Flechtheim, bei der ihn die italienischen Futuristen Filippo Tommaso Marinetti und Ruggero Vasari unterstützen. Die Flugmalerei gibt sowohl die Flug-Erlebnisse des Piloten während des rasanten Fluges in neuen Farben und Formen wider, zeigt aber auch die Flugzeuge in Bewegung. Die Elemente der Atmosphäre und der Geschwindigkeit verschmelzen auf den Bildern, denn beim Fliegen fühlt man das Leben ja auch von einer neuen Warte aus. Hierbei ziehen Erlebnisse, die auf der Erde eine Stunde dauern, in wenigen Augenblicken vorüber. Die Flugmalerei wird von faschistischen Systemen besonders gefördert und so verwundert es nicht, dass in Berlin Joseph Goebbels als Präsident der Reichskulturkammer die Schirmherrschaft über die Ausstellung übernimmt.

Blümners Einsatz für diese Schau hindert die Nazis jedoch nicht, ihn kurze Zeit später mit Schreib- und Aufführungsverbot zu belegen, als sie erfahren, dass seine Ehefrau Jüdin ist. William Walden, Mitstreiter aus Zeiten des »Sturm«, stellt Blümners Frau als Sekretärin ein, wodurch die materielle Not des Ehepaars wenigstens etwas gelindert wird. Ab 1938 erhält Blümner kleine Nebenrollen in Historien- und Heimatfilmen, so in Wolfgang Liebeneiners »Die Entlassung« oder in Alois Johannes Lippls »Der Erbförster«. 1944 erblindet der Dichter und stirbt ein Jahr später infolge Nahrungsmangels an Entkräftung.

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

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