Humor in der Lyrik – Folge 7: Kurt Tucholsky (1890 – 1935): »Imma mit die Ruhe!«

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

 

Ignaz Wrobel, Theobald Tiger, Peter Panter, Kaspar Hauser – sie alle sind Kurt Tucholsky. »Wir sind fünf Finger an einer Hand«, erklärte er. »Aus dem Dunkel sind diese Pseudonyme aufgetaucht, als Spiel gedacht, als Spiel erfunden – das war damals, als meine ersten Arbeiten in der `Weltbühne´ standen. Eine kleine Wochenschrift mag nicht viermal denselben Mann in seiner Nummer haben, und so entstanden, zum Spaß, diese Homunkuli.« Peter Panter war für Buchrezensionen und Theaterkritiken zuständig und verfasste Feuilletons in der »Weltbühne«. Theobald Tiger schrieb nur in Versen und zwar  als Kommentar zu Tagesereignissen und Zeiterscheinungen. Ignaz Wrobel war ein bissiger, satirischer Kritiker und politischer Kommentator. Kaspar Hauser zeigte sich als ein etwas nachsichtigerer Kritiker, der die Welt eher melancholisch sah. »Pseudonyme sind wie kleine Menschen«, meinte Tucholyky; »es ist gefährlich, Namen zu erfinden, sich für jemand anders auszugeben, Namen anzulegen – ein Name lebt und was als Spielerei begonnen, endet als heitere Schizophrenie.« Und auch deshalb die fünf Rollen, »denn wer glaubt in Deutschland einem politischen Schriftsteller Humor? Dem Satiriker Ernst? Dem Verspielten Kenntnis des Strafgesetzbuches, dem Städteschilderer listige Verse? Humor diskreditiert.« Die Leser mochten Tuchos Pseudonyme, wussten sie doch, dass hinter allen der wohl treffsicherste unter den scharfzüngigen Journalisten und Schriftstellern seiner Zeit stand.

Gleich nach dem Abitur begann Tucholsky zu schreiben. Im Alter von 22 Jahren wurde er mit »Rheinsberg«, einem »Bilderbuch für Verliebte« bekannt, dem später »Gripsholm« eine weitere heiter-besinnliche Liebesgeschichte folgte. Als Satiriker im Berliner Kabarett »Schall und Rauch«, als Mitarbeiter bei der »Weltbühne« und der »Vossischen Zeitung« geißelte er in satirischen Gedichten und Chansons Spießertum und Militarismus und wurde zum Sprachrohr für ausgebeutete Außenseiter der Gesellschaft. Die großen Fragen der Weltpolitik lagen ihm ebenso am Herzen wie die kleinen Dinge des Alltags. Im rechten Lager der aufkommenden Nationalsozialisten machte er sich schnell Feinde und wurde als »Volksverräter« und »entarteter Schriftsteller«, zudem als Jude, Linker, Antimilitarist gebrandmarkt, der mit beißendem Spott gegen alles »Deutsch-Nationale« herzog. Gegen die Nazis war seine spitze Feder jedoch eine nur unzureichende Waffe. Als 1933 seine Bücher verbrannt wurden, emigrierte er nach Schweden. Zwei Jahre später starb er am 21. Dezember 1935 im Alter von erst 45 Jahren im Exil an einer Überdosis Tabletten. Ob es Selbstmord oder ein Versehen war, ist bis heute umstritten.

Zwischen 1911 und 1932 veröffentlichte er über 800 Gedichte, die ihn als feinsinnigen Beobachter des Menschlich-Allzumenschlichen zeigen und von denen etliche als Chansons vertont wurden, so etwa von Hanns Eisler, der nach Tucholsky-Texten allein 40 Lieder komponierte. Mit liebevoller Bosheit, aber auch mit galligen Attacken spießt Tucholsky in seinen lyrischen Nachdenklichkeiten die Schwächen der Mitmenschen auf, wettert schnoddrig gegen Spießermuff, Dummheit und Obrigkeitsdenken, gegen Speichellecker und Mitläufer, gegen Justizwillkür und Nationalismus. Als leidenschaftlichem Liebhaber des schönen Geschlechts flossen ihm auch viele heitere bis anzüglich-ironische Gedichte zu diesem Thema aus der Feder. Und natürlich immer wieder Gedichte im Berliner Dialekt. »Ach wat, Dialekt! Dialekt!« protestierte da einmal Tucholsky. »Ick spreche keen Dialekt – ich spreche Deutsch, vastehn Se mir? So wie ick spreche: mir vastehn ja die Nejer …«

Danach

Es wird nach einem happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.
Man sieht bloß noch in ihre Lippen
den Helden seinen Schnurrbart stippen-
da hat sie nu den Schentelmen.
Na, und denn-?

Denn jehn die beeden brav ins Bett
Naja…..diß is ja auch janz nett.
A manchmal möcht man doch jern wissen:
Wat tun se, wenn se sich nich kissen?
Die könn ja doch nich immer penn…..!
Na, und denn-?

Denn säuselt im Kamin der Wind.
Denn kricht det junge Paar ’n Kind.
Denn kocht se Milch. Die Milch looft üba.
Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba.
Denn wolln sich beede jänzlich trenn…..
Na, und denn-?

Denn is det Kind nich uffn Damm.
Denn bleihm die beeden doch zesamm.
Denn quäln se sich noch manche Jahre.
Er will noch wat mit blonde Haare:
vorn doof und hinten minorenn….
Na, und denn-?

Denn sind se alt.
Der Sohn haut ab.
Der Olle macht nu ooch bald schlapp.
Vajessen Kuß und Schnurrbartzeit –
Ach, Menschenskind, wie liecht det weit!
Wie der noch scharf uff Muttern war,
det is schon beinah nich mehr wahr!
Der olle Mann denkt so zurück:
wat hat er nu von seinen Jlück?
Die Ehe war zum jrößten Teile
vabrühte Milch und Langeweile.
Und darum wird beim happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.
 

Imma mit die Ruhe!

Wenn ick det sehe, wat se so machn,
wie se bei de jeringsten Sachn
sich uffpustn, det man denkt, se platzen 
wie se rot anlaufn, bis an die Jlatzen,
ahms spät un morjens um achte –:
sachte! sachte!
Warum denn so furchtbar uffjerecht?
Wir wem mal alle inn Kasten gelecht.

Wissen Se, ick wah mal dabei –
da hatt se uff de Polessei
eenen Selbstmörda, jänzlich nackt,
in eenen murksijen Sarch jepackt.
Die hatten det eilich! Un ick dachte:
Sachte! Sachte!
Un der Anblick hat sich mir injeprecht:
Wir wern mal alle inn Kasten jelecht.

Janich reliejöhs.
Wie soll ick det sahrn … ?
Ick kann det Jefuchtel nich vatrahrn.
Wir komm bei Muttan raus mit Jeschrei,
un manche bleihm denn auch dabei.
Wenn ick mir det so allens betrachte:
Imma sachte!
Mal liechste still. Denn wird ausjefecht.
Un wir wern alle inn Kasten jelecht.

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

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