Humor in der Lyrik – Folge 9: Ernst Klotz (1894 – 1970): »Musik im Kleiderschrank«

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

 

Er war der letzte Hausdichter des alten »Simpl«. »Man muss ihn gesehen und gehört haben, wie er zu später Stunde und nach einem Gläschen Wein seine eigenen Verse hinreißend rezitierte, um dabei zu erfahren, welch hintersinniger und hintergründiger Humor in all seinen Gedichten steckte«, äußerte der Journalist Hannes S. Macher. »Wenn ›das Klötzchen‹, wie Chansonette Fifi Brix, die viele seiner Werke vertonte, ihn stets liebevoll nannte, in seiner klapperdürren, schier gespenstischen Länge das Podium betrat, sah er immer bleich und kränkelnd aus. Kavaliersmäßig verneigte er sich kurz in den Vorapplaus hinein, strich penibel sein Sakko zurecht, rückte stets etwas weltvergessen seine kreisrunde Brille mit den dicken Gläsern auf ihren angestammten Platz und begann in umwerfend komischer, geradezu pennälerhafter Schüchternheit mit leiser, brüchiger Stimme monoton und leicht sächselnd seine Moritaten und Schauerballaden vorzutragen, in denen es von seltsamen Käuzen nur so wimmelte«, so z. B.

Der Heuschreck

Ein Heuschreck seinen Schreck verlor,
da kam er sich unmöglich vor,
denn dies Gefühl war ihm ganz neu:
kein Heuschreck mehr, nein, nur noch Heu!

Doch hat dies Heu sich instinktiv
den Schreck, der ihm durch´s Rückgrat lief,
gleich hinten wieder angeklebt,
worauf der Heuschreck – weiterlebt!

Wie viele Schwabinger Originale stammte der Klotz gar nicht aus diesem legendären Münchner Stadtteil, sondern war ein »Zuagroaster«, der nach dem Studium der Germanistik, Romanistik und Kunstgeschichte und Promotion zum Dr. phil. 1931 nach München kam, hier als Redakteur bei den »Fliegenden Blättern« tätig war und sich als Nachfahre von Ringelnatz, Wedekind und Endrikat in den »Simpl« von Kathi Kobus verirrte. Zwei Theaterstücke – »Ein guter Mensch« und »Das gute Gewissen« – wurden mehrfach aufgeführt. Doch besonders machten ihn seine Beiträge, die er für den »Simplicissimus« und die »Jugend« verfasste, bekannt. Er rezitierte die komischen Gedichte, hintersinnigen Moritaten und melancholischen Balladen, viele davon mit »schwarzem Humor« getränkt, im Simpl, später auch in der »Katakombe«, der »Seerose« oder bei der legendären »Gisela«. In seinen heiteren Büchern »Musik im Kleiderschrank« (1955), »Die Badewanne« (1956), und »Die Wildsau« (1962) – allesamt gesuchte Raritäten und heute nur noch antiquarisch erhältlich – präsentierte sich Ernst Klotz als »Schwabinger Hausdichter« und als Meister des literarischen Kabaretts. 1962 wurde er für seine heiter beschwingten Gedichte und böshumorigen Moritaten und Balladen mit dem Schwabinger Kunstpreis für Literatur ausgezeichnet.

 
Die Brille

Sein Antlitz war nur eine Brille
Aus dünnem Glas mit dunklem Rand.
Sie wirkte wie Verstand und Wille,
wo weder Wille noch Verstand.

Doch wenn er durch die Gläser schaute,
gewichtig wie die Kuh vorm »Muh«,
schon dieser Brille wegen traute
man ihm enormes Wissen zu.

Gott hatte ihm kein Amt gegeben,
das hatte die Partei getan.
Nun dankt sein Diplomatenleben
Der Brille seine steile Bahn.

Durch eine Brille durchzuschauen,
ist leicht, nimmt man sie dazu her.
Doch eine Brille zu durchschauen,
ist leider oft im Leben schwer.

Drum nimmt man sie so gern als Mittel
Zum Zweck und tarnt sich mit Geschick.
Moderner Doktorarbeit-Titel:
»Die Brille in der Politik.«

 
Resignierter Ehemann

Manchmal, wenn ich jetzt ein Mädchen sehe,
Wenn ich höre, wie ein Mädchen lacht,
Fühl´ ich schon in ihrer warmen Nähe:
So hab´ ich mir meine Frau gedacht!

Freilich meine Frau schien auch vor Jahren
Dieses Ideal für mich zu sein,
Erst die Ehe ätzte dann den klaren
Zügen ihres Bildes Risse ein.

Und ich sehe, wie auch andern Ehen
Stets die Zeit die zarten Farben nahm,
Und ich kann auf einmal gut verstehen;
Männer macht nur Sehnsucht polygam!

Und bei polygamen Extratouren
Suchen sie ganz einfach wieder mal,
Wenn sie scheinbar auch nur lustig huren,
Ihr verträumtes altes Ideal.

Und auch mir wird wohl nichts übrig bleiben,
Als doch wenigstens von Zeit zu Zeit
Künftig etwas Ehebruch zu treiben,
Ist ein »Ideal« dazu bereit.

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

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