Humor in der Lyrik – Folge 8: Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910): »Humor ist, wenn man trotzdem lacht!«

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

 

Aus Anlass seines 150. Geburtstags am 28. Juni diesen Jahres sei an Otto Julius Bierbaum erinnert. »Dieser deutsche Dichter ist ein Kloß: zugleich derb und quatschig, aber immer unverdaulich. Indessen: ein Kloß mit Seele und in Pflaumenmussauce. […] In Klößen pflegt mancherlei zu sein. Zuerst und vor Allem: Mehl. Bei Bierbaum ist das die Lyrik. Sie ist zuweilen klitschig. Dann Semmelbrocken: der Humor. Er ist etwas trocken. Dann allerhand Fleischreste: die deutsche Gesinnung. Nicht immer ganz frisch. Und schließlich ein paar Körnchen Gewürz: sozusagen Geist. Na … Paprika ist es nicht. Dieser Kloß ist im Ganzen unter die harmlosren Gerichte der deutschen Literaturgarküche zu rechnen, und schließlich: er stopft wenigstens.« Das schreibt Bierbaum unter dem Pseudonym Martin Möbius über sich selbst.

Schon als 16-Jähriger versucht er mit seinen »Leiden des jungen B. – Ein Gymnasiastentagebuch« dem großen Goethe nachzueifern. Später arbeitet er als Journalist und als Herausgeber, schreibt Dramen, dichtet bändeweise Lyrik, veröffentlicht Prosa, Romane und Erzählungen, übersetzt Opern- und Operettenlibretti. Er bringt die Kulturzeitschrift »Pan« auf den Markt und ist Mitherausgeber der »Insel«. Mit dem Auto fährt er durch Europa, schreibt dann auch noch die ersten automobilen Reisebücher mit Titeln wie »Das höllische Automobil« und »Eine empfindsame Reise im Automobil«. Essays, Briefe, Tagebücher gibt es ebenfalls von ihm. Bei dieser Vielfalt legt er sich das Pseudonym »Martin Möbius« zu.

1887 kommt der gebürtige Niederschlesier nach München und veröffentlicht seine ersten Gedichtanthologien: »Liliencrons Gedichte« (1890), »Deutsche Lyrik von heute« (1891) und »Modernes Leben« (1892). Als 1896 die Satirezeitschrift »Simplicissimus« erscheint, gehört er zu den ersten Mitarbeitern. 1901 wirkt er gemeinsam mit Otto Falckenberg und Frank Wedekind an der Gründung des Münchner Kabaretts »Die Elf Scharfrichter« mit. Seine Liedtexte und Chansons machen ihn berühmt. Die 1901 erschienene Gedichtsammlung »Irrgarten der Liebe«, die mit einer Auflage von 5000 startet, ist nach wenigen Wochen vergriffen.

Über Stefan George und seinen hehren Kreis spottet er: »Feierlich sein ist alles! Sei dumm wie ein Thunfisch, temperamentlos wie eine Qualle, stier besessen wie ein narkotisierter Frosch, aber sei feierlich, und du wirst plötzlich Leute um dich sehen, die vor Bewunderung nicht mehr mäh sagen können.«

Nicht hehre Lyrik, sondern freies wortverspieltes Fabulieren und heiteres Verseschmieden macht Bierbaum Spaß. In München entsteht ein Großteil seiner Werke, so sein Bändchen, »Erlebte Gedichte« mit Parodien und Liebes- und Naturlyrik.

Der Reisebericht »Yankeedoodlefahrt« (1909) wird sein letztes Buch. Im Vorwort findet sich der oft zitierte Spruch: »Humor ist, wenn man trotzdem lacht”, den er erfunden hat. OJB stirbt am 1. Februar 1910 in Dresden. Die Urne mit seiner Asche wird nach München überführt und auf dem Waldfriedhof beigesetzt.

Otto Julius Bierbaum, Zeichnung von Felix Valloton (1897)

Otto Julius Bierbaum, Zeichnung von Felix Valloton (1897)

Brummständchen
Präludium auf der Maultrommel ad libitum

Hätt‘ ich Geld, ich wüsste wohl,
Was ich thät‘, genau:
Hätt‘ ich Geld, ich nähme dich
Augenblicks zur Frau,
Nähme dich und schleppte dich
In den Liebesbau,
Den ich baute, – hätt‘ ich Geld.
Hätt‘ ich Geld, ach, hätt‘ ich Geld.
Wärst du meine Frau.

Hätt‘ ich Geld, ich wärmte dir
Wohl ein Nesterl aus,
Hätt‘ ich Geld: bums in der Falle
Sässe meine Maus,
Nimmer liess ich, nimmer sie,
Nimmer sie heraus
Aus der Falle, – hätt‘ ich Geld,
Hätt‘ ich Geld, ach, hätt‘ ich Geld,
Meine liebe Maus.

Hab‘ kein Geld. Was ist denn das,
So ein Kassenschein?
Hab‘ kein Geld. Ja, Phantasie,
Phantasie ist mein.
Güter hab‘ ich auf dem Mond
Und im Herzen dein.
Leise brumm‘ ich: hätt‘ ich Geld,
Hätt‘ ich Geld, ach, hätt‘ ich Geld,
Wär‘ das Mädel mein.
 

Zwei Sprüche für Prüde

Die Sittlinge müssen sich immer genieren,
Wenn einer recht herzhaft von Liebe spricht.
Sie denken halt immer ans »Amüsieren«,
An des Rätsels Heiligkeit denken sie nicht.

Natur, mein Freund, ist immer sittlich.
Der Staatsanwalt freilich ist unerbittlich.
Jüngst hat er ein Andachtsbuch konfisziert,
Weil sich zwei Fliegen darauf kopuliert.
 

Werbung

Sie sprach:
Hernach!
Er flog –
Sie trog.
Er sprach:
Ich möchte!
(O Schmach –
Der Schlechte!)
Sie lachte.
Ich auch!
(Der Achte
Im Bauch!)
Es passen
Die beiden
Sehr gut
Zusammen!
Was hassen
Und neiden?
Jung Blut
Muß rammen!
Denn los!
Famos!
Sie nicken
Und neigen.
Und ficken
Und schweigen.
Und krachen dir auch die Weichen:
Geh hin und tue desgleichen!
 

Ehemarterl

Hier fiel ich, steh, Wandrer, und bet ein Gebet,
In die Hände meiner Frau, der Anna Margreth;
Es war am fünfundzwanzigsten Mai,
Als ich ging an diesem ††† Baume vorbei,
Hinter dem sie ganz von ungefähr stand;
Ich sagte Guten Abend und gab ihr die Hand.
Damals war ich ein Junggesell,
Und deshalb verliebte ich mich sehr schnell;
Sie behauptete von sich selber das Gleiche
Und verlangte, dass ich die Hand ihr reiche
Nächstens und schleunigst auch am Altar,
Der zufällig hier in der Nähe war.
Und deshalb, weil dieses wirklich geschehn,
Sag ich: Oh Wandrer, bleibe hier stehn,
Bedenke der Freiheit Vergänglichkeit,
Bet ein Gebet und bleibe gescheit.

Bums Bärlaatsch, Bauer und Ehemann,
Der ein Wort davon mitreden kann.

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.