Im babylonischen Süden der Lyrik – FOLGE 15: » WIEDER-GELESEN: ›EL ESPACIO DE LA POESÍA Y EL ESPACIO DE LA REALIDAD – DER RAUM DER POESIE UND DER RAUM DER WIRKLICHKEIT‹ (ROBERTO JUARROZ)«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Buenos Aires, vor dreißig Jahren: am 27. November 1986 hielt der argentinische Dichter und Denker Roberto Juarroz anlässlich der bereits 1984 erfolgten Wahl und Aufnahme in die Academia Argentina de Letras, die seit 1930 bestehende Argentinische Akademie für Sprache und Dichtung, seine Antrittsrede »Poesía y realidad« (Poesie und Wirklichkeit). Das folgende Gedicht zur Eröffnung:
 

Roberto Juarroz

Undécima poesía vertical (I – 6)

Un espacio
no puede borrar a otro,
pero puede arrinconarlo.
También los espacios ocupan un lugar,
en otra dimensión que es más que espacio.

Hay espacios con una sola voz,
espacios con muchas voces
y hasta espacios sin ninguna,
pero todo espacio está solo,
más solo que aquello que contiene.

Aunque todo espacio
se confunda al fin con todo espacio.
Aunque todo espacio
sea un juego imposible,
porque nada cabe en nada.
 

Elfte vertikale Poesie (I – 6)

Ein Raum
kann einen anderen nicht auslöschen,
aber ihn beiseitedrängen.
Auch die Räume nehmen einen Platz ein,
in einer anderen Dimension, die mehr ist als Raum.

Es gibt Räume mit einer einzigen Stimme,
Räume mit vielen Stimmen
und selbst Räume mit gar keiner,
aber jeder Raum ist für sich
und einzigartiger als das, was er beinhaltet.

Wenngleich sich jeder Raum
am Ende mit jedem Raum vermischt.
Wenngleich jeder Raum
ein unmögliches Spiel ist,
weil nichts einen Raum hat.

Übertragen von Juana & Tobias Burghardt
 

Dann die erste Kabine seiner Poetik, der sich ein poetologisches Gedicht anschließt:

»Der Raum der Poesie und der Raum der Wirklichkeit, die ich in Beziehung zueinander setzen möchte, sind einander auch nicht passgerecht. Wie auch beide nicht, weniger noch einer der beiden, in den bescheidenen Raum dieser Worte hineinpassen. Zweifelsohne ist die Poesie ein visionärer und gewagter Versuch des Zugangs in einen Raum, der die Menschen in Angst und Schrecken versetzt und für schlaflose Nächte gesorgt hat: der Raum des Unmöglichen, der manchmal auch der Raum des Unsagbaren zu sein scheint.

Als Dichter habe ich diesen Raum intensiv gesucht. Ich versuche deshalb, Ihnen von dieser Suche oder Obsession oder Pilgerschaft meines Schicksals durch die Sprache zu berichten, indem ich zwei Fragen, die für mich zu den wesentlichen Fragen des Menschen gehören, in eine zusammenfasse: die Frage nach der Wirklichkeit (Was ist das Wirkliche? Was ist Sein? Was unterscheidet es vom Nichtsein? Wer oder was sind wir? Wer oder was sind wir nicht?) und die nach der Poesie (Gibt es irgendeine Art, etwas auszudrücken? Wie kann das Wirkliche ausgedrückt werden? Und das Unwirkliche? Welche Wirklichkeit hat das Wort?).

Für diesen Versuch, der beinahe sicher zum Scheitern verurteilt ist, werde ich zwei sich ergänzende Richtungen oder Wege verfolgen: einerseits die assoziative Betrachtung über die Poesie und die Wirklichkeit sowie andererseits einige Gedichte, in denen ich über beides zu sprechen versuche. Mich beflügelt zuerst eine unterscheidende Qualität und bisweilen notwendige Tätigkeit vieler moderner Dichter: über das »Handwerk«, wie es Pavese bezeichnet, nachzudenken, das eigentlich gar kein Handwerk, sondern eine Art »Anti-Handwerk« ist. Oder vielleicht eine Art Werk oder Wirken, ein fast liturgisches Tun oder Handeln: vor dem Abgrund zu sprechen, in dem wir uns befinden, mit dem Abgrund, der wir sind, anders vor dem, der wir selbst sind, vor den anderen, vor allem, vor nichts und niemandem. Wenn ich auf meine eigenen Gedichte zurückgreife, ermutigt mich zudem die Tatsache, dass das, was der Dichter sagen kann, sich vor allem immer in seiner Poesie befindet. Mich bestärkt zudem der eindringliche Anfang eines bekannten Textes von Wallace Stevens: »Die Poesie ist der Gegenstand des Gedichts. / Aus ihr entsteht das Gedicht und / zu ihr kehrt es zurück«. Ich werde also abwechselnd Betrachtungen und Gedichte vorbringen, als wären es die zwei Gesichter eines poetischen Januskopfes: Denken und Imagination, Ausdeutung und Symbol, Idee und Erzittern, Eindeutiges und Vieldeutiges, Erkenntnis und Schöpfung. Formen, die allesamt eins sein sollten, wie der Geist ein einziger ist, obwohl er weht, wie und wo er will. Und ich werde unter diesem Aspekt auch einige treffend Zitate oder Fragmente über die Poesie sowie einige Parabeln oder mehr oder weniger paradoxe Geschichten anführen.
 

Roberto Juarroz (Foto: Enrique Hernández-D’Jesús)

Roberto Juarroz (Foto: Enrique Hernández-D’Jesús)

Ich möchte nun eine einzigartige Überlieferung aus der chassidischen Tradition vorstellen, die natürlich jedwede zufällige Interpretation oder ausgesprochen doktrinäre Konnotation ausschließt: »Wenn der große Rabbi Israel Baal Shem Tov vermutete, dass dem jüdischen Volk ein Unglück blühte, ging er gewöhnlich an einen bestimmten Platz im Walde, um reinen Geistes in sich zu gehen. Dort entfachte er ein Feuer und sprach ganz bestimmte Gebete. Und das Wunder ereignete sich, das Unglück war abgewendet. Später, als sein Schüler, der berühmte Maguid de Mezeritsch den Himmel aus ähnlichen Gründen anzuflehen hatte, fand er sich am selben Ort des Waldes ein und sagte: ›Herr des Universums, leihe mir dein Gehör. Ich weiß nicht, wie man das Feuer entfacht, aber ich bin noch imstande, das Gebet zu sprechen.‹ Und das Wunder ereignete sich. Viel später ging der Rabbi zur Rettung seines Volkes in den Wald und sagte: ›Ich weiß nicht, wie man das Feuer entzündet, ich kenne das Gebet nicht, aber ich kann mich an der glückbringenden Stelle einfinden. Und das sollte genügen.‹ Und es genügte, auch damals ereignete sich das Wunder. Danach war dem Rabbi Israel de Rizsin aufgetan, die Gefahr abzuwenden. Er saß auf seinem Schemel und legte seinen Kopf in die Hände und sprach so zu Gott: ›Ich bin unfähig, das Feuer zu entfachen, ich kenne das Gebet nicht und kann die Stelle im Wald nicht finden. Alles, was ich tun kann, ist, dir diese Geschichte zu erzählen. Das sollte ausreichen.‹ Und es reichte aus. Gott erschuf die Menschen, weil ihm die Geschichten gefallen.«

Ob man von Gott spricht oder nicht, die Wirklichkeit hat den Menschen erschaffen, weil irgendetwas in ihr, in ihrem Grund, auf geheimnisvolle Weise nach Geschichten verlangt. Oder anders gesagt: scheinbar gibt es in der Tiefe des Wirklichen eine Notwendigkeit nach Erzählung, Illumination, Vision und selbst vielleicht nach einer sinnvollen oder sinnlosen Begründung, die die Menschen hervorbringen müssen. Es handelt sich nicht um die gewöhnliche Geschichte, die Historie der Geschichtsschreibung, die mit Verbrechen und Verirrungen übersät ist, sondern um jene geheime Verbindung der Fäden oder Ideen bei tiefgreifenden Ereignissen, die die wahre Geschichte der Menschheit ausmacht, und womöglich um etwas mehr. Ich habe immer gedacht, dass die Poesie die herausragendste Manifestation dieser verborgenen Geschichte der Menschen und der unbeschreibliche Knotenpunkt mit der Wirklichkeit ist, die sich darin offenbart, jenseits der einfachen und tumben linearen Zeitläufte, jenseits der Formeln und Systeme, die die Erkenntnis, das Gebet, den Blick, die Geste, den Ort, die Liebe, den Wald und selbst das Feuer klassifizieren. Ich glaube außerdem, dass die Wirklichkeit und die Poesie, so wie sie sich dem Menschen geben, nach einer stufenweisen Selbstlosigkeit verlangen, einer fortschreitenden Entblößung, einer wachsenden Nacktheit, wie in der chassidischen Parabel, bis wir uns dem Wesenskern dessen nähern, was vorhanden ist oder existiert oder da ist oder uns so scheint, als ob es sei.

Der Mensch existierte, weil jemandem oder irgendeinem Gegenstand die Geschichten gefallen. Aber nicht irgendeine Geschichte und schon gar nicht »die Geschichte«. Deshalb stellt sich die Poesie, die als harmonischer Klang des Wirklichen eine tiefe Geschichte ist, eine andere Geschichte, auch fast immer gegen die oberflächliche Historie und verwandelt sich in »Ahistorie«. Octavio Paz hat eben dies ausformuliert: »Ein Gedicht ist ein Gegenstand, der aus der Sprache, den Rhythmen, Anschauungen und Obsessionen dieses oder jenes Dichters und dieser oder jener Gesellschaft gemacht ist. Es ist das Erzeugnis einer geschichtlichen Zeit und einer Gesellschaft, aber seine Geschichtlichkeit ist widersprüchlich. Das Gedicht ist ein Kunstgriff, der auch, ohne dass der Dichter das will, Anti-Geschichte erzeugt. Das dichterische Verfahren besteht in einer Umkehrung und Umwandlung des Zeitflusses; das Gedicht hält die Zeit nicht an: es widerspricht ihr und verwandelt sie.«

Ich werde Ihnen dies anders sagen, ich lese Ihnen ein Gedicht über die Poesie vor.«
 

Roberto Juarroz

Décima poesía vertical (15)

Desde el fondo del sueño,
como un puño iluminado
que emerge de la criatura solitaria que duerme,
surge la voluntad irresistible
de continuar la narración.

No se trata de contar esto o aquello,
ni de copiar o traducir
o sonsacar la vigilia acorralada.
Se trata de una pulsión mucho más fuerte
y que no puede interrumpirse:
simplemente seguir la narración.

La narración que no empezó ni concluirá,
la narración que no es un género
y no enlaza una intriga.
Imágenes que corren como un río,
tomándose y soltándose,
extraña forma de decir y desdecir
por atrás y por delante de las cosas.

Voluntad de continuar la narración,
energía suelta en el aquí de todas partes,
que no distingue entre las vidas y las muertes,
entre ser hombre u otra cosa.
Es la historia que transcurre desde el fondo,
la historia sin historia y con historia
que reúne en un ramo sin lazo
el aroma de ser
y la fragancia de la nada.

El servicio que se le pide al hombre
es nada más que continuar la narración,
con cualquier argumento.

O también sin ninguno.
 

Zehnte vertikale Poesie (15)

Vom Grund des Traums,
wie eine erleuchtete Faust,
die die einsame Kreatur ausstreckt, die schläft,
entsteht der unbezwingliche Wille,
die Erzählung fortzuführen.

Es geht nicht darum, dieses oder jenes zu erzählen,
auch nicht darum, zu kopieren oder zu übersetzen
oder das eingepferchte Wachen herauszulocken.
Es handelt sich um einen viel stärkeren Pulsschlag,
der außerdem nicht unterbrochen werden kann:
die einfache Fortsetzung der Erzählung.

Die Erzählung, die nicht begann, noch enden wird,
die Erzählung, die keine Gattung ist
und keine Ränke schmiedet.
Bilder, die wie ein Fluss fließen,
sich ballen und spreizen,
seltsame Form des Sprechens und Widersprechens
hinter oder vor den Dingen.

Der Wille zur Fortführung des Erzählens,
lose Energie im Hier aller Orte,
das nicht unterscheidet zwischen den Leben und den Toden,
zwischen Menschsein oder einer anderen Sache.
Es ist die Geschichte, die vom Grund her verläuft,
die geschichtslose und geschichtsträchtige Geschichte,
die in einem Strauß ohne Schleife
das Aroma des Seins bindet
und den Wohlgeruch des Nichts.

Der Dienst, der vom Menschen erbeten wird,
ist nicht mehr als die Fortsetzung der Erzählung
mit irgendeinem Argument.

Oder auch ohne.

Übertragen von Juana & Tobias Burghardt
 

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Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie und zuletzt »Septembererde & August-Alphabet« (2010). Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Portugal, Serbien, Schweden und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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