Im babylonischen Süden der Lyrik – FOLGE 16: »PABLO DEL ÁGUILA (1946-1968): ›SUBJETIVO HASTA EL ÚLTIMO FIN DE NUESTRO ORIGEN – SUBJEKTIV BIS ZUM ÄUSSERTEN ENDE UNSERES URSPRUNGS‹«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Pablo del Águila

(FRAGMENTO)

A pesar de tu mirada
eres el hombre no necesario: para nada: para nadie.
 

(FRAGMENT)

Trotz deines Blickes
bist du der nicht brauchbare Mensch: für nichts: für niemand.
 

Übertragen von Juana & Tobias Burghardt
 

Vor rund 70 Jahren, am 2. Dezember 1946, wurde der andalusische Dichter Pablo del Águila in Granada geboren. Dort erlebte er seine Kindheit, besuchte die Schule, lernte Latein und begann sein Studium der Philosophie und Literatur an der Universität. Um die 18 Jahre schrieb er seine ersten Gedichte. »Pablito«, wie er unter Freunden genannt wurde, spielte Gitarre und sang dazu. In der Bar Enguix und Bodegas Natalio nahm er an den poetischen Treffen teil. Pablito trug gerne einen langen roten Schal, war sehr belesen, weltoffen und sprachbegabt. Eine seiner Schwestern beschrieb ihn als »lebensfroh«. Durch seine guten Sprachkenntnisse des Arabischen, Englischen, Italienischen und Französischen konnte er manche Werke der Weltliteraturen lesen, die zu jenen düsteren Zeiten der Franco-Diktatur noch lange nicht in Spanien übersetzt zugänglich waren.

1966 zog er nach Madrid, um sich in den sieben Disziplinen der reinen Philosophie zu spezialisieren: Logik, Erkenntnistheorie, Ästhetik, Ethik, Metaphysik, Phänomenologie und Psychologie im Sinne von philosophischer Anthropologie und Existenzphilosophie. Pablo del Águila begeisterte sich auch für die neue lateinamerikanische Lyrik und Literatur. Er war Feuer und Flamme für die innovativen Mai-Ideen der 1968er. Seine Gedichte sind abwechslungsreich, ironisch, einfühlsam, leidenschaftlich, tellurisch, erlebt und melancholisch; darunter befinden sich Fragmente, Zyklen, Kassiden, Fabeln und Elegien, denen manche bemerkenswerte Motti voranstehen.

Eine tragische Aura überstrahlt sein vorzeitig verglühtes Leben. Für die Weihnachtsfeiertage 1968 kehrte er nach Granada zurück, völlig erschöpft, ausgelaugt und bleiern müde. Er suchte Hilfe bei einem Studienfreund, der unterwegs war. Am Folgetag wurde er bewusstlos in dessen Wohnung aufgefunden und umgehend ins Krankenhaus gebracht, wo sich sein komatöser Zustand vollends verschlimmerte. Der 22-jährige Pablo del Águila verstarb am Frühabend des 23. Dezembers 1968. Zur Totenwache an Heiligabend wurde er in sein Elternhaus überführt und am 1. Weihnachtsfeiertag im Kreis der Familie in Granada beerdigt. Alles andere sind Legenden, die sich um seinen allzu viel zu verfrühten Tod wie gewöhnlicher oder gemeiner Eppich ranken.
 

Pablo del Águila

OTROS sitios me esperan.

Cuando acabe la noche,
cuando todo se acabe,
dejaré mis recuerdos en el aire
y partiré por fin
a un largo viaje.
 

ANDERE Orte warten auf mich.

Wenn die Nacht langsam aufhört,
wenn alles zu Ende geht,
werde ich meine Erinnerungen in der Luft
zurücklassen und endlich
eine lange Reise beginnen.
 

Übertragen von Juana & Tobias Burghardt
 

1989 erschien das poetische Werk »Poesía reunida (1964-1968)« von Pablo del Águila im Lyrikverlag Silene, herausgegeben von der Kulturabteilung seiner Heimatstadt Granada, und fand die überfällig angemessene Beachtung in ganz Spanien. Der einstige Bürgermeister Antonio Jara Andréu schickte uns ein druckfrisches Exemplar, aus dem wir einige Gedichte ins Deutsche erstübersetzten, u.a. für das »Jahrbuch der Lyrik« im »Blick zum Nachbarn: Spanien«, nebst baskischen, galicischen und katalanischen Gedichten, insgesamt zehn Dichterinnen und Dichter.

Granada hat eine grandios vielsprachige Poesietradition: jüdisch, arabisch, südlich, ureuropäisch – z.B. Ibn Al-Haddad (Guadix, Granada 1030 – Almería, 1087/8), der rund 400 Kassiden, aber auch satirische, elegische, philosophische und epigrammatische Gedichte schrieb; Moses ben Jacob ibn Ezra oder Abu Harun, auch bekannt als Ramba oder ha-Sallah (Granada, zwischen 1055 und 1060 – nach 1138), »einer der bedeutendsten Dichter der iberisch-sephardischen Kultur« (Dan Diner); Jehuda ben Saul ibn Tibbon (Granada, 1120 – Marseille, 1190), Dichter, Philosoph, Arzt und passionierter Übersetzer aus dem Arabischen ins Hebräische, der den Beinamen »Vater der Übersetzer« bekam; Hafsa bint Al-Hayy, besser bekannt als Al-Rakuniyya (Granada, 1135 – Marrakesch, 1191), eine berühmte arabisch-andalusische Dichterin; Diego Hurtado de Mendoza y Pacheco (Granada, 1503/4 – Madrid, 1575), Dichter und Diplomat, der u.a. als erster das burleske Thema »Sonett des Sonetts« aufgriff; Juan de Arjona (1560-1603), der bevorzugt Terzette schrieb; um nur einige wenige zu nennen. Zu den namhaften modernen Dichtern Granadas gehören u.a. Federico García Lorca, Rafael Guillén, Antonio Carvajal, Javier Egea, Luis García Montero – und inmitten der kometenhafte Pablo del Águila.

Die jüngere spanische Poesie ist durch ihr lichtes, stilistisch vielfältiges Formenbewusstsein charakterisiert und hat die Möglichkeiten der poetischen Sprache seit dem »Modernismo« um Rubén Darío (1867-1916) am Aufblühen der spanischsprachigen Dichtung – jenseits und diesseits des Atlantiks – erforscht, überprüft und umgestaltet. Der ehern junge andalusische Poet Pablo del Águila formulierte schon vor einem halben Jahrhundert die Blickrichtung: »Wir werden subjektiv bis zum äußersten Ende unseres Ursprungs sein, / bis zum ersten Schlusspunkt des unerfüllten Schicksals« (Seremos subjetivos hasta el último fin de nuestro origen, / hasta el primer final del destino no acabado).
 

Pablo del Águila

(FRAGMENTO)

Acabo de volver y estoy mirando
si es posible cambiar una esperanza, un antebrazo roto,
por un hombre.
Porque sucede a veces que uno sale a la tarde
y alguien pasa en silencio,
o te pregunta algo,
o te coge las manos y no pregunta nada.
Y uno quisiera entonces
decirle que si el pan estaba tierno o si podía
tomar un trago aún y hablar de su familia,
o hablar de que las calles
ya no tienen más piedras.
 

(FRAGMENT)

Ich kehre gerade zurück und schaue,
ob es möglich ist, eine Hoffnung, einen gebrochenen Unterarm
für einen Menschen einzutauschen.
Denn bisweilen geschieht es, dass man nachmittags hinausgeht
und jemand still vorübergeht
oder dich etwas fragt
oder dich bei den Händen nimmt und nichts fragt.
Und dann möchte man ihm sagen,
dass das Brot weich war oder er noch einen Schluck
trinken und von seiner Familie erzählen konnte,
oder darüber sprechen, dass die Straßen
keine Steine mehr haben.
 

Übertragen von Juana & Tobias Burghardt

 

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie und zuletzt »Septembererde & August-Alphabet« (2010). Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Portugal, Serbien, Schweden und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.