Jubiläumsblog. Ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT
Folge 10: Markus Bundi – Der Mensch hinter dem Dichter

Seit 25 Jahren begleitet die Zeitschrift DAS GEDICHT kontinuierlich die Entwicklung der zeitgenössischen Lyrik. Bis heute ediert sie ihr Gründer und Verleger Anton G. Leitner mit wechselnden Mitherausgebern wie Friedrich Ani, Kerstin Hensel, Fitzgerald Kusz und Matthias Politycki. Am 25. Oktober 2017 lädt DAS GEDICHT zu einer öffentlichen Geburtstagslesung mit 60 Poeten aus vier Generationen und zwölf Nationen ins Literaturhaus München ein. In ihrer Porträtreihe stellt Jubiläumsbloggerin Franziska Röchter jeden Tag die Teilnehmer dieser Veranstaltung vor.

Markus Bundi, geboren 1969 in Wettingen, aufgewachsen in Nussbaumen bei Baden, lebt in Neuenhof/Schweiz. Studierte Philosophie, Neue Deutsche Literatur und Linguistik an der Universität Zürich (lic. phil. l); arbeitete als Sport- und Kulturredaktor und unterrichtet derzeit an der Alten Kantonsschule Aarau. Veröffentlicht seit 2001 literarische Texte, ist Herausgeber der Werkausgabe Klaus Merz (Haymon Verlag) und der REIHE (Wolfbach Verlag). Zuletzt erschienen von ihm bei Klöpfer & Meyer 2013 die Novelle »Emilies Schweigen«, 2014 die Erzählung »Die Rezeptionistin« sowie 2015 der Roman »Mann ohne Pflichten«. Zusammen mit Anton G. Leitner edierte Markus Bundi im Herbst 2008 die 16. Folge der Zeitschrift DAS GEDICHT (»Gefühlter Puls – rezeptfreie Gedichte«), die bereits im Januar 2009 in die zweite Auflage ging.

Markus Bundi vereint Schriftstellerei, pädagogisches Wirken und philosophisches Denken in einer Person. Er sprach mit Franziska Röchter über den Anspruch auf Glück im Spannungsfeld von Alptraum und Utopie sowie die Geschäftemacherei mit der Hilfe zum Leben.

Ohne die andern bleibt das Glück unauffindbar.

Lieber Markus Bundi, wie kam es dazu, dass Sie 2013 in der Novelle »Emilies Schweigen« das Thema Sterbehilfe thematisierten?

Oh, das ist lange her. Den Text schrieb ich den Jahren 2010/11. Sterbehilfe war aber gewiss nicht der Auslöser dazu, sondern vielmehr das Phänomen »reiner Indizienprozess«. Geht es um ein Kapitalverbrechen, sind auch die Medien schnell zur Stelle. Mich beschäftigte damals der Gedanke, ob tatsächlich am Ende jene Partei den Prozess gewinnt, die die bessere Geschichte erzählen und entsprechend durch die Medien kolportieren kann (ganz unabhängig von den Tatsachen). Es ging mir also auf vielfältige Weise um die Macht des Erzählens. Vielfacher Mord im Gewand aktiver Sterbehilfe, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit begangen von einer Angeklagten, die strikt zu allem schweigt, lieferte dazu die passende Folie.

»Emilies Schweigen« war bewusst so konzipiert, dass der geschilderte Fall sich sowohl in Deutschland, Österreich oder auch in der Schweiz hätte abspielen können.

Im Juli erschien Ihr neuer Erzählband »Planglück. Erzählungen«. Die Geschichten darin handeln vom »Wagnis, glücklich zu sein«. In dem Band ist gleich zu Beginn ein Statement von Karl Jaspers zu lesen: »Die Wahrheit des Glücks entsteht auf dem Grunde des Scheiterns«. Basiert Ihre nähere Beschäftigung mit dem Thema Glück auf ureigenen, von Ihnen durchlebten Erfahrungen?

Ich glaube, jedes literarische Schreiben rekurriert auf eigene Erfahrungen, wiewohl das Schreiben – Kleist ein wenig umgemünzt – im Wesentlichen dem allmählichen Verfertigen der Gedanken entspricht. Was an Vorstellungen, Verdrehungen, Veränderungen während des Schreibens geschieht, ist also Teil des Prozesses und legt letztlich (fast) immer Zeugnis davon ab, wie es hätte gewesen sein können.

Mir stellt sich das Leben als Denk- und Handlungsaufgabe dar.

Wir leben ja in einer Gesellschaft mit einem gewissen Zwang zum Glücklichsein. Sich unglücklich fühlen, Depression gar, wird nicht selten mit Schwäche gleichgesetzt, die es möglichst schnell zu überwinden gilt. Wir denken in allen möglichen Zusammenhängen in Kategorien von Erfolg und Misserfolg. Damit der Mensch glücklich sein kann, müsste er aber zunächst herausfinden, was seine Bestimmung ist. Scheitert es nicht schon daran?

Hinsichtlich empirischer Studien und den daraus gezogenen Pauschalurteilen bin ich immer sehr skeptisch, zumal es Mode und Zeitgeist sind, die die entsprechenden »Resultate« befördern. Vielleicht ist es das Grundübel von Sozialstudien, dass sie von vorneweg zeitgebundenen Zirkelschlüssen unterliegen. Freilich muss jeder Mensch mit sich selbst »haushalten«. Mir stellt sich das Leben als Denk- und Handlungsaufgabe dar, beides ist unzertrennlich miteinander verknüpft. Doch der Erfolg des Einzelnen misst sich womöglich an ganz anderen Kriterien als an den jeweils in einer Zeit hochgehaltenen. Oder anders gesagt: So etwas wie »Bestimmung« sollte möglichst wenig von außen Aufoktroyiertes an sich haben, sondern, wann immer möglich, mit sehr viel »Selbstbestimmung« zu tun haben.

Markus Bundi. Foto: Christian Doppler

Markus Bundi. Foto: Christian Doppler

In Ihrer Geschichte »Der Standesbeamte« scheint es mir, als würde sich der gute Beamte durch das Verinnerlichen eines bestimmten Sehhabitus (Schielen) dem Blick auf die Wirklichkeit verschließen und sein Wissen, dass eben mehr als die Hälfte aller Ehen nicht gut laufen, zumindest für die Hochzeitsgesellschaft ausblenden?

Hm, das dürfte eine mögliche Interpretation sein. Sie birgt allerdings die Gefahr, dass man jeder schielenden Figur – wenn es denn in den Kontext passt – ein Verschließen vor der Wirklichkeit »anhängen« könnte. Offen gestanden, ich dachte nicht an diesen Aspekt, oder dachte insofern daran, als ich diesen Standesbeamten konsequent aus der Perspektive eines Ich-Erzählers schilderte und beschrieb, der diesen Mann zum ersten Mal sieht. Das Auftreten und Handeln dieser Figur in der Ausübung seines Amtes lässt ja genau genommen keine Rückschlüsse darauf zu, was in dessen Innerem vorgeht. Vielleicht tut er nur alles dafür, einen guten Job zu machen, ist geradezu davon beseelt, für die jeweils zu Vermählenden das Bestmögliche von sich aus zu geben. Und vielleicht spielt er doch nur eine über Jahre einstudierte Rolle und reflektiert sein eigenes Tun längst nicht mehr.

Man kann Glück als etwas fundamental anderes verstehen als Zufriedenheit.

Nicht von der Hand zu weisen ist die Feststellung des Erzählers in der Geschichte »Operation Sherwood«: »Wer nach Glück trachtet, muss etwas riskieren, hat die Komfortzone, in der so viele von uns leben, zu verlassen. Anders gesagt: Wer über den Status der Zufriedenheit hinausgelangen will, der setzt sich aus, der setzt sich ein, setzt wie Jeremy alles auf eine Karte.«Das stimmt zwar, ist aber auch leicht gesagt, denn je mehr man riskiert, umso mehr Ärger, Unannehmlichkeiten und Unglück kann man sich einhandeln. Auch mag es ja Menschen geben, deren größtes Glück es ist, wenn immer schön alles gleich bleibt. Das Trachten nach Glück kann ja mitunter sehr anstrengend sein …

Nun, auch hier spricht ein Ich-Erzähler, daraus ein Pauschalurteil abzuleiten, erachte ich als einen Fehler – oder dann als eine Frage der Definition: Man kann Glück als etwas fundamental anderes verstehen als Zufriedenheit. Das eine als ein zeitlich eng befristetes Hochgefühl, das andere als Zustand. Und selbst wer diese Unterscheidung macht, weiß deswegen noch lange nicht, ob man diese Hochgefühle aktiv suchen oder nur passiv finden kann. Es kommt wohl auf den Versuch an und die Haltung des Einzelnen. Ein solcher Wille, das Glück aktiv zu suchen, ist womöglich nicht jedem gegeben, genauso wenig die damit einhergehende Inkaufnahme des Scheiterns. Ich fürchte, ohne Fallhöhe ist Glück nicht zu haben.

Sie thematisieren in Ihrem Band auch Themen wie Vergangenheit, Tod, Sterben und verschiedene Realitätsebenen. Bringen Sie in Ihrer Titelgeschichte »Planglück« womöglich Ihre eigene Quintessenz zum Thema Glück auf den Punkt?

Hätte ich zu diesen größten Themen eine Quintessenz parat, ich wäre mit dem Leben fertig. Vielmehr glaube ich, mich in ausgesuchten Momenten des Glücks auf Augenhöhe mit dem Stand meiner jüngsten Irrtümer wiederzufinden.

Ebenfalls in Ihrer Titelgeschichte entwerfen Sie mit dem Modell »Zweifüreinen« eine interessante Utopie für eine »glückliche« Gesellschaft. Entspringt die Idee zu dieser Geschichte aktuellen wissenschaftlichen Möglichkeiten und Forschungsergebnissen in der Neurobiologie oder der Pränatalmedizin oder steckt dahinter die Idee, der Mensch könnte glücklicher sein, wenn er seine Belastungen einfach halbieren könnte?

Die Titelgeschichte spielt unter anderem im Spannungsfeld von Alptraum und Utopie die Möglichkeiten des Klonens von Menschen durch. Technischer Fortschritt hat allerdings mit den Möglichkeiten des Glücks nur insofern etwas zu tun, als ein längeres Leben wenigstens potentiell die Suche nach Glück auf längere Zeit ermöglicht. Der eigene Umgang mit Belastung scheint mir zunächst und vor allem eine persönliche Geschichte zu sein: Der zuweilen glückliche Workaholic schließt den zuweilen glücklichen Müßiggänger nicht aus.

Der Anspruch auf Glück lässt sich nicht delegieren.

Kann Glück nur in der Relation zur Endlichkeit unseres eigenen Daseins erlebt werden?

Das glaube ich so nicht. Diese Formel erfreut sich ja einiger Beliebtheit – als könnte man auf diese Weise den Tod erträglicher machen. Doch dieses »Tauschgeschäft«, so will mir scheinen, strapaziert das Pathos eines jeden über Gebühr, birgt darüber hinaus gut versteckt eine durch nichts zu rechtfertigende Selbsterhöhung und führt letztlich zu einem allzu bequemen – und vor allem falschen – Umkehrschluss: Weil ich sterben muss, habe ich ein Anrecht auf ein gewisses Quantum Glück. Der Anspruch auf Glück lässt sich aber nicht delegieren. Gleichwohl ist nicht auszuschließen, dass derjenige, der diesem Selbstbetrug erliegt, ganz gut mit seinem Leben zurechtkommt.

Was macht die höhere Lebenserwartung eigentlich mit unserer Psyche?

Von 1997 bis 2012 stiegen die Ausfallzeiten in der Arbeitswelt, die durch Depressionen und psychische Erkrankungen hervorgerufen wurden, um 165% an. Dies wird unter anderem auf die zunehmende Digitalisierung zurückgeführt. Was denken Sie darüber?

Hinsichtlich empirischer Studien und den daraus gezogenen Pauschalurteilen bin ich immer sehr skeptisch, zumal es Mode und Zeitgeist sind, die die entsprechenden »Resultate« befördern. Man erfasst, was man erfassen will. Das sogenannte Burn-out gab es ganz gewiss schon, bevor man diesen Begriff für eine spezifische Ausprägung der Depression erfand. Und nein, ich will damit nicht sagen, dass die Zustände heute besser sind als früher –, aber eben vielleicht auch nicht so sehr schlechter.

Wahrscheinlich müsste ich hier ausführlicher werden, als es die hier gegebene Form erlaubt. Ich will aber wenigstens zwei Aspekte kurz beleuchten: Zu klären wäre zum Beispiel, ob die Selbstmordrate im europäischen Raum proportional zur Gesamtbevölkerung tatsächlich zugenommen hat, oder ob man heute wesentlich mehr Selbstmorde eben auch als Selbstmorde deklariert. Und zum anderen: Statt immer gleich die Digitalisierung als Ursache für so manche Verheerung anzuführen, wäre es womöglich zielführender, zu untersuchen, was es eigentlich bedeutet, dass unsere Lebenserwartung heute – sagen wir im Vergleich zu vor hundert Jahren – wesentlich höher ist. Damit erscheinen zumindest zwei Folgefragen auf dem Display: Unterliegt ein Leben unter vier Generationen nicht etwas anderen Spielregeln als einem unter dreien, wie es die Menschheit über Jahrhunderte gewohnt war? Und was macht die höhere Lebenserwartung, die ja primär dank des medizinischen Fortschritts mit der länger erhaltbaren Funktionalität unserer Physis zusammenhängt, eigentlich mit unserer Psyche?

Nicht wenige Forscher meinen auch, wir Menschen würden flächendeckend unter einem echten Nährstoffdefizit leiden, weil in den modern gewonnenen Nahrungsmitteln wichtige Inhaltsstoffe nur noch reduziert vorkämen. Andere wiederum machen Bewegungsmangel für schlechte Laune verantwortlich. Stimmt vielleicht alles ein wenig – oder liegt es gar daran, dass der Mensch nicht mehr weiß, was er hier auf dem Planeten macht, weil es keine festen Regelwerke oder keinen vorgeschriebenen Verhaltenscodex mehr gibt?

Dahinter sehe ich hauptsächlich Geschäftemacherei. Lebensberatung bzw. Lebenshilfe, Tipps zum Erfolg, für die Gesundheit, grundsätzlich für ein besseres Leben – das ist ein blühender Markt. Was die Ernährung betrifft: Eine Zeitlang war Cholesterin der Killer, dann lange Zeit das Fett, jetzt, wenn ich überhaupt auf dem aktuellen Stand bin, sind die Kohlenhydrate ganz böse, das Fett hingegen ist wieder im Aufwind. Ach! Ich glaube, wer solche Diagnosen und Ratschläge von außen braucht, also an diese glaubt, der soll sie sich nehmen und auch beherzigen, unbedingt. Ich bin der Letzte, der den Placebo-Effekt unterschätzen möchte. Anders gesagt: Ist der Geist eines Menschen intakt, so hat dieser Mensch auch die Verantwortung für sich zu tragen. Das Ausprobieren vorhandener Möglichkeiten gehört freilich dazu und eben auch die Entscheidungen darüber, welche Pillen ich wann brauche und wie viele Kilometer ich täglich auf dem Rad abzuspulen habe, um mich wohl zu fühlen. Wenn ich vorhin vom Leben als Denk- und Handlungsaufgabe sprach, so gehört freilich die Reflexion darüber, inwieweit und inwiefern ich fremdbestimmt bin, mich fremdbestimmen lasse, elementar dazu.

Was tun Sie persönlich, wenn es Ihnen mal nicht so gut geht?

Lesen, spazieren gehen – oder schlafen.

Lieber Markus Bundi, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch!
 

Markus Bundi
Planglück
 

Erzählungen
Klöpfer & Meyer, Tübingen 2017
ISBN 978-3-86351-453-2

Markus Bundi / Anton G. Leitner (Hrsg.)
DAS GEDICHT Bd. 16
Gefühlter Puls – rezeptfreie Gedichte
 

Von der Heilkraft der Poesie
Anton G. Leitner Verlag, Weßling 2008
ISBN 978-3-929433-68-5

 

Franziska Röchter. Foto: Volker Derlath

Unser »Jubiläumsblog #25« wird Ihnen von Franziska Röchter präsentiert. Die deutsche Autorin mit österreichischen Wurzeln arbeitet in den Bereichen Poesie, Prosa und Kulturjournalismus. Daneben organisiert sie Lesungen und Veranstaltungen. Im Jahr 2012 gründete Röchter den chiliverlag in Verl (NRW). Von ihr erschienen mehrere Gedichtbände, u. a. »hummeln im hintern«. Ihr letzer Lyrikband mit dem Titel »am puls« erschien 2015 im Geest-Verlag. 2011 gewann sie den Lyrikpreis »Hochstadter Stier«. Sie war außerdem Finalistin bei diversen Poetry-Slams und ist im Vorstand der Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik. Franziska Röchter betreute bereits 2012 an dieser Stelle den Jubiläumsblog anlässlich des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« zum 20. Geburtstag von DAS GEDICHT.


Die »Internationale Jubiläumslesung mit 60 Poetinnen und Poeten« zur Premiere des 25. Jahrgangs von DAS GEDICHT (»Religion im Gedicht«) ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Mit Unterstützung der Stiftung Literaturhaus. Medienpartner: Bayern 2.

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