Jubiläumsblog. Ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT
Folge 13: Bärbel Wolfmeier – Der Mensch hinter der Dichterin

Seit 25 Jahren begleitet die Zeitschrift DAS GEDICHT kontinuierlich die Entwicklung der zeitgenössischen Lyrik. Bis heute ediert sie ihr Gründer und Verleger Anton G. Leitner mit wechselnden Mitherausgebern wie Friedrich Ani, Kerstin Hensel, Fitzgerald Kusz und Matthias Politycki. Am 25. Oktober 2017 lädt DAS GEDICHT zu einer öffentlichen Geburtstagslesung mit 60 Poeten aus vier Generationen und zwölf Nationen ins Literaturhaus München ein. In ihrer Porträtreihe stellt Jubiläumsbloggerin Franziska Röchter jeden Tag die Teilnehmer dieser Veranstaltung vor.

Bärbel Wolfmeier wurde 1966 in Flensburg geboren. Die fünffache Mutter schreibt Lyrik und Kurzprosa bzw. Slam-Poesie in Hoch- und Platt­deutsch. Veröffentlicht wurden ihre Texte bisher in vielen Anthologien. 2014 belegte sie den 2. Platz beim Land­schreiber Literatur­preis und war Finalistin bei den Poetry-Slam Landes­meister­schaften in Schleswig-Holstein. Ihr erstes eigenes Buch mit dem Titel »Diekschoop in Overknee­stieletto­steveln« ist im März 2015 im Quickborn-Verlag erschienen. Seit November 2014 ist sie Autorin der NDR-Sende­reihe »Hör mal ´n beten to«.

Bärbel Wolfmeier ist eine echte Powerfrau. Franziska Röchter wollte von ihr aber nicht nur wissen, wo ihre Stärken liegen, sondern auch ihre Schwächen, und was ihr im Hinblick auf Bücher wichtig ist.

Die Leser gut zu unterhalten ist eine verkannte Kunst.

Liebe Bärbel, du kommst ja ursprünglich aus Flensburg. Wie lange lebst du schon in Dithmarschen? Und inwiefern hat dich der Norden geprägt?

Ich lebe seit dem Jahr 2000 in Dithmarschen. Im Norden ist man sturmerprobt. Ich habe gelernt, Position zu beziehen und mich nicht von jedem Lüftchen umwehen zu lassen. Deswegen wird man hier aber nicht zum Marktschreier. Am Norden liebe ich seine Unaufgeregtheit.

Was würdest du Besuchern in Schleswig-Holstein auf jeden Fall während ihres Aufenthalts empfehlen?

Schleswig-Holstein ist das Land zwischen den Meeren. Natürlich muss man ans Wasser. Sand zwischen den Zehen spüren. Ob Nord- oder Ostsee ist Geschmackssache.

Du bist mit Hochdeutsch aufgewachsen. Wie bist du darauf gekommen, auf Niederdeutsch zu schreiben und zu dichten?

Der Wunsch entstand, als ich einen Poetry Slam auf Platt besuchte. Ich hatte schon einige auf Hochdeutsch miterlebt, aber der Slam auf Platt war der Beste, den ich bis dahin gesehen hatte.

Bärbel Wolfmeier. Foto: Ellen Eckhardt

Bärbel Wolfmeier. Foto: Ellen Eckhardt

Wie bist du überhaupt mit Gedichten in Berührung gekommen?

Zuerst in der Schule. Mir lag alles Spielerische: Kunst, Sport, Musik … Das waren meine Fächer. Auch das Spiel mit der Sprache. Lyrik fand ich immer schon interessant. Ich liebte Heinz Erhardts »EIApopEIA, was raschelt im Stroh …« genauso sehr wie Conrad Ferdinand Meyers »Füße im Feuer«.

Die Slams haben eine ganz eigene Atmosphäre. Ich liebe sie. Ich hasse sie.

Wie bist du zum Poetry Slam gekommen? Slammst du noch viel?

2014 stand ein Plakat an der Straße im Nachbarort. Darauf stand: »Poetry-Slam. Wettstreit der Dichter«. Damals schrieb ich seit einiger Zeit schon selbst Gedichte. Ich konnte nicht anders – ich musste da hin. Das war mein erster Poetry-Slam. Auf meinem zweiten war ich dann nicht mehr nur Besucher, sondern schon Akteur. Die Slams haben eine ganz eigene Atmosphäre. Ich liebe sie. Ich hasse sie. Manchmal slamme ich noch, aber nicht mehr hauptsächlich.

Wie wäre möglicherweise dein Leben verlaufen, wenn du niemals mit Gedichten in Berührung gekommen wärest?

Ich glaube nicht an diese Möglichkeit. Dafür ist meine Sehnsucht nach Lyrik zu groß. Die Sehnsucht ist ein Sog. Sie führt uns früher oder später dorthin, wo sie gestillt wird.

Ich glaube, dass das Leben einen Sinn hat.

Bist du ein gläubiger Mensch? Wenn ja, woran glaubst du? Wenn nein, woran glaubst du?

Ja. Ich glaube, dass das Leben einen Sinn hat. Dass alles, was ich sehe und begreife oder auch nicht begreife, von dem genialsten aller Künstler stammen muss. Ich glaube, dass er sich uns durch die Schöpfung und die Bibel mitteilt.

Was hältst du für deine größte Stärke?

Mein Harmoniebedürfnis.

Deine größte Schwäche?

Mein Harmoniebedürfnis.

Ich werde das kleine Glück im Auge behalten, das mir täglich begegnet.

Was fehlt dir zu deinem größten Glück?

Mein größtes Glück ist die Erfüllung der Verheißung Gottes aus Offenbarung 21:3–4. Bis dahin werde ich das kleine Glück im Auge behalten, das mir täglich begegnet.

Wo siehst du dich in fünf Jahren, persönlich und literarisch?

Ich wünsche mir, das zu tun, was ich liebe und für richtig halte. Da bin ich schon längst angekommen.

Was würdest du selbst für Geld nicht tun?

Vieles. Alles entgegen meiner Überzeugung.

Engagierst du dich politisch? Wenn ja, wie?

Du meinst, ob ich meine Hoffnung auf menschliche Regierungen setze? Nein. Ich habe etwas Besseres gefunden.

Wenn du dich selbst mit fünf Eigenschaftswörtern beschreiben müsstest, welche wären das?

Niemand ist bei der Beantwortung dieser Frage voreingenommener als ich. Also, die nächste bitte …

Ich bin ein nörgeliger Leser.

Welches Buch müsste noch geschrieben werden?

Das ist eine schwere Frage. Ich bin ein nörgeliger Leser. Mein Regal ist voll angelesener Bücher. Wenn ich andere Autoren lese, ertappe ich mich oft bei dem Gedanken: »Das hätte ich jetzt aber anders formuliert. Klingt irgendwie gestelzt.« Zum Glück denke ich das auch von meinen eigenen Texten. Aber jetzt im Ernst: Es gibt eine solche Bücherschwemme! Ist noch so viel zu sagen? Bedeutendes? Ich würde gern weniger, dafür mehr bedeutende Bücher lesen. Frag mich lieber, auf welches ich verzichten könnte. Da wird die Liste länger. Aber es muss nicht alles von Bedeutungsschwere triefen. Unterhaltung ist ebenso wichtig. Die Leser gut zu unterhalten, ist eine verkannte Kunst. Ich empfinde den Literaturbetrieb mehr kommerziell. Da ich aber die Mundart liebe, würde es mich freuen, wenn mehr Bücher in ihr geschrieben würden … besonders für Kinder.

Wenn du am nächsten Sonntag eine Predigt halten müsstest, worüber würdest du diese schreiben?

Ich halte keine Predigten. Nicht einmal meinen Kindern. Lieber unterhalte ich mich.

Lieben Dank, Bärbel!

Dir auch, liebe Franziska! Und – wie der Norddeutsche zu sagen pflegt: »Dorför nich!«
 

Exklusiv für DAS GEDICHT blog entstanden die beiden folgenden Videos vom »Zeitungsgedicht« als niederdeutsche und als hochdeutsche Version.


 


 

Bärbel Wolfmeier
Diekschoop in Overkneestielettosteveln

Quickborn-Verlag, Hamburg 2015
104 S., Paperback
ISBN 978-3-87651-392-8

 

Franziska Röchter. Foto: Volker Derlath

Unser »Jubiläumsblog #25« wird Ihnen von Franziska Röchter präsentiert. Die deutsche Autorin mit österreichischen Wurzeln arbeitet in den Bereichen Poesie, Prosa und Kulturjournalismus. Daneben organisiert sie Lesungen und Veranstaltungen. Im Jahr 2012 gründete Röchter den chiliverlag in Verl (NRW). Von ihr erschienen mehrere Gedichtbände, u. a. »hummeln im hintern«. Ihr letzer Lyrikband mit dem Titel »am puls« erschien 2015 im Geest-Verlag. 2011 gewann sie den Lyrikpreis »Hochstadter Stier«. Sie war außerdem Finalistin bei diversen Poetry-Slams und ist im Vorstand der Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik. Franziska Röchter betreute bereits 2012 an dieser Stelle den Jubiläumsblog anlässlich des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« zum 20. Geburtstag von DAS GEDICHT.


Die »Internationale Jubiläumslesung mit 60 Poetinnen und Poeten« zur Premiere des 25. Jahrgangs von DAS GEDICHT (»Religion im Gedicht«) ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Mit Unterstützung der Stiftung Literaturhaus. Medienpartner: Bayern 2.

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