Jubiläumsblog. Ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT
Folge 20: Hellmuth Opitz – Der Mensch hinter dem Dichter

Seit 25 Jahren begleitet die Zeitschrift DAS GEDICHT kontinuierlich die Entwicklung der zeitgenössischen Lyrik. Bis heute ediert sie ihr Gründer und Verleger Anton G. Leitner mit wechselnden Mitherausgebern wie Friedrich Ani, Kerstin Hensel, Fitzgerald Kusz und Matthias Politycki. Am 25. Oktober 2017 lädt DAS GEDICHT zu einer öffentlichen Geburtstagslesung mit 60 Poeten aus vier Generationen und zwölf Nationen ins Literaturhaus München ein. In ihrer Porträtreihe stellt Jubiläumsbloggerin Franziska Röchter jeden Tag die Teilnehmer dieser Veranstaltung vor.

Hellmuth Opitz, geboren 1959 in Bielefeld, studierte Germanistik und Philosophie in Münster. Nach dem Studium arbeitete er als Chefredakteur für ein Stadtmagazin und als freier Journalist, u. a. für namhafte Musikmagazine wie »Musikexpress« und »Rolling Stone«. Seit 1982 schreibt Opitz auch Gedichte, die in Einzeltiteln sowie Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht werden. Er ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller und seit Mai 2016 Mitglied beim PEN-Zentrum Deutschland. Hellmuth Opitz lebt in Bielefeld.

Wenn man den Namen Hellmuth Opitz hört, denkt man an Liebesgedichte. Unter Umständen auch an Toastbrot. Franziska Röchter sprach mit ihm über seinen kommenden Lyrikband, über seine wilden Jahre als Musiker und sein Verhältnis zur Kirche.

Die zehn Gebote etwa sind ein Grundgesetz.

Lieber Hellmuth, im Herbst erscheint dein neuer Gedichtband. Was wird diesen Band mit dem Titel »In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten« von seinem Vorgänger unterscheiden, worauf dürfen wir uns freuen?

Der neue Band erzählt mehr Geschichten in Gedichtform. In den Gedichten werden Wahrnehmungen, Momentaufnahmen und einzelne Menschen porträtiert. Es gibt einen Zyklus namens »Skulpturenpark der Demut – Gedichte vom Betteln«, der diesbezügliche Beobachtungen lyrisch fasst. Insgesamt ist der Band melancholischer und ernster, aber natürlich sind auch Liebesgedichte und Gegenstandsgedichte darin, also Genres, die mit meinem Namen als Poet auch verbunden sind.

In deiner Jugendzeit warst du längere Zeit als Musiker aktiv. Was genau hast du gespielt und warum hast du irgendwann damit aufgehört?

Ich habe in einer Folkrock-Band namens Target akustische Gitarren (6- und 12-saitig) gespielt, später dann Bassgitarre, und ich war die zweite Leadstimme. Außerdem habe ich die englischen Texte unserer eigenen Songs geschrieben.

Ich war 19 und ein Jahr später sind wir ins Studio gegangen und haben neun Songs für eine LP aufgenommen. Die war etwas laienhaft, aber mit viel Liebe eingespielt und ist seinerzeit mit einer Auflage von 200 Exemplaren rausgekommen. Natürlich ohne öffentliche Resonanz. Absolut größenwahnsinnig, da haben wir in den Ferien sechs Wochen lang gejobbt, um uns die zwei Tage Studio leisten zu können. Die LPs werden heute von fanatischen Sammlern ganz heiß gehandelt (300 €/Stück) …

Wir sind fünf Jahre lang live aufgetreten und aufgehört habe ich, weil ich einsah, dass es bessere Instrumentalisten gibt und meine eigentliche Stärke bei den Texten lag.

Hellmuth Opitz. Foto: Ellen Eckhardt

Du bist aber in anderer Weise der Musik treu geblieben, nämlich als Texter. Im Frühjahr 2017 wurde in der Rudolf Oetker Halle in Bielefeld die Pop-Oper »Tilda« aufgeführt. Du hast für die Texte verantwortlich gezeichnet. Ein Jahr zuvor wurde in gleicher Spielstätte ein Kirchenlibretto von dir uraufgeführt. Wie kann man sich den Arbeitsprozess an einer Pop-Oper vorstellen?

Beides, der »Bielefelder Psalm« und »Tilda«, waren Auftragsarbeiten, wobei ich freie Hand hatte. Bei Ersterem musste ich mich nur ein wenig am 115. Psalm orientieren, bei »Tilda« waren mir Thema und Geschichte komplett freigestellt. Dort war es besonders wichtig, schnell ein Exposé der Geschichte zu haben, damit sich Musiker, Komponisten, Kostümbildner und Regie schon ein wenig darauf einstellen konnten. Noch bevor die ersten Bühnentexte fertiggestellt waren, hatte ich die ersten Songtexte schon fertig. Im Songschreiben fühlte ich mich sicher, Bühnentexte hatte ich noch nie verfasst. Ein Dreivierteljahr vor der Uraufführung hatte ich erstmals alles im Kasten, anschließend kamen noch ein paar Änderungen hinzu.
 

Hellmuth Opitz rezitiert sein Gedicht »Mein Toaster«

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https://youtu.be/eNAuttU8vcQ

 

Dichten ist ein einsames Geschäft. Man schreibt im luftleeren Raum.

Vor fünf Jahren sprachen wir über das sogenannte Preiskarussell in der Lyrik. Du erwähntest damals, dass du diesbezüglich noch nicht so viel Glück hattest. Seitdem hat sich aber viel bei dir getan: Sieger des »postpoetry« Wettbewerbes 2012, Gewinner des »Menantes-Preises 2016 für erotische Dichtung«. Wie wichtig sind dir solche Auszeichnungen?

Ich habe manchmal das Gefühl, es gibt in der Gegenwartslyrik zwei Kategorien von PoetInnen. Auf der einen Seite die, die Preise bekommen und im Feuilleton hochgelobt werden, aber (wenn man mal von Jan Wagner absieht) in der literarischen Wirklichkeit kaum Leser und mit ihren Werken nur erschütternd geringe Auflagenzahlen haben. Da kommen manche mit Müh und Not auf eine gerade mal dreistellige Zahl. Und dann gibt es die, die die Ochsentour mit Lesungen und Veranstaltungen machen, die zwar nicht in den Feuilletons in der ersten Phalanx namhafter DichterInnen stehen, aber deren Nähe zum Publikum und Demut vor den Lesern sich in etwas höheren Auflagen zeigen – wobei die ›Höhe‹ sich hier auf 1.000–2.000 Exemplare beläuft.

Ich selbst war zwar schon im etablierten Feuilleton vertreten, zähle mich von der publizistischen Bedeutung her aber zur zweiten Kategorie. Was die Preise angeht: Der »postpoetry«-Preis und der »Menantes Preis« sind im Vergleich zu expliziten Lyrikpreisen wie »Leonce-und-Lena-Preis«, »Peter-Huchel-Preis« oder »Dresdner Lyrikpreis« eher nachrangig. Bei einem Preis für erotische Dichtung (Menantes) wird man ja von manchen gefragt, ob der von Beate Uhse gesponsert wurde. Aber ich habe mich über diese Preise sehr gefreut, sie bedeuten doch eine Form der Wahrnehmung und Anerkennung der Arbeit. Dichten ist ein einsames Geschäft. Man schreibt im luftleeren Raum, deshalb ist die Resonanz in Form von Preisen oder Publikumszuspruch durchaus wichtig. Bloß abhängig machen sollte man sich davon nicht.

Ich muss privat jede Möglichkeit nutzen, um poetisch zu arbeiten.

Vor einiger Zeit saßen wir uns in einer öffentlichen Veranstaltung gegenüber. Du warst mit Notizbuch und Stift beschäftigt und es sah ganz danach aus, als hättest du gedichtet. Machst du das oft, mitten in Versammlungen oder zwischen vielen Menschen?

Es kommt vor. Wenn ich einen ›Flow‹ habe, also im Schreibfluss für ein Gedicht bin, kann das auch durchaus im Windschatten einer öffentlichen Veranstaltung sein. Mein Brotberuf in einer Werbeagentur absorbiert viel kreative Energie, also muss ich privat jede Möglichkeit nutzen, um poetisch zu arbeiten.

Der Glaube an ein Leben nach dem Tode ist mir leider abhandengekommen.

Lieber Hellmuth, an was glaubst du? Bist du Kirchgänger?

Ich bin in einer sehr christlichen, protestantischen Familie aufgewachsen, habe also Bibel, Kirchenlieder, Gottesdienst von frühester Kindheit an mitbekommen. Der Glaube an ein Leben nach dem Tode ist mir aber leider abhandengekommen. Die biblische Geschichte weist zu viele ›menschliche‹ Komponenten auf, um wirklich Gottes Wort sein zu können (z.B. die ›reine‹ Jungfrau Maria und die Geburt von Jesus kommen mir moraltheologisch doch sehr katholisch zusammengeklebt vor). Allerdings ist mir jedes locker von der Zunge gehende Bashing des christlichen Glaubens und der Kirche zuwider. Die zehn Gebote etwa sind ein Grundgesetz, das jegliche Zivilisation und den Umgang untereinander erst ermöglicht und regelt. Zur Kirche gehe ich selten.

Was war dein bislang negativstes und was dein positivstes Erlebnis im Zusammenhang mit Kirche, Religion und Glauben?

Ich war als Jugendlicher zwischen 12 und 16 Jahren beim CVJM und man wurde quasi genötigt, ›missionieren‹ zu gehen. Eine schreckliche Erfahrung! Eine positive Erfahrung ist für mich die Möglichkeit, dass ich in kniffligen Situationen ein Stoßgebet wohin auch immer schicke und dass dies ein wichtiges Ventil ist, um Druck auszuhalten oder abzubauen. Es hilft wirklich!

Wenn du der Papst wärst, was würdest du umgehend ändern?

Frauen zu allen katholischen Ämtern zulassen.

Welche Hobbies pflegt eigentlich Hellmuth Opitz, wenn er nicht gerade Gedichte schreibt?

Musik hören, Kino, Tagträumen, ausführliche Spaziergänge, an die Nord- oder Ostsee fahren, gute Zoos besuchen, Fußball, Darts.

Welche Bands oder musikalischen Einzelkünstler hörst du am liebsten?

Als Bands: Led Zeppelin, Black Crowes, Rival Sons, Wilco, XTC.
Als Solokünstler: Bob Dylan, Bruce Springsteen, Joni Mitchell, Ryan Adams etc.

Zu welchem Tanz schwingst du am liebsten das Tanzbein auf dem Parkett?

Rock (aber bitte freestyle!).

Welche drei Kinofilme hast du zuletzt gesehen?

  • »Die Verführten« von Sofia Coppola (eher durchschnittlich)
  • »Die Erfindung der Wahrheit« mit Jennifer Chastain (intelligent)
  • »Manchester by the sea« von Kenneth Lonergan (großartig)

Was nervt dich an Menschen am meisten?

Aufdringlichkeit, Mimosenhaftigkeit, Leute, die sich immer als etwas Besonderes wahrgenommen fühlen wollen.

Wenn du Kanzler wärst, was würdest du sofort ändern?

Einen wirklichen Marshall-Plan für Afrika entwickeln (natürlich in Augenhöhe mit afrikanischen Partnern).

Lieber Hellmuth, 1000 Dank für dieses interessante Interview.

 
Hellmuth Opitz
In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten

Gedichte
Pendragon Verlag, Bielefeld 2017
128 Seiten, Paperback
ISBN 978-3-86532-587-7

 

Franziska Röchter. Foto: Volker Derlath

Unser »Jubiläumsblog #25« wird Ihnen von Franziska Röchter präsentiert. Die deutsche Autorin mit österreichischen Wurzeln arbeitet in den Bereichen Poesie, Prosa und Kulturjournalismus. Daneben organisiert sie Lesungen und Veranstaltungen. Im Jahr 2012 gründete Röchter den chiliverlag in Verl (NRW). Von ihr erschienen mehrere Gedichtbände, u. a. »hummeln im hintern«. Ihr letzer Lyrikband mit dem Titel »am puls« erschien 2015 im Geest-Verlag. 2011 gewann sie den Lyrikpreis »Hochstadter Stier«. Sie war außerdem Finalistin bei diversen Poetry-Slams und ist im Vorstand der Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik. Franziska Röchter betreute bereits 2012 an dieser Stelle den Jubiläumsblog anlässlich des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« zum 20. Geburtstag von DAS GEDICHT.


Die »Internationale Jubiläumslesung mit 60 Poetinnen und Poeten« zur Premiere des 25. Jahrgangs von DAS GEDICHT (»Religion im Gedicht«) ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Mit Unterstützung der Stiftung Literaturhaus. Medienpartner: Bayern 2.

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