Jubiläumsblog. Ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT
Folge 21: Melanie Arzenheimer – Der Mensch hinter der Dichterin

Seit 25 Jahren begleitet die Zeitschrift DAS GEDICHT kontinuierlich die Entwicklung der zeitgenössischen Lyrik. Bis heute ediert sie ihr Gründer und Verleger Anton G. Leitner mit wechselnden Mitherausgebern wie Friedrich Ani, Kerstin Hensel, Fitzgerald Kusz und Matthias Politycki. Am 25. Oktober 2017 lädt DAS GEDICHT zu einer öffentlichen Geburtstagslesung mit 60 Poeten aus vier Generationen und zwölf Nationen ins Literaturhaus München ein. In ihrer Porträtreihe stellt Jubiläumsbloggerin Franziska Röchter jeden Tag die Teilnehmer dieser Veranstaltung vor.

Melanie Arzenheimer wurde 1972 in Eichstätt geboren, wo sie heute noch wohnt. Sie arbeitet als Chefredakteurin bei der espresso Mediengruppe in Ingolstadt und leitet dort die Redaktion des Magazins »Bayerns Bestes«. 2009 wurde sie durch das Votum des Publikums in Hochstadt zur Gewinnerin des allerersten »Lyrikstiers« gekürt. Seit 2013 ist sie zudem Herausgeberin des regionalen Online-Satiremagazins »Erna«; im selben Jahr wurde sie auch in die Schriftstellergilde der Münchner Turmschreiber berufen. 2017 wurde sie als erste Frau zur Präsidentin der »Münchner Turmschreiber« gewählt. Bislang erschienen von ihr drei Gedichtbände: Auf »Die Frisuren der Lemuren« folgte der Band »Unter Spezln« und 2014 ihr drittes Buch »Der Indianer ist Veganer. Gepfefferte Gedichte«.

Melanie Arzenheimer ist die erste weibliche Präsidentin der Münchner Literatenvereinigung »Turmschreiber«. Sie stand Franziska Röchter Rede und Antwort zu den Veränderungen in ihrem Leben, zu ihrem Verhältnis zur Kirche sowie zu ihren Aufgaben als Fachjurorin.

Ich gebe offen zu, dass ich kein regelmäßiger Kirchgänger bin.

Liebe Melanie, du bist ja seit einiger Zeit Präsidentin der Schriftstellervereinigung der Münchner Turmschreiber. An deiner Seite im Präsidium finden sich zwei Männer, nämlich Wolfgang Oppler und Jürgen Kirner. Du bzw. ihr steht vielen prominenten Kollegen wie Friedrich Ani, Konstantin Wecker, Ottfried Fischer, Fitzgerald Kusz und vielen mehr vor. Wie fühlt sich das an?

Es fühlt sich etwas unrealistisch an. All diese großen Namen, denen man – oder in meinem Fall frau – vorsteht. Schon unglaublich! In der alltäglichen Arbeit hat sich allerdings Gott sei Dank herausgestellt, dass es sich bei den Turmschreibern durchgehend um Lebewesen und insbesondere um Menschen handelt.

Worin bestehen deine Aufgaben als erste weibliche Präsidentin der Turmschreiber? Bringst du mehr emotionale Intelligenz in den Vorstand oder gibt es vielleicht sonst etwas, das sich verändern wird?

Das mit der ersten weiblichen Präsidentin ist mir zunächst gar nicht aufgefallen und meinen Mitstreitern, denke ich, auch nicht. Im Grunde ging es darum, wer den Posten übernimmt, egal ob Männlein oder Weiblein. Das ist aus meiner Sicht auch der Kern der Gleichberechtigung. Und mein Zuständigkeitsbereich ist ausgerechnet der, den man vielleicht dem ›Mädl‹ in der Truppe gar nicht zuordnen würde: Ich kümmere mich um die neue Facebook-Seite der Turmschreiber und nehme demnächst das Update des Internetauftritts in Angriff.

Inwiefern nun mehr ›emotionale Intelligenz‹ Einzug hält, vermag ich nicht zu beurteilen. Was mich allerdings freuen würde, wäre eine zunehmende Zahl an weiblichen Mitgliedern bei den Turmschreibern.

Das Wort Langeweile gehört also definitiv nicht zu meinem Grundwortschatz.

Dann gab es ja noch eine weitere Veränderung in deiner beruflichen Laufbahn: Seit kurzem bist du Chefredakteurin von »Bayerns Bestes«, ein Hochglanzmagazin für ganz Bayern. Mehr Verantwortung, mehr Arbeit? Worüber schreibt ihr?

Mich freut es sehr, dass ich die Redaktionsleitung für »Bayerns Bestes« übernehmen durfte. Das Magazin, das ab der August-Ausgabe nicht nur in ganz Bayern, sondern sogar deutschlandweit im Verkauf ist, beleuchtet die Themenbereiche Kultur, Kulinarik, Freizeit und Historie. Dazu kommen aber auch Berichte über High-Tech aus Bayern, über Erfindungen, Bauwerke, skurrile Gestalten oder ungewöhnliche Bräuche.

Wir wollen kein reines Urlaubsmagazin für Besucher in Bayern sein, sondern vor allem auch den Einheimischen interessante Geschichten liefern. Bei der Recherche merkt man dann auch, wie unglaublich vielfältig die eigene Heimat ist. Die Arbeit ist spannend, intensiv und hochinteressant. Zusätzlich leite ich redaktionell die Wochenzeitung »Bickpunkt« und schreibe für das Monatsmagazin »espresso« – das Wort Langeweile gehört also definitiv nicht zu meinem Grundwortschatz.

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Jetzt wird’s noch persönlicher: Wie hältst du es mit der Kirche?

Ich gebe offen zu, dass ich kein regelmäßiger Kirchgänger bin. Mir persönlich erschließt sich nicht unbedingt die Notwendigkeit von strikten Regeln und Abläufen bei der Glaubensausübung. Und das, obwohl ich als freier Mitarbeiter beim Hörfunk des Bistums Eichstätt (Radio K1) die Sendung »Spielwiese« co-moderiere und auch Hörfunkbeiträge liefere. Durch diese Arbeit komme ich oft mit kirchlichen Themen in Kontakt und erlebe da im Prinzip beide Seiten der in diesem Fall katholischen Kirche, nämlich die karitativ-seelsorgerische Seite, die eine sehr wertvolle Arbeit leistet, und die (unvermeidlich?) bürokratische Seite.

Kannst du dich an ein sehr positives Erlebnis aus deiner Kindheit im Zusammenhang mit Religion, Glauben oder Religionsausübung erinnern?

Meine Grundschulzeit verbrachte ich in der Grundschule St. Walburg in Eichstätt, einer Klosterschule, in der damals noch zahlreiche Nonnen unterrichteten. Und ich kann mich noch gut an Schwester Fides erinnern, die eine tolle Grundschullehrerin war. Außerdem habe ich regelmäßig an Gruppenstunden teilgenommen, die in meiner Heimatgemeinde Rebdorf/Marienstein für Kinder angeboten wurden und in denen wir gebastelt, gespielt und gesungen haben. Das war immer sehr schön.

Was war dein negativstes Kindheitserlebnis im Zusammenhang mit Kirche und Religion?

Definitiv der Religionsunterricht. Und zwar in der Grundschule und später am Gymnasium, denn beide Male hatte ich das Pech, auf Religionslehrer zu treffen, die ihren Job eher suboptimal ausgeübt haben. Das endete schließlich damit, dass ein Großteil der Klasse in den Ethik-Unterricht gewechselt ist, obwohl der gemeinerweise extra am Nachmittag angesetzt war.

Wenn ich Päpstin wäre, hätte sich bereits etwas Wesentliches geändert.

Wenn du Päpstin wärst, welches Dekret würdest du unverzüglich erlassen?

Wenn ich Päpstin wäre, hätte sich bereits etwas Wesentliches geändert, nämlich dass Frauen in der katholischen Kirche zu Priesteramt und Co. zugelassen würden. Das würde auch die Personalsituation mancherorts sicherlich entspannen.

Du bist ja seit etlichen Jahren Mitglied in der Fachjury zur Preisvergabe des »Lyrikstiers« (vormals »Hochstadter Stier«). Mit welchen Augen siehst du als Jurymitglied im Gegensatz zum regulären Publikum die Leistung der auftretenden Poeten?

Als Jurymitglied bekomme ich die eingereichten Texte bereits vorab. Beim Wettbewerb selbst kann ich dann auch notieren, ob jemand noch an seinem Text gearbeitet hat. Dieses Feilen kann einem Text einen Extra-Kick geben. Ich finde es gut, wenn Autoren das zulassen und mit ihrem Werk kritisch umgehen. Natürlich spielt der Vortrag eines Textes immer eine Rolle, aber da die Jury die Möglichkeit hat, die Text nicht nur zu hören, sondern ebenso zu lesen, können sich auch zurückhaltende, leise Autoren durch einen guten Text hervortun. Darin sehe ich eine der Aufgaben der Jury, diese Wettbewerbsbeiträge zu berücksichtigen.

Zusätzlich füllst du seit 2014 auf DAS GEDICHT blog deine Kolumne »Melanie am Letzten«. Für diejenigen, die diese Kolumne noch nicht für sich entdeckt haben: Warum sollte man sie auf keinen Fall verpassen?

Weil der Monat dann ja schon am Ende ist und eigentlich nichts Schlimmes mehr kommen kann …

Liebe Melanie, vielen Dank für deine herzerfrischenden Worte.
 

Melanie Arzenheimer rezitiert ihr Gedicht »Eingeschränkt«

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https://youtu.be/c4wYj3IA5S4

 
Melanie Arzenheimer
Der Indianer ist Veganer

Gepfefferte Gedichte
Poesie 21 im Verlag Steinmeier, Deiningen 2014
78 Seiten, Paperback
ISBN 978-3-943599-34-3

 

Franziska Röchter. Foto: Volker Derlath

Unser »Jubiläumsblog #25« wird Ihnen von Franziska Röchter präsentiert. Die deutsche Autorin mit österreichischen Wurzeln arbeitet in den Bereichen Poesie, Prosa und Kulturjournalismus. Daneben organisiert sie Lesungen und Veranstaltungen. Im Jahr 2012 gründete Röchter den chiliverlag in Verl (NRW). Von ihr erschienen mehrere Gedichtbände, u. a. »hummeln im hintern«. Ihr letzer Lyrikband mit dem Titel »am puls« erschien 2015 im Geest-Verlag. 2011 gewann sie den Lyrikpreis »Hochstadter Stier«. Sie war außerdem Finalistin bei diversen Poetry-Slams und ist im Vorstand der Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik. Franziska Röchter betreute bereits 2012 an dieser Stelle den Jubiläumsblog anlässlich des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« zum 20. Geburtstag von DAS GEDICHT.


Die »Internationale Jubiläumslesung mit 60 Poetinnen und Poeten« zur Premiere des 25. Jahrgangs von DAS GEDICHT (»Religion im Gedicht«) ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Mit Unterstützung der Stiftung Literaturhaus. Medienpartner: Bayern 2.

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Literaturhaus München


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