Jubiläumsblog. Ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT
Folge 29: Johannes Zultner – Der Mensch hinter dem Dichter

Seit 25 Jahren begleitet die Zeitschrift DAS GEDICHT kontinuierlich die Entwicklung der zeitgenössischen Lyrik. Bis heute ediert sie ihr Gründer und Verleger Anton G. Leitner mit wechselnden Mitherausgebern wie Friedrich Ani, Kerstin Hensel, Fitzgerald Kusz und Matthias Politycki. Am 25. Oktober 2017 lädt DAS GEDICHT zu einer öffentlichen Geburtstagslesung mit 60 Poeten aus vier Generationen und zwölf Nationen ins Literaturhaus München ein. In ihrer Porträtreihe stellt Jubiläumsbloggerin Franziska Röchter jeden Tag die Teilnehmer dieser Veranstaltung vor.

Johannes Zultner, geboren 1956 in Mediasch / Siebenbürgen, Rumänien. Lebt in München. Zultner studierte Evangelische Theologie in Herrmannstadt / Universität Klausenburg. Seit 1975 veröffentlichte er regelmäßig in den deutschsprachigen Publikationen Rumäniens (»Neue Literatur«, »Echinox«, »Karpatenrundschau«), Lesungen bei wichtigen rumäniendeutschen Literaturveranstaltungen.
1979 siedelte Zultner in die Bundesrepublik Deutschland aus und studierte anschließend Evangelische Theologie, Philosophie und Germanistik in München. Seit 1988 befindet er sich im Dienst der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

1981 erhielt Zultner den Lyrikpreis beim Autorenwettbewerb der »Gesellschaft für Literatur und Kunst« Innsbruck. Seitdem erschienen viele Veröffentlichungen in Poesieorganen wie »DAS GEDICHT«, »Der Deutsche Lyrikkalender« oder »Versnetze«. Zultner wurde zweimal für den Leonce-und-Lena-Lyrikpreis nominiert und nahm damit verbunden zweimal am Darmstädter »Literarischen März« teil.

Für Johannes Zultner spielt Sprache eine besondere Rolle – schließlich erreicht er damit als Lyriker nicht nur seine Leser, sondern als Pfarrer auch Gemeindemitglieder in der Seelsorge. Mit Franziska Röchter sprach er über Lyrik als Trostspender, die Musik im Gedicht und das Vertrauen in ›das Wort‹.

Poesie und Glauben sind ein Wagnis.

Lieber Johannes Zultner, seit wann kennen Sie die Zeitschrift DAS GEDICHT?

Seit ihren Anfängen.

Wie sind Sie auf DAS GEDICHT gestoßen?

Ich habe ihre Entstehung mitbekommen, weil ich den Herausgeber Anton G. Leitner kannte. Wir sind uns schon als Studenten in München begegnet und hatten schon damals literarisch miteinander zu tun.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie zum ersten Mal die Nachricht erhalten haben, dass eines Ihrer Gedichte in DAS GEDICHT publiziert werden würde?

Ich habe mich natürlich sehr gefreut.

In welcher Ausgabe war das und wie heißt das Gedicht?

Das war in der Ausgabe 15 / Jahrgang 2008: »Ich bin dein Nest, du bist mein Fest. Liebe mit allen Sinnen«, mit dem Gedicht »vier kleine gesänge auf die haut«.

Obwohl ich die Zeitschrift wie auch den Herausgeber schon lange kannte, habe ich erstmals zur 15. Ausgabe überhaupt Gedichte eingereicht, weil ich mich die Jahre dazwischen berufsbedingt kaum literarisch hatte betätigen können.

Ist es Ihnen wichtiger, mit einer Online-Veröffentlichung berücksichtigt zu werden oder bedeutet Ihnen ein Gedichtabdruck auf echtem Papier mehr?

Unter den heutigen Bedingungen ist beides gleich wichtig.

Mein schönstes Erlebnis mit einem Gedicht: Dass ich die Angehörigen eines Verstorbenen damit trösten konnte.

Was war Ihr schönstes Erlebnis in Zusammenhang mit einem Gedicht?

Dass ich die Angehörigen eines Verstorbenen damit trösten konnte – mit Rilkes »Todes-Erfahrung«: »Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das / nicht mit uns teilt …«.
Ich konnte das Gedicht auswendig und in der Seelsorgesituation spontan darauf zurückgreifen.

Nicht umsonst heißt es: »Diese Mahlzeit war ein Gedicht.« oder »Das Kleid ist ein Gedicht!« Was ist denn Ihr Lieblingsgedicht von einem anderen Dichter?

Die Entscheidung für ein Gedicht fällt mir schwer. Ich habe viele Lieblingsgedichte, sowohl aus dem klassischen als auch dem zeitgenössischen Repertoire. Aber ich will mich nicht drücken und entscheide jetzt: Conrad Ferdinand Meyer, »Der römische Brunnen«.

 

Johannes Zultner. Foto: privat

Johannes Zultner. Foto: privat

 
Und was ist ihr selbst verfasstes Lieblingsgedicht?

noah 2

»the brave«   * 9.3.2015

am anfang stand ein kampf den du gewannst
nahm viel an kraft doch das gefühl du kannst
dein leben halten mit den kleinen händen mit
dem großen herzen prägt jetzt deinen schritt

den laufschritt der dem leben fast voraus
nie hinterher nie grade noch – im haus
der welt sind alle schwellen dir nicht schwer

du ruhst in deines atems wiederkehr

so ist der kampf vorbei nur noch das spiel
des liebens und geliebtseins sei dein ziel
 

Ich wünsche der Poesie, dass sie von vielen Menschen als so elementar beglückend erlebt wird, wie ich sie erlebe.

Was würden Sie der Poesie generell wünschen, was sollte Ihrer Meinung nach geschehen, damit mehr Menschen Gedichte lesen oder Gedichtbände kaufen?

Ich wünsche der Poesie, dass sie von vielen Menschen als so elementar beglückend erlebt wird, wie ich sie erlebe.

Ich weiß nicht, was man generell tun kann, um dies zu bewirken. Ich selbst habe in meinem Beruf als Pfarrer (damit auch Religionslehrer) immer auch versucht, Poesie zu vermitteln, und damit gute Erfahrungen gemacht. Die KollegstufenschülerInnen im Gymnasium haben sich von meiner Freude an schönen Texten anstecken lassen und haben freiwillig auswendig gelernt. Im kirchlichen Bereich habe ich längere Zeit sehr gut besuchte Lyrikabende (durchschnittlich 80 Teilnehmer) mit zeitgenössischen AutorInnen veranstaltet.

Glauben Sie, es stimmt, dass Lyrikleser meist auch (teilweise geheim) selber Gedichte schreiben oder es versuchen?

Ich glaube, dass es größtenteils stimmt.

Lyrik muss im Literaturgeschehen unserer Tage mit Selbstbewusstsein auftreten.

Manchmal kursiert die Meinung, dass Lyrikschreiben die Vorstufe zu etwas ›Größerem‹ ist. Wie könnte man Ihrer Meinung nach der Lyrik wieder zu dem Stand verhelfen, den sie einst hatte: nämlich Königsgattung in der Literatur zu sein?

Für mich ist Lyrik die Königsgattung. Sie muss im Literaturgeschehen unserer Tage und überhaupt in der Öffentlichkeit mit diesem Selbstverständnis, diesem Selbstbewusstsein auftreten.

Ich selbst habe bewusst ausschließlich Lyrikabende veranstaltet und viele Interessierte haben sich darauf eingelassen und, wie sie mir dann rückmeldeten, es nicht bereut.

Wenn einem Gedicht die Musik fehlt, fehlt ihm alles.

Was sind für Sie denn Kriterien für ein gutes Gedicht?

An einem guten Gedicht wird erkennbar: »Sprache ist mehr als ihr Inhalt«.

Sprache ist, über ihren Inhalt hinaus, Klang (›Musik‹ als rhythmische Struktur und Melodie) und Optik (Schrift und Grafik). Dies hat Rückwirkungen auf den Inhalt.

Die oft gehörte Aussage, Sprache würde bloß einen schon fertigen Inhalt ›transportieren‹, wie ein leeres Gefäß, in das man beliebig etwas hineinfüllen kann, ist Unsinn.

Für mich selbst ist im Blick auf Gedichte die ›Musik‹ ein entscheidendes Kriterium: Gedichte sind Gedichte letztendlich durch ihre Musik, sei es Rhythmus oder Sprachmelodie. Wenn einem Gedicht die Musik fehlt, fehlt ihm alles. Die Struktur eines Gedichtes dient seiner Musik, die auch optisch erfassbar ist (also nicht erst durch Vortrag und Hören).

Können Sie sich an ein sehr positives Erlebnis aus der Kindheit im Zusammenhang mit Gedichten erinnern?

An durchgehend positive Erlebnisse. Mein Elternhaus im dörflichen Siebenbürgen / Rumänien war zwar mit Büchern nicht gerade gesegnet, doch lagen da beispielsweise alte Schulbücher (Deutsch-Lesebücher) herum. Darin entdeckte ich zum Beispiel »Gefunden« von Goethe – es hat mich beglückt. Ich habe die Gedichte aus diesen abgegriffenen Büchern, denen altersbedingt die ersten und letzten Seiten fehlten, immer wieder gelesen und fand sie jedes Mal aufs Neue schön.

Was haben Poesie und Glauben gemeinsam?

Beide sind ein Wagnis, auch dadurch, dass beide sich auf etwas Unwägbares gründen – auf ›das Wort‹ – und ihm vertrauen.

Wie ist bei Ihnen der Wunsch entstanden, Pfarrer zu werden?

In meinem Dorf in Siebenbürgen / Rumänien waren Kirche und Pfarrhaus die einzigen Orte, an denen ich auf meiner Suche nach geistiger Beschäftigung fündig wurde, und diese verband sich dann mit dem geistlichen Aspekt, der dort naturgemäß vorhanden war. Nicht immer sehr tiefgehend das Ganze, aber doch omnipräsent. Ich habe auch der schlechtesten Predigt interessiert gelauscht und aus der Privatbibliothek des Pfarrers alle guten wie auch alle schlechten Bücher gelesen. So wurde meine Kindheit von Pfarrhaus und Kirche geprägt und ich wurde Pfarrer.

Wenn Sie aktuell eine Predigt schreiben müssten und hätten vollkommen freie Themenwahl: Worüber würden Sie gern den Menschen predigen?

Ich habe im Grunde immer das gleiche Thema, natürlich in verschiedenen Variationen und unterschiedlichem Gewand: Mein Entsetzen darüber, dass die Menschen die (auch gottgewollte) Freiheit, die sie haben könnten, nicht wollen – siehe »Der Großinquisitor« von Fjodor Dostojewski – und lieber der Dummheit und Gewalt dienen und sich diesen ausliefern. Das Weltgeschehen unserer Tage zeigt uns dies überdeutlich. Dagegen muss etwas gesagt und getan werden.

Lieber Johannes Zultner, ganz herzlichen Dank!

 

Franziska Röchter. Foto: Volker Derlath

Unser »Jubiläumsblog #25« wird Ihnen von Franziska Röchter präsentiert. Die deutsche Autorin mit österreichischen Wurzeln arbeitet in den Bereichen Poesie, Prosa und Kulturjournalismus. Daneben organisiert sie Lesungen und Veranstaltungen. Im Jahr 2012 gründete Röchter den chiliverlag in Verl (NRW). Von ihr erschienen mehrere Gedichtbände, u. a. »hummeln im hintern«. Ihr letzer Lyrikband mit dem Titel »am puls« erschien 2015 im Geest-Verlag. 2011 gewann sie den Lyrikpreis »Hochstadter Stier«. Sie war außerdem Finalistin bei diversen Poetry-Slams und ist im Vorstand der Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik. Franziska Röchter betreute bereits 2012 an dieser Stelle den Jubiläumsblog anlässlich des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« zum 20. Geburtstag von DAS GEDICHT.


Die »Internationale Jubiläumslesung mit 60 Poetinnen und Poeten« zur Premiere des 25. Jahrgangs von DAS GEDICHT (»Religion im Gedicht«) ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Mit Unterstützung der Stiftung Literaturhaus. Medienpartner: Bayern 2.

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