Jubiläumsblog. Ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT
Folge 3: Timo Brandt – Der Mensch hinter dem Dichter

Seit 25 Jahren begleitet die Zeitschrift DAS GEDICHT kontinuierlich die Entwicklung der zeitgenössischen Lyrik. Bis heute ediert sie ihr Gründer und Verleger Anton G. Leitner mit wechselnden Mitherausgebern wie Friedrich Ani, Kerstin Hensel, Fitzgerald Kusz und Matthias Politycki. Am 25. Oktober 2017 lädt DAS GEDICHT zu einer öffentlichen Geburtstagslesung mit 60 Poeten aus vier Generationen und zwölf Nationen ins Literaturhaus München ein. In ihrer Porträtreihe stellt Jubiläumsbloggerin Franziska Röchter jeden Tag die Teilnehmer dieser Veranstaltung vor.

Timo Brandt (Jahrgang 1992) studiert derzeit an der Universität für angewandte Kunst in Wien, am Institut für Sprachkunst. Er schreibt Lyrik und Essays, außerdem veröffentlicht er Literatur-Rezensionen auf seinem Blog lyrikpoemversgedicht.wordpress.com, Babelsprech.org und Amazon. Im Februar 2017 erschien sein Gedichtband »Enterhilfe fürs Universum« in der edition offenes feld. 2013 war er Preisträger beim Treffen junger Autoren.

Timo Brandt studiert an der Universität für angewandte Kunst in Wien, kurz der Angewandten. Mit Franziska Röchter sprach er über Lyrik als Erkenntnis- und Existenzform sowie über interdisziplinäres Arbeiten und künstlerisches Experiment.

Mich selbst versuche ich nicht ganz so ernst zu nehmen

Lieber Timo, dir eilt der Ruf voraus, du seist einer der besten Junglyriker Deutschlands. Entsteht da nicht ein enormer Erfolgsdruck?

Keine Ahnung, ob das wirklich mein Ruf ist und wo er vernommen wird. Ich glaube nicht, dass es da einen allgemeinen Konsens gibt. Aber es ist natürlich schön, dass man hier und da Anerkennung bekommt, ein bisschen mitmischen kann. Dadurch entsteht kein wirklicher Erfolgsdruck in meinem eigenen Schreiben, da bin ich mittlerweile ganz gut bei mir angekommen (eine Sicherheit unter Vorbehalt); wenn eine Zeitschrift oder jemand anders anfragt, dann kann so ein Druck auf einmal spürbar werden, aber nur, weil man hinter der Anfrage eine Erwartungshaltung vermutet, die die eigenen Texte auf irgendeine obskur definierte Qualität absuchen wird. Früher habe ich mich dann immer gefragt: Okay, welcher Text passt denen am besten? Gerade bin ich dabei, mich mehr darauf zu konzentrieren: Was finde ich gut und wichtig zu sagen, zu schreiben – und wenn das nicht gewollt ist, ist das schade, aber nicht zu ändern.

Jemand schrieb, es scheine, als würdest du in Gedichten denken. Bedeutet das, dass du quasi bei jedem Gedanken schon eine Gedichtzeile konstruierst?

Es passiert öfters, dass ich bereits im Kopf eine Gedichtzeile konstruiere, die oft das Fußfassen in einem Gedicht markiert, die Initialzündung. In manchen Situationen fallen mir Verse ein, die ich gelesen habe. Ob das die oben beschrieben Aussage rechtfertigt: Ich weiß es nicht. Lyrik ist mir essentiell wichtig, ich bewege mich sehr gern in dieser Form des Schreibens, des Geschriebenen. Es ist nicht nur eine Ausdrucksform, sondern auch eine Form der Erkenntnis, eine Form des Existierens für mich. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Lyrik ist nicht nur eine Ausdrucksform, sondern auch eine Form der Erkenntnis, eine Form des Existierens für mich.

Deine Gedichte werden als romantisch und barock beschrieben, avantgardistisch wirken sie zugleich in ihrer Form, die man teilweise auch Formlosigkeit nennen könnte. Wie erklärst du dir dieses ungleiche Nebeneinander, wer sind deine großen Vorbilder bzw. welche Dichter inspirieren dich?

Ich mag keine Etiketten auf meinen eigenen Gedichten (was sicher etwas verlogen ist, denn als Rezensent benutze ich ständig welche – obwohl ich mich auch da bemühe, umsichtiger zu werden). Barock oder romantisch, das kann so vieles bedeuten: Barock wird manchmal als ein Synonym von manieristisch verwendet, romantisch kann ebenso wie Barock auf eine Kunstperiode anspielen, aber auch schlicht den amourösen Gehalt meiner Gedichte im Auge haben. Avantgardistisch ist auch so ein kniffliges Wort, denn ich empfinde meine Gedichte weder als revolutionär noch als besonders formprägend. Avantgardistisch kann etwas ja nur in Bezug auf etwas anderes sein und in Bezug auf was ist meine Lyrik dann Avantgarde?

Ich baue meine Gedichte so, weil ich glaube, dass jede Botschaft, jedes Gedicht, seine eigene Form braucht und darin am besten zur Geltung kommt. Diese Form kann auf einer klassischen Vorlage beruhen oder vermeintlich-innovativ sein – mir ist wichtig, dass sie die richtige Gestalt für dieses Gedicht ist, wie es gerade entsteht, wie es operiert, wie seine Ökonomie es fordert und zulässt.

 
Timo Brandt spricht: Liebesliedschnipsel (aus: »Enterhilfe fürs Universum«)

 

Anfang Juni d. J. warst du eine Woche in Hildesheim, um mit sieben anderen Lyrikern im Rahmen des PROSANOVA 17, dem Festival für junge Literatur, am Artist in Residence-Programm teilzunehmen. Das Festival findet alle drei Jahre statt. Wie lief die Zeit dort für dich ab, mit welchen Erkenntnissen konntest du wieder nach Wien fahren?

Da muss ich korrigieren: es waren nicht sieben andere Lyriker*innen, sondern sieben andere Autor*innen. Ich war sogar der einzige Lyriker, was irgendwie ganz amüsant war.

Das Artist in Residence-Programm umfasste einige Workshops, die wir an den Tagen Dienstag, Mittwoch und Donnerstagvormittag absolvierten. Gerade Dienstag und Mittwoch waren wir praktisch ganztägig eingespannt, am Donnerstagabend hatten wir dann eine Lesung im Rahmen des Festivaleröffnungsabends.

Es war eine coole Zeit, die anderen AiRs waren eine wunderbare Truppe. Die meisten Erkenntnisse haben sie mir während unserer gemeinsamen Zeit in den Seminaren und der Freizeit drum herum beschert. Vom Festival selbst habe ich natürlich auch einige Erkenntnisse mitgebracht, u. a.: Günstiger Gin Tonic und wenig Schlaf sind ein ziemlich rabiates Pärchen.

Du erfüllst mit deinem Band auf jeden Fall einige lehrplanmäßige Elemente der »Angewandten« (Universität für angewandte Kunst in Wien), die als wesentliches Studienziel im Fachbereich Sprachkunst die »Verbindung traditioneller Literaturkategorien mit experimentellen und medialen Kategorien der Gestaltung« angeben. War Wien von Anfang an erste Wahl für dein Studium? Was unterscheidet das Studium dort von ähnlichen Studiengängen in Biel, Leipzig oder Hildesheim?

Ich bezweifle ehrlich gesagt, ob ich in meinem Band diese Elemente wirklich erfülle, denn genaugenommen sind das einfach Gedichte, ohne Videos, graphische Elemente oder zusätzliche performative Strukturen. Ich bin da eher ein Leisetreter und auch wenn ich diese Verquickungen von Literatur und anderen Medien, die auf der Angewandten in einer Vielzahl stattfinden, spannend, wichtig und in Teilen auch großartig finde: Das ist einfach nicht meine Welt, da liegen nicht meine Stärken; wenn ich überhaupt Stärken habe, dann liegen sie auf der Ebene des Wortes und nicht in der medialen Ausgestaltung. Vielleicht kommt das noch, vielleicht auch nicht.

In jedem Fall: das Studium in Wien legt sehr viel Wert auf diese interdisziplinären Arbeiten und unterscheidet sich darin sicher von den anderen drei Literaturinstituten. Außerdem ist der literaturwissenschaftliche Aspekt in Wien nicht so wichtig wie in Hildesheim oder Leipzig – wir sind ja dort auch an der Universität für »angewandte« Kunst.

Timo Brandt. Foto: DAS GEDICHT

Timo Brandt. Foto: DAS GEDICHT

Du bist mittlerweile bekannt als ein unglaublich fleißiger Rezensent. Wie suchst du dir deine zu besprechenden Werke aus, nach welchen Kriterien findet bei dir eine Auswahl aus der Fülle an Literatur statt?

Ich schaue, was mich interessiert und was mir angeboten wird. Für fixpoetry.com schreibe ich derzeit viel über Literaturzeitschriften. Ansonsten rezensiere ich sehr viel Lyrik, weil das ein Genre ist, das ich sehr mag und das außerdem in der Kritik extrem unterrepräsentiert ist.

Zeitgleich bist du auch Mitherausgeber der Literaturzeitschrift JENNY. Die Beschreibung dieser Zeitschrift im Logbuch Suhrkamp strotzt nur so vor Selbstironie. Wie ernst nehmt ihr euch?

Ich weiß nicht, ob das noch Selbstironie ist, oder nicht eher Selbstkoketterie. Außerdem, wenn man sich die Fragen [in dem Logbuch, Anm.] mal ansieht: Soll man darauf etwa nüchterne und einfache Antworten geben? Also, um auf die Frage einzugehen: wir nehmen die Literatur ernst und die Autor*innen und Leser*innen; mich selbst versuche ich nicht ganz so ernst zu nehmen, ist nicht gesund, macht engstirnig, aber ich kann da nicht für die anderen Mitglieder der Redaktion sprechen. Die machen den Job bei der JENNY alle ehrenamtlich und sie machen ihn gut, stecken viel Energie und Zeit darein. JENNY gibt sich hier und da gern etwas extravagant, wir machen halt eine coole Zeitschrift. Und dieses Image nehmen wir ernst.

Am 19.06.2017 warst du in der Villa Rosenthal Gast des 8. Jenaer Lyrikgesprächs. Junge, einer breiten Öffentlichkeit noch unbekannte Dichterinnen und Dichter zu entdecken und zu vermitteln ist das Ziel des Jenaer Lyrikgesprächs: Die jungen Autoren werden zu einer öffentlichen Lesung mit einer sich anschließenden moderierten Diskussion nach Jena eingeladen. Wie war das für dich?

War cool, hat sehr viel Spaß gemacht. Nette Leute bei der Organisation, nette Leute am Abend im Publikum und man hat sich wirklich um mich bemüht, das war fast schon unheimlich-schön. Es gab allerhand Fragen, betreffend meine Motivation, meine Themen, meine Meinungen zur Lyrikszene und zur deutschen Literatur und es hat sich, für mein Gefühl, ein sehr flüssiger Austausch ergeben.

Wie geht’s für dich nach dem Bachelor weiter? Welche Pläne hast du?

Tja, das ist die große Frage, der ich leider noch nicht übers Haupt blicken kann, um zu sehen, was danach kommt. Schreiben in jedem Fall, Stipendien, wenn das möglich ist, Rezensieren, vielleicht ein 20 Stunden Job irgendwo, vermutlich bleibe ich in Wien. Projekte, an denen ich arbeiten will, gibt es genug.

Lieber Timo, wenn man so viel mit Kunst, künstlerischem Experiment und (Sprach-)Schöpfungen zu tun hat wie du, bleibt da noch Zeit für irgendetwas anderes, wie etwa Sport oder Kino?

Schwimmen und Fußball, wann immer es sich ergibt. Könnte mehr sein, definitiv. Politisch interessiert bin ich zwar, aber leider nicht so aktiv auf der Schiene, was wieder mit meinem eher zurückhaltenden Charakter zu tun hat und sicher auch in Teilen mit Bequemlichkeit. Ich tu, was ich vermag, würde ich sagen und das wäre sicher nicht die Wahrheit, denn ich könnte mehr tun. Die letzten Kinofilme waren: Mullholland Drive, Guardians of the Galaxy 2, Manchester by the Sea, Star Wars Episode VII. Ich geh gern ins Kino, entweder um mich wirklich umhauen zu lassen (Lynch, Manchester) oder für den Spaß, the glory (Star Wars, Guardians).

Lieber Timo, herzlichen Dank für dieses interessante Gespräch.
 

erinnerung in keiner farbe

erfuhren so werden gefühle genannt die brücken zwischen
rippen und schlag aber wir hatten zu zungen nichts
zu sagen auch nicht zu unserem rotwerdenden heißhunger
sommer sprossen darunter wir aber nur im gras rotwein
trinkend und sich nass über die lehrer und das schön finden
unterhalten

du hast mich nicht vergessen will wer ins internet schreien
aber da wird dich niemand hören facebook ist zu allem
in der lage außer dem was zwischen rippensaitenbögen
und den einstigen behausungen der gefühlsungetüme
pocht als wäre es eine anstrengung aber so nennt man
das nicht
 

© Timo Brandt, Wien

aus:

Timo Brandt Enterhilfe fürs UniversumTimo Brandt
Enterhilfe fürs Universum. Gedichte
 

edition offenes feld, 2017
104 Seiten
9783743192287
16,50 [D]

 

Franziska Röchter. Foto: Volker Derlath

Unser »Jubiläumsblog #25« wird Ihnen von Franziska Röchter präsentiert. Die deutsche Autorin mit österreichischen Wurzeln arbeitet in den Bereichen Poesie, Prosa und Kulturjournalismus. Daneben organisiert sie Lesungen und Veranstaltungen. Im Jahr 2012 gründete Röchter den chiliverlag in Verl (NRW). Von ihr erschienen mehrere Gedichtbände, u. a. »hummeln im hintern«. Ihr letzer Lyrikband mit dem Titel »am puls« erschien 2015 im Geest-Verlag. 2011 gewann sie den Lyrikpreis »Hochstadter Stier«. Sie war außerdem Finalistin bei diversen Poetry-Slams und ist im Vorstand der Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik. Franziska Röchter betreute bereits 2012 an dieser Stelle den Jubiläumsblog anlässlich des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« zum 20. Geburtstag von DAS GEDICHT.


Die »Internationale Jubiläumslesung mit 60 Poetinnen und Poeten« zur Premiere des 25. Jahrgangs von DAS GEDICHT (»Religion im Gedicht«) ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Mit Unterstützung der Stiftung Literaturhaus. Medienpartner: Bayern 2.

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