Jubiläumsblog. Ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT
Folge 31: Thilo Mandelkow – Der Mensch hinter dem Dichter

Seit 25 Jahren begleitet die Zeitschrift DAS GEDICHT kontinuierlich die Entwicklung der zeitgenössischen Lyrik. Bis heute ediert sie ihr Gründer und Verleger Anton G. Leitner mit wechselnden Mitherausgebern wie Friedrich Ani, Kerstin Hensel, Fitzgerald Kusz und Matthias Politycki. Am 25. Oktober 2017 lädt DAS GEDICHT zu einer öffentlichen Geburtstagslesung mit 60 Poeten aus vier Generationen und zwölf Nationen ins Literaturhaus München ein. In ihrer Porträtreihe stellt Jubiläumsbloggerin Franziska Röchter jeden Tag die Teilnehmer dieser Veranstaltung vor.

Thilo Mandelkow, Jahrgang 1982, singt im privaten Bereich gerne eigene Lieder, spielt dazu Klavier, zeichnet ebenso gerne Cartoons, Comics, Wimmelbilder und Bildgedichte und fabriziert darüber hinaus auch Gedichte, die er nicht noch zusätzlich mit Bildern versieht.

Mandelkow unterrichtet seit 2008 an einer Gemeinschaftsschule im Norden Deutschlands die von ihm studierten Fächer Mathematik und Evangelische Religion.

Thilo Mandelkow ist eigentlich Lehrer. Dass er den Schalk im Nacken hat, bezeugen nicht nur seine Cartoons. Franziska Röchter erzählte er Anekdoten aus seiner Jugend- und Schulzeit und berichtete über sein Faible für Witzgedichte.

Meine Gedichte wurden gerade noch so vor der Deponie gerettet.

Beim Versuch, einen mir bis dato unbekannten Namen in Zusammenhang mit dichterischen oder literarischen Aktivitäten zu bringen, gibt die Emailadresse möglicherweise Aufschluss über die gesamte Gemütslage der gesuchten Person. Jemand mit Sinn für Humor und vielleicht Selbstironie – oft sind dies Menschen, die schon so einiges vom Leben abbekommen haben.

Thilo Mandelkow gehört sicher zu der Spezies von Zweibeinern, die mit dem nötigen Augenzwinkern und einer eher unbürokratischen Art dem eigenen Schicksal Paroli bieten. Dass man erst im zweiten Anlauf etwas über ihn findet, ist vor allem seiner genialen ›Tarnung‹ geschuldet – schließlich muss ein Pädagoge sich ja auch etwas vor der ihm beruflich zugewiesenen ›Meute‹ schützen.

»Moin Moin« scheint sein Lieblingsgruß zu sein, im wahren Leben wie auch in dem von ihm karikativ (und wohl auch karitativ) Abgebildeten. Er bedankt sich für das Interesse an seiner Person und ist beruhigt, dass auf der Suche nach ihm einige witzige Cartoons gefunden wurden. Er bemühe sich nämlich, die nichtwitzigeren geheim zu halten.

Das Geheimnis der erfolgreichen Suche: Einfach nach »Herrman Delkow« statt nach »Thilo Mandelkow« suchen. Denn dieses Pseudonym bewahrt den Künstler vor zu viel Sichtbarkeit im beruflichen Umfeld. Und die Suche nach diesem Alias fördert auch gleich ein paar Bildgedichte Bildgedichte zutage.

 

Thilo mit Weste und Möhre. Illustration: Thilo Mandelkow

Thilo mit Weste und Möhre. Illustration: Thilo Mandelkow

Er habe, wie ich mit dem detektivischen Spürsinn eines Nick Knatterton richtig vermutete, tatsächlich auf Lehramt studiert, genau gesagt Evangelische Theologie und Mathematik, und sei somit eigentlich Pädagoge, derzeit allerdings in Auszeit.

Ein Faible für sich reimende Gedichte mit einem gewissen Witz habe er schon früh gehabt – Wilhelm Busch, Heinz Erhardt und Hans Traxler seien ein paar der Schriftsteller, die er im elterlichen Bücherregal entdecken konnte. »Harald Schmidt hatte irgendwann Robert Gernhardt zu Gast und schon am nächsten Tag stand ich im Buchladen und bestellte mir seine Bücher (um mich während des Abistresses damit abzulenken). Ich liebe Wortspiele und Wortverdrehungen und stolperte nach und nach über allerlei ›Kleinkünstler‹, deren schöne Sachen mich auch immer noch lachen machen.«

 

Foto und Illustration: Thilo Mandelkow

Foto und Illustration: Thilo Mandelkow

Illustration: Thilo Mandelkow

Illustration: Thilo Mandelkow

Illustration: Thilo Mandelkow

Illustration: Thilo Mandelkow

Ich fing in langweiligen Vorlesungen an zu zeichnen, um nicht einschlafen zu müssen.

»Ich fing in langweiligen Vorlesungen an zu zeichnen, um nicht einschlafen zu müssen – schwänzen ging aber nicht, ich brauchte ja den Schein. Falls Sie einmal die Möglichkeit haben, die Vorlesung ›Sozialstrukturanalyse‹ bei Prof. Dr. B. XYZ zu hören – mich hat diese unglaubliche Veranstaltung immerhin dem Medium ›Comic & Cartoon‹ nähergebracht.«

Herrman Delkow hat offenbar auch Interesse an Musik: »Ich habe in den letzten zwei Jahren einige Lieder geschrieben, als ich mit dem Abschluss meiner zwölfjährigen WG-Zeit endlich Platz für ein Tasteninstrument fand und nach knapp 18 Jahren wieder zu spielen begann.« Dass das Tasteninstrument kein Steinway ist, davon kann man sich auf seinem YouTube-Kanal überzeugen.

 

Illustration: Thilo Mandelkow

Illustration: Thilo Mandelkow

Illustration: Thilo Mandelkow

Illustration: Thilo Mandelkow

Illustration: Thilo Mandelkow

Illustration: Thilo Mandelkow

 

»Wenn Schüler viel zu schwere Mathearbeiten schreiben mussten und der Lehrer ›Zeit‹ hatte, dann habe ich manchmal ein bisserl vor mich hingedichtet und es der Klasse dann später vorgetragen. Mathewortspiele, Mathemerklieder, Unsinn über die Klasse. Ab und zu habe ich mir auch einen Spaß daraus gemacht, mir fünf Begriffe nennen zu lassen, um dann ein Gedicht daraus zu machen. Das war in einem Lehrerforum. Eigentlich sollte aus fünf Begriffen ein Satz geformt werden, aber das fand ich jetzt nicht sonderlich schwierig. Darum hatte ich mir diese kleine Erweiterung für meine Beiträge ausgedacht. Dennoch mehrten sich die Stimmen, ich würde ›am Thema des Forums vorbei agieren‹. Lehrer halt. Hatten ja Recht. Sie wollten zwar eigentlich nicht auf die Gedichte verzichten, sie aber nicht in diesem speziellen Forum lesen. Darum hörte ich dann damit wieder auf.«

 

Cartoon: Thilo Mandelkow

Cartoon: Thilo Mandelkow

 

Und auch die Schauspielkunst liegt Herrn Delkow nicht fern: »Im Zeltlager, in dem ich zehn Jahre als Betreuer während der Sommerferien 160 pubertierende Jugendliche beschäftigt habe, musste ich mal bei einem ›Mittelaltertag‹ einen Narren spielen. Und weil ich tagsüber in gelber Strumpfhose, Rüschenhemd und Samthut nebst Feder barfüßig durch die Gegend hüpfte, sprach ich den ganzen Tag in Reimen oder trällerte allerlei Lieder. Das war ein Spaß – aber es war nur ein Tag.«

»Für mich selbst habe ich – wie ich beim Ausräumen meines Elternhauses merkte – schon oft kleine Gedichte geschrieben. Sie flatterten aus allerlei Büchern und Schulheften heraus und wurden gerade noch so vor der Deponie gerettet.«

Mein Deutschlehrer war leider nicht von allen Sachen so angetan.

»Mein Deutschlehrer war leider nicht von allen Sachen so angetan. Er kannte die Werke Heinz Erhardts nicht und eine Mitschülerin hat sich das zunutze gemacht, indem sie, sollten Gedichte angefertigt werden, Erhardts Werke als ihre eigenen ausgab. Damit ist sie notentechnisch sehr gut gefahren, hat aber natürlich die Messlatte für alle anderen ziemlich hoch gelegt. Leider hat sich der Deutschlehrer der Geheimnisoffenbarung durch Fernbleiben vom Abiball entzogen. So spielt das Leben.«

 

 

Bislang hätten sich die Reaktionen auf Herrman Delkows kurze Gedichte meist auf folgende Worte beschränkt:

  • »Herr Mandelkow – was haben Sie heute Morgen genommen?«
  • »Thilo – Du spinnst!«
  • Augenrollen.
  • »Gibt es Sie eigentlich auch in Normal?« (Darauf hab ich natürlich geantwortet: »Nein – nur in Super.« Aber der Schüler hatte noch keinen Führerschein und hat’s nicht verstanden, glaube ich).
  • »Und Sie trinken echt keinen Alkohol?!«
  • »Thilo, bist du als Kind in einen Eimer aus Absinth gefallen und das sind jetzt die Nachwirkungen?«
  • »Mandelkow! Das war nicht die Aufgabe! Sie sollten eine Kurzgeschichte schreiben und kein Lied vorsingen! Liefern Sie bitte morgen die Hausaufgabe nach!«

 

Cartoon: Thilo Mandelkow

Cartoon: Thilo Mandelkow

 

Wir sind sicher, dass sich diese Reaktionen nach Herrn Delkows gesamtkünstlerischem Auftritt in München ändern wird.

 

Herrman Delkow singt: »Das oftmals tragische Los so manch eines ambitionierten Lyrikers in unserer heutigen Gesellschaft«

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/22iXZLuYvOs

 

Franziska Röchter. Foto: Volker Derlath

Unser »Jubiläumsblog #25« wird Ihnen von Franziska Röchter präsentiert. Die deutsche Autorin mit österreichischen Wurzeln arbeitet in den Bereichen Poesie, Prosa und Kulturjournalismus. Daneben organisiert sie Lesungen und Veranstaltungen. Im Jahr 2012 gründete Röchter den chiliverlag in Verl (NRW). Von ihr erschienen mehrere Gedichtbände, u. a. »hummeln im hintern«. Ihr letzer Lyrikband mit dem Titel »am puls« erschien 2015 im Geest-Verlag. 2011 gewann sie den Lyrikpreis »Hochstadter Stier«. Sie war außerdem Finalistin bei diversen Poetry-Slams und ist im Vorstand der Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik. Franziska Röchter betreute bereits 2012 an dieser Stelle den Jubiläumsblog anlässlich des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« zum 20. Geburtstag von DAS GEDICHT.


Die »Internationale Jubiläumslesung mit 60 Poetinnen und Poeten« zur Premiere des 25. Jahrgangs von DAS GEDICHT (»Religion im Gedicht«) ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Mit Unterstützung der Stiftung Literaturhaus. Medienpartner: Bayern 2.

DAS GEDICHT Logo

 

Literaturhaus München


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.