Jubiläumsblog. Ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT
Folge 45: Andreas Peters – Der Mensch hinter dem Dichter

Seit 25 Jahren begleitet die Zeitschrift DAS GEDICHT kontinuierlich die Entwicklung der zeitgenössischen Lyrik. Bis heute ediert sie ihr Gründer und Verleger Anton G. Leitner mit wechselnden Mitherausgebern wie Friedrich Ani, Kerstin Hensel, Fitzgerald Kusz und Matthias Politycki. Am 25. Oktober 2017 lädt DAS GEDICHT zu einer öffentlichen Geburtstagslesung mit 60 Poeten aus vier Generationen und zwölf Nationen ins Literaturhaus München ein. In ihrer Porträtreihe stellt Jubiläumsbloggerin Franziska Röchter jeden Tag die Teilnehmer dieser Veranstaltung vor.

Andreas Peters, geboren 1958 in Tscheljabinsk-Ural (UdSSR), ist Lyriker, Erzähler, Kinderbuchautor und Liedermacher. 1977 Ausreise aus Kirgisien in die Bundesrepublik Deutschland. 1984–1995 Studium der Theologie, Philosophie und Krankenpflege in der Schweiz, Gießen und Frankfurt am Main. »Master of Divinity«.

Bis 2001 an der Universitätsklinik Gießen auf einer Leukämie-Intensivstation als Pfleger und Seelsorger tätig. Zuletzt Pastor der Evangelischen Freikirche Bad Reichenhall/Berchtesgaden und diplomierter Gesundheitspfleger in der Neurologischen Uniklinik Salzburg. Seit 2016 Pastor der Evangelischen Gemeinde Bötzingen.

Etliche Auszeichnungen, zuletzt Lyrikpreis der Deutschen Autoren aus Russland 2014, Jurypreis Hochstadter Stier 2015. Mitglied der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. Mitglied Salzburger Autorengruppe (SAG)

Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen. Andreas Peters hat einen ungewöhnlichen Berufsweg hinter sich. Das Meistern seines persönlichen Schicksals gelingt ihm durch seinen tiefen Glauben. In Franziska Röchters Gespräch mit Andreas Peters geht es aufgrund von Schnittmengen unter anderem um das Menschsein.

Dass sich ein Organismus in sein Gegenüber hineinversetzen kann. Das ist ja die Stärke der Dichter und der Seelsorger. Vielleicht auch ihre Schwäche.

Lieber Andreas Peters, bei Ihrem aktuellen Gedichtband »Mitteilungen einer Saatkrähe« (Neustadt an der Weinstraße 2017) fällt sofort auf: Das optisch überaus interessant gestaltete, kleine quadratische Buch besitzt keine ISBN-Nummer. Ist das immer so bei Büchern aus dem Brot&Kunst Verlag?

Das ist der Fall. Das ist ein junger, engagierter, etwas ›verrückter‹ Verlag, der neue Wege in Gestaltung und Aufmachung, auch Inhalt, beschreitet, daher scheinbar auch ohne diese Nummer auskommt. Bücher bestellen kann man beim Verlag eh ohne Probleme.

Die Saatkrähe ist ja ein überaus geselliges und sehr aktives Tier mit ausgeprägtem und differenziertem Sozial- und Spielverhalten, sie ist neugierig und so clever, dass ihr Werkzeuggebrauch nachgesagt wird. Sind das Eigenschaften, die Sie auch für sich beanspruchen?

Das ist eine gute Frage. Neugierig bin ich auf jeden Fall. Ob ich clever bin und vor allem mit Werkzeug umgehen kann, da müssen Sie meine bessere Krähenhälfte fragen. Aber eine Krähen-Eigenschaft ist mir sehr wichtig. Möglicherweise besitzen diese Rabenvögel Aspekte einer einfachen »Theory of Mind«. Das bedeutet, dass sich ein Organismus in sein Gegenüber hineinversetzen und verstehen kann, was in diesem vor sich geht. Das ist ja die Stärke der Dichter und der Seelsorger. Vielleicht auch ihre Schwäche.

Der alte Grantler, Chemiker und Moralist Erwin Chargaff sagte mal: »Ich glaube, dass das Verschwinden zweier erstmals lebendigen Kräfte viel zu unserer Misere beigetragen hat. Diese sind das menschliche Gewissen und die Einbildungskraft, um sich in ein anderes Lebewesen hineinzuversetzen.« Dafür versucht man die Dichter wie die Saatkrähen zu vertreiben für die Schäden im Land und in der Landwirtschaft. In der Fachsprache heißt es: Vergrämen. Ossip Mandelstam an Anna Achmatowa in Woronesch, 1936: »Poesie ist eine Macht, denn für sie wird man getötet.« Kinder im Moskauer Hof sahen Mandelstam laufen und fragten: »Onkel, sind sie ein Pope oder ein General?« Das wäre die »Karrrrh-?« wie in »Mitteilungen einer Saatkrähe« im Gedicht-Vorwort:

die k-????//rosen//montags//faschings//dienstags//ascher//mittwochs//grün//
donnerstags//karr//freitags?//karrh//samstags?//die k-?//was ist die//antwort://jesus//genannt//christus?//oder//jeschua//barabbas?//anno domini?//die karrrh-?

Oder:
KINDERFRAGEN & ANWORTEN

Onkelchen, bist du ein Pope
oder ein General?
Mit einem Gedicht – Generalissimo,
ohne Gedicht – Generalfeldmarschall.

Kindchen, ich bin alles
beides ein wenig.
Kopf im Nacken – mein Moskau,
Dante unterm Kopf – mein Venedig.

 

Andreas Peters. Foto: Christian Weingartner

Andreas Peters. Foto: Christian Weingartner

 

Im zweiten Teil Ihres Bandes, den »Mitteilungen vom Maidan und dem Roten Platz«, rechnen Sie schon ein Stück weit mit Putin ab. Wie sehr fühlen Sie sich von den Entwicklungen in der Ukraine betroffen?

Die Heimat meiner Eltern war die Ukraine. Es blutet mein Herz zu sehen, wie der große slawische Bruder den kleineren Bruder übers Ohr haut und erniedrigt. Ich wehre mich mit Worten gegen diese Ungerechtigkeit. Könnte nur der ›Fürst‹ Wladimir einmal sagen wie Stalin über Ossip Mandelstam bei seinem Telefonanruf bei Pasternak am 13. Juni 1943: »Er ist doch ein Meister, nicht wahr?« Trotzdem hat er ihn ›vergrämt‹ im »Luftgrab«, im Transitlager Wtoraja Retschka bei Wladiwostok.

Ich war krank, todkrank, mir wurde geholfen von Gott und Menschen. Sie waren krank, todkrank, ich wollte helfen mit Gottes Hilfe.

Ihr relativ ungewöhnlicher Ausbildungsweg fällt auf. Ungefähr zehn Jahre haben Sie an verschiedenen Hochschulen Philosophie, Theologie und Krankenpflege studiert. Sie waren lange Zeit zusätzlich zu Ihrem Beruf als Kranken- oder Gesundheitspfleger immer auch als Seelsorger oder Theologe tätig. Hatte das rein pragmatische Gründe oder wollten Sie neben all der theoretischen Hilfe, die ein Theologe leistet, einfach noch mehr praktische Hilfe leisten?

Ich bin in Tscheljabinsk (UdSSR) geboren. Als Säugling wurde bei mir Blutkrebs festgestellt. Am 20. September 1957, auf dem Gelände der geheimen sowjetischen Nuklearanlage Majak (auch bekannt als Tscheljabinsk) im Südural, ereignete sich ein Atom-Unfall. Dort wurde in den 50er-Jahren Plutonium für das sowjetische Atombomben-Programm produziert. An diesem Tag explodierte der aus Stahl und Beton bestehende Behälter. Gravierender als die mechanischen Explosionsschäden war die gigantische Menge an Radioaktivität, die freigesetzt wurde. Ein rund 300 Kilometer langer und 50 bis 70 Kilometer breiter Landstreifen wurde verseucht. Tausende Menschen mussten umgesiedelt werden. Die Katastrophe in der geheimen sowjetischen Nuklearanlage von 1957 wurde vom Kreml gegenüber der Weltöffentlichkeit über Jahrzehnte hinweg verschwiegen. Erst von 1990 an gelangten zunächst spärliche Informationen an die Öffentlichkeit.

So musste ich nach der Geburt fast ein Jahr in Kliniken verbringen, Diagnose: Leukämie. Nach einem Jahr nahm mich meine Mutter auf eigene Verantwortung heim und irgendwie überlebte ich dank Grießbrei und der Gebete der Mutter. Heute sehe ich das so! Nach der Auswanderung in die Bundesrepublik und der Ausbildung arbeitete ich viele Jahre als Krankenpfleger und Seelsorger auf einer Leukämie-Intensivstation in Gießen. In dieser Zeit kamen auch die Tschernobyl-Betroffenen als Patienten zu uns. Hier schloss sich der Kreis. Ich war krank, todkrank, mir wurde geholfen von Gott und Menschen. Sie waren krank, todkrank, ich wollte helfen mit Gottes Hilfe.

Zu Ihrem Buch »Legion. Literarische Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus, 1940 – 1947« (Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2012): Sie widmen das Buch Ihren NCSA-Leidensgenossen. Können Sie das etwas erläutern?

Das waren meine Kollegen in der Christian-Doppler-Klinik, von der Neurochirurgischen Bettenstation in Salzburg. Es war eine Station mit Patienten vor allem mit Kopftumoren.

Auf den ersten Blick in diesen Band möchte man meinen, es handele sich um authentische Aufzeichnungen anhand von Originaldokumenten. Da aber keinerlei Quellenangaben oder ähnliches im Buch zu finden sind, auch keinerlei Hinweise zu den Inhalten – bis auf das Inhaltsverzeichnis selbst – ist wohl doch alles mehr oder weniger fiktiv? Woher nehmen Sie diese Schilderungen?

Die Stadt Salzburg setzt sich gegenwärtig gezielt mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Der Historiker Ernst Hanisch spricht von Salzburg als dem »Vorzimmer des Führers«. (Salzburg war die einzige Stadt in Österreich, die an den Bücherverbrennungen teilnahm).

So entstanden Lebensgeschichten (aus Pflegeberichten und literarischen Bearbeitungen) über den Wahnsinn des Krieges aus der Zeit der Hitler-Diktatur, denn gerade in solchen Zeiten zeigte die Psyche (die Seele) in all ihrer ›Verrücktheit‹ ihre Anfälligkeit, aber auch einen subtilen Widerstand gegen die Naziherrschaft. In einem alten, zur Vernichtung preisgegebenen Archiv, hatte ich Einblick in die Akten einer Psychiatrie-Klinik. Tag und Nacht in mehreren Nacht-und-Nebel-Aktionen vergrub ich mich in die Akten und so entstanden diese literarischen Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus in Salzburg.

Als Gott Mensch wurde in Jesus Christus, war er auch voller Krankheiten und Behinderungen.

Es heißt ja, bestimmte besondere Kinder suchen sich die für sie geschaffenen Eltern selbst aus. Ich würde das in meinem Fall unterschreiben. Wie empfinden Sie Ihr persönliches Schicksal im Hinblick auf diesen Glauben? Hat Ihnen Ihr Glaube geholfen, Dinge besser zu meistern?

Als unser jüngster Sohn Daniel mit der Diagnose Down-Syndrom zur Welt kam, waren wir als Eltern, war ich als Vater nur tief traurig. Hinzu kamen Krämpfe und Aufenthalte Daniels auf der Intensivstation. Viele Freunde und Bekannte beteuerten: Daniel wird Euer Segen sein. Unsere Pläne Richtung St. Petersburg wurden durchkreuzt. (Ich hatte die Einladung erhalten, an der Uni in St. Petersburg Altes Testament und Bibel-Hebräisch zu unterrichten).

Dann sah ich eines Tages das Gemälde »Jungfrau mit Kind« von Andrea Mantegna, einem Maler aus dem 16. Jahrhundert. Das Kind als Down-Kind gemalt. Da wurde mir klar, sonnenklar: Als Gott Mensch wurde in Jesus Christus, war er auch voller Krankheiten und Behinderungen. Auch in der Haut Daniels steckte er und hat seinen Leib und seine Seele getragen. Dieses Bild bedeutete Befreiung, glich einer Erlösung. Und heute singt Daniel zu Hause und in der Kirche: „Halleluja!“

Wie sehen Sie die Situation hier in Deutschland?

Die Situation in Deutschland, Europa gleicht langsam der in Dänemark.
Die dänische Zeitung »Berlingske« schrieb am 17. Juli 2011, dass in Dänemark bei der jetzigen Entwicklung im Jahre 2030 das letzte Kind mit Down-Syndrom geboren würde. Kein Kommentar von mir, außer: »Es ist etwas faul im Staate Dänemark«.

Lieber Andreas Peters, 2012 veröffentlichten Sie Kindergedichte auf Russisch. Wovon handeln diese Gedichte? Und gibt es davon deutsche Übersetzungen?

Es sind Gedichte über Gott und die Kinderfragen, über Mamas und die Weltfragen. Es gibt nur eine Handvoll übersetzte Kindergedichte. Nachfolgend das Gedicht »Der Mutter« im Russischen Original und deutscher Übersetzung.

 

МАТЕРИ

Мама – колышется море безбрежное,
Склонилась на колени ивушка плакучая.
Я даже своею нежностью,
Я даже своею нежностью,
Боюсь обидеть тебя, самая лучшая.

Мама – рыбочки спроводили на ловлю,
Своих кормильцев, в ком душ не чаяли.
Я даже своею любовью,
Я даже своею любовью,
Боюсь обидеть тебя, нечаянно!!!

 

Der Mutter

Mama – es wiegt das Meer uferlos,
Die Trauerweide sinkt in die Knie.
Sogar mit meiner Zärtlichkeit,
Sogar mit meiner Zärtlichkeit,
Habe ich Angst, dir weh zu tun, meine Liebste.

Mama – Fischerfrauen verabschieden zum Fang
Ihre Liebsten, einen Narren an ihnen gefressen.
Sogar mit meiner Liebe,
Sogar mit meiner Liebe,
Habe ich Angst, dir weh zu tun, unverhofft!

 

Lieber Andreas Peters, herzlichen Dank für dieses Gespräch.

 
Andreas Peters
Mitteilungen einer Saatkrähe

Verlag BROT&KUNST, Neustadt an der Weinstraße 2017
Softcover, 168 Seiten


 
Andreas Peters
Legion

Literarische Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus, 1940–1947
Bibliothek der Provinz, Weitra 2012
Softcover, 208 Seiten
ISBN: 978-3-99028-045-4

 

Franziska Röchter. Foto: Volker Derlath

Unser »Jubiläumsblog #25« wird Ihnen von Franziska Röchter präsentiert. Die deutsche Autorin mit österreichischen Wurzeln arbeitet in den Bereichen Poesie, Prosa und Kulturjournalismus. Daneben organisiert sie Lesungen und Veranstaltungen. Im Jahr 2012 gründete Röchter den chiliverlag in Verl (NRW). Von ihr erschienen mehrere Gedichtbände, u. a. »hummeln im hintern«. Ihr letzer Lyrikband mit dem Titel »am puls« erschien 2015 im Geest-Verlag. 2011 gewann sie den Lyrikpreis »Hochstadter Stier«. Sie war außerdem Finalistin bei diversen Poetry-Slams und ist im Vorstand der Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik. Franziska Röchter betreute bereits 2012 an dieser Stelle den Jubiläumsblog anlässlich des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« zum 20. Geburtstag von DAS GEDICHT.


Die »Internationale Jubiläumslesung mit 60 Poetinnen und Poeten« zur Premiere des 25. Jahrgangs von DAS GEDICHT (»Religion im Gedicht«) ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Mit Unterstützung der Stiftung Literaturhaus. Medienpartner: Bayern 2.

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