Jubiläumsblog. Ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT
Folge 49: Michael Augustin – Der Mensch hinter dem Dichter

Seit 25 Jahren begleitet die Zeitschrift DAS GEDICHT kontinuierlich die Entwicklung der zeitgenössischen Lyrik. Bis heute ediert sie ihr Gründer und Verleger Anton G. Leitner mit wechselnden Mitherausgebern wie Friedrich Ani, Kerstin Hensel, Fitzgerald Kusz und Matthias Politycki. Am 25. Oktober 2017 lädt DAS GEDICHT zu einer öffentlichen Geburtstagslesung mit 60 Poeten aus vier Generationen und zwölf Nationen ins Literaturhaus München ein. In ihrer Porträtreihe stellt Jubiläumsbloggerin Franziska Röchter jeden Tag die Teilnehmer dieser Veranstaltung vor.

Michael Augustin, geboren 1953 in Lübeck, ist einer der aktivsten Vermittler von Poesie im deutschen Rund­funk. In seiner Radio Bremen-Sendung »Fund­sachen« kommen regel­mäßig Dichter aus aller Welt in Original­aufnahmen zu Wort. Er ist Autor etlicher Hör­bücher. Seine eigenen Gedichte und Prosa­miniaturen sind in viele Sprachen übersetzt worden. Der leiden­schaftliche »Welt­reisende in Sachen Poesie« hat unter anderem auf den großen Festivals in Medellín, Dublin, Barcelona, Harare, Caracas und Mexiko City gelesen, leitet das inter­natio­nale Literatur­festvial »Poetry on the Road« in Bremen und ist einer der Kuratoren des inter­konti­nentalen Poesie­projekts »What is Poetry?«. Er ist »Honorary Fellow« der berühmten Literatur­universität von Iowa und hat am ameri­kanischen Dickinson College als Gast­professor unter­richtet. Ausgezeichnet wurde er unter anderem mit dem Friedrich-Hebbel-Preis und dem Kurt-Magnus-Preis und ist Mit­glied im irischen und deutschen P.E.N. Zuletzt erschienen eine Sammlung seiner neuen Prosa-Miniaturen und Gedichte unter dem Titel »Denkmal für Baby Schiller«, sowie ein Band mit Fußball­gedichten »Schweini blutet, Deutschland tutet«. Michael Augustin ist verheiratet mit der indischen Schrift­stellerin Sujata Bhatt und lebt, wenn er nicht auf Reisen ist, in Bremen.

Michael Augustin ist in der ganzen Welt zuhause, am wohlsten fühlt er sich aber neben seinem Wirkungsort Bremen in Irland. Warum das so ist, wer in ihm das Feuer zur Schriftstellerei entfachte, wo seine weiteren Talente liegen und was er für das Reisen und für Widerständler wie Böll übrig hat, erzählte er Franziska Röchter.

Ich habe das Gefühl, dass die Kolleginnen und Kollegen Schriftsteller wieder lauter geworden sind hier im Lande. Und das ist gut so.

Lieber Michael Augustin, was hat in Ihrem Leben das Interesse an Gedichten oder anderen textuellen (Kurz-)Formen entfacht?

Ich kann mich erinnern, dass ich als kleiner Junge, noch bevor ich zur Schule kam, wahnsinnig gern am Sonntagmorgen zu meinen Eltern ins Bett gehüpft bin, um zusammen mit ihnen endlose Nonsens-Reimereien anzuzetteln. Meistens begann mein Vater mit dem Intro »Es war einmal ein Mann, der hieß Popann …«, und dann ging’s rund, Reim für Reim.

Schwer beeindruckt hat mich auch meine Lübecker Oma, Herta Blieffert, die über ein unerschöpfliches Repertoire an Gedichten verfügte. Balladen aus der deutschen Klassik zumeist, die sie spannend wie Geschichten oder Märchen rezitieren konnte. Und das, obwohl sie keinesfalls zur sogenannten Bildungsschicht gehörte als ehemaliges Hausmädchen in Diensten diverser bürgerlicher Familien in Hamburg. Dienstmädchen haben damals, im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, noch wie Sklavinnen malochen müssen. Und auch ihr Mann, mein Opa Fiete Blieffert, Schneider von Beruf, mit dem ich oft im Schneidersitz auf seinem alten Eichenholzschreibtisch gehockt habe, der ihm als Arbeitsplatte diente, hat mir irrsinnige Geschichten aus aller Welt erzählt, obwohl seine weiteste Reise ihn gerade mal nach Schweden geführt hat, nach Ystad, wo seine Mutter herstammte.

Auch mein ostpreußischer Opa, Fritz Augustin, den ich aber nicht so oft gesehen habe wie den Lübecker Großvater, konnte sehr lebendig erzählen aus seiner Kindheit auf dem Lande direkt an der Memel, von Wölfen und anderen Tieren. Er hat übrigens auch Kurzgeschichten geschrieben, aber das habe ich erst sehr viel später, lange nach seinem Tod erfahren. Also diese Leute haben mir sozusagen den Schwung und den Wind von achtern gegeben, mit dem ich dann ins Lese- und Schreibealter gesegelt bin.

Sie haben ja nicht nur Anglistik, Anglo-Irische Literatur und Volkskunde studiert, sondern auch Irische Folklore. Unabhängig davon: Welche Musik und insbesondere irische Musik hören Sie privat gerne?

Ich war tatsächlich Student am Department of Irish Folklore in Dublin, der Begriff »folklore« ist hier sozusagen ein Synonym für das Fach Volkskunde bzw. Irische Kulturwissenschaften. Da habe ich mich in der Hauptsache mit Erzählforschung befasst und bin etwa mit einem der hauptberuflichen Sammler unterwegs gewesen, dem legendären Michael J. Murphy, dessen Tonaufnahmen mit Menschen in Nordirland in der Transkription Tausende und Abertausende von Seiten füllen im Archiv der Universität. Er war übrigens auch ein begnadeter Autor und Erzähler und hat viel für die BBC gearbeitet. Meine erste eigene Radiosendung, die ich gemacht habe, Anno 1976, handelte unter anderem auch von ihm, was kein Zufall ist. Ich denke mal, dass ich mir bei ihm einiges abgeguckt und abgelauscht habe …

Musik, also traditionelle irische Musik, gehörte eher am Rande zu meinem Uni-Studium. Tatsächlich aber habe ich damals großartige Musiker und Sänger persönlich kennengelernt und immer wieder getroffen und gehört. Wie etwa den Akkordeonisten Tony MacMahon, den Sänger Frank Harte oder den Fiedler Tommy Peoples. Fantastische Meister der traditionellen irischen Musik. Die höre ich auch heute mindestens immer noch genauso gern und leidenschaftlich wie die Jazz-Master John Coltrane und Chet Baker oder den Minimalisten Philip Glass, von Georg Philip Telemanns Werken mal ganz abgesehen.

 

Michael Augustin. Foto: Jenny Augustin

Michael Augustin. Foto: Jenny Augustin

 

Ich bin schon als Schüler nach Irland gefahren und durchs Land getrampt, als begeisterter Leser der Werke von Brendan Behan, Yeats, Synge, Frank O’Connor, Beckett und Joyce.

Irland ist ja gemeinhin als Sehnsuchtsort bekannt. Wodurch ist bei Ihnen der Wunsch entstanden, in Irland zu studieren? Und wie viele Jahre haben Sie dort verbracht?

Ich bin schon als Schüler hingefahren und durchs Land getrampt, als begeisterter Leser der Werke von Brendan Behan, Yeats, Synge, Frank O’Connor, Beckett und Joyce. Deshalb habe ich in Kiel Anglistik studiert, wo nämlich auch die anglo-irische Literatur auf dem Lehrplan stand … ganz weit oben. Wir haben im Studium zum Beispiel ein Theaterstück von Wilson John Haire übersetzt und auf der Studentenbühne aufgeführt.

1975/76 konnte ich dann als DAAD-Stipendiat in Dublin studieren am University College und wollte eigentlich eine Doktorarbeit über den grandiosen Poeten Patrick Kavanagh schreiben, bin dann aber irgendwie in Richtung Radiojournalismus abgerutscht … (was natürlich viel schöner ist, als die lebenslange akademische Gefangenschaft).

Seit damals habe ich immer wieder Zeit in Irland verbracht. Früher in den Semesterferien, später um Freunde zu besuchen und zu Lesungen, Vorträgen, Recherchen oder auch als Stipendiat und Writer-in-Residence. Ich kenne noch viele Leute aus der alten Zeit, mit denen ich lebenslang befreundet bin, vermisse aber Freunde wie den Dichter Pearse Hutchinson, Michael J. Murphy und Seamus Heaney, die schon nicht mehr leben.

Welchen Stellenwert hat die Insel heute für Sie?

Es gibt kein Land, in das ich lieber reise oder dessen Literatur ich mehr schätze. Dass inzwischen einige meiner Bücher in irischen Verlagen erschienen sind – in englischer und irischer Übersetzung – und dass ich gelegentlich zu Lesungen dort eingeladen werde, macht mich glücklich.

Das Land hat einen unglaublichen Wandel durchgemacht seit den 70er Jahren. Es hat sich aus der tödlichen Umklammerung durch die katholische Kirche befreit … und das will was heißen. In meiner Studentenzeit waren zum Beispiel Verhütungsmittel noch verboten, einige Literaturwerke konnte man wegen der vorherrschenden Zensur nicht kaufen … Unfassbar heute. Was ich immer geschätzt habe in Irland, ist der Umgang der Menschen miteinander, die Gesprächskultur, die Offenheit und Zugewandtheit über die Generationen hinweg und der atemberaubende Sprachwitz, die Liebe zur Pointe und zum Sprachspiel. Das habe ich nirgendwo in der Welt so erlebt. Ich fühle mich unter den Menschen dort sehr wohl.

Vom Reisen habe ich schon als Kind geträumt.

Wenn man sich Ihre vielen Aktivitäten so anschaut, hat es manchmal den Anschein, als seien Sie mehr in der Welt unterwegs als zu Hause in Bremen. Auf unzähligen Poesiefestivals weltweit sind Sie bereits aufgetreten. Es war kein Zufall, dass Sie 2013 DAS GEDICHT Bd. 21 »Pegasus & Rosinante. Wenn Poeten reisen« mitherausgegeben haben. Wie wichtig ist Reisen persönlich für Sie? Und: Wenn man beruflich viel reisen muss, zieht es einen privat dann auch noch oft in die Ferne?

Vom Reisen habe ich schon als Kind geträumt, bin damals aber eigentlich immer nur bis Travemünde gekommen, wo wir als Lübecker Familie in den Ferien gewohnt haben. Nicht mal 20 km von zu Hause also. Die Schiffe, die da rausgefahren sind auf die Ostsee, nach Skandinavien, die haben mich ganz verrückt gemacht vor lauter Fernweh. Vielleicht bin ich deshalb immer noch gern »on the road«. Meine Eltern haben über Jahrzehnte in Andalusien gelebt, die Familie meiner Frau lebt in den USA, da sind wir natürlich oft zu Besuch gewesen. Unsere Tochter ist praktisch mit drei Sprachen aufgewachsen.

Für das Radio gehe ich gern auf Recherchetouren, meist im deutschsprachigen Raum allerdings, zusammen mit meinem Feature-Kollegen Walter Weber. In den letzten Jahren haben wir zum Beispiel Stundensendungen mit und über Ror Wolf, Hans Magnus Enzensberger, Franz Hohler und – noch kurz vor dessen Tod – mit Günter Grass gemacht, zum Thema Lyrik übrigens, das Grass sehr am Herzen lag.

Und mit meiner Frau Sujata Bhatt, die ja eine im englischen Sprachraum sehr bekannte Lyrikerin ist und deren Gedichte in etliche Sprachen übersetzt worden sind, bin ich immer mal wieder unterwegs, wenn wir zusammen zu Poesiefestivals eingeladen werden. Wir haben auch außerhalb Europas gelesen: in Medellín in Kolumbien, in Venezuela, Nicaragua und Mexiko, in den USA, in Indien, Südafrika, Zimbabwe, Korea und in Indonesien. In Afrika und in Indonesien waren wir mit mehreren Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt per Bus unterwegs und haben an ungezählten verschiedenen auch sehr abgelegenen Orten gelesen, gemeinsam mit den »local poets«. Das sind Begegnungen, die vergisst man nie wieder. Und da haben wir uns auch kuratorisch beteiligen dürfen an der Zusammenstellung der internationalen Reisegruppe. Das war wirklich sensationell. Daraus sind dann natürlich auch Radiosendungen entstanden … und Freundschaften!

Die Reise in die andere Sprache, in die Ohren, Köpfe und Herzen eines anderssprachigen Publikums, die kann nur gelingen, wenn die Übersetzung gut ist, sehr gut ist.

Viele Ihrer Gedicht- und Miniaturbände sind in andere Sprachen übersetzt worden, zum Beispiel ins Italienische, Polnische, Spanische, Griechische, Irische, Niederländische, Englische und Schwedische. Möglicherweise beherrschen Sie nicht alle erwähnten Sprachen gleichzeitig bis zur Perfektion. Wie überprüfen Sie, ob eine Übersetzung genau den Ton trifft, den Sie beim Verfassen auf Deutsch beabsichtigt haben?

Ha, ha. Ob eine Übersetzung auf dem Papier gut ist, kann ich eigentlich nur beurteilen, wenn es sich um eine ins Englische handelt. Aber der wirkliche Test findet beim Vortrag statt, vor Publikum. Ich schreibe ja, wenn ich das so sagen darf, mitunter sehr pointiert und liebe überraschende Wendungen im Text, Wortspiele und absurde Situationen, die zumindest von einem deutschsprachigen Publikum mit Lachern bedacht werden. Also meistens. Ich kenne die Stellen in meinen Prosaminiaturen oder Gedichten, an denen damit gerechnet werden kann. Und wenn dann in Griechenland oder in Indonesien oder Korea so ein Text vorgelesen wird von einem Autorenkollegen, einem Schauspieler oder den Übersetzern, dann bin ich natürlich sehr gespannt, ob es dort unter den Zuhörern zu einer ähnlichen Reaktion kommt. Überraschenderweise scheint es zu funktionieren. Das ist jedenfalls meine Erfahrung, konträr zur landläufigen Ansicht, Humor lasse sich nicht übertragen oder nur sehr unzureichend.

Meine ins Englische übersetzten Gedichte und Miniaturen lese ich übrigens immer selber. Ganz kurze Texte auch schon mal auf Niederländisch … oder, falls meine Tochter Jenny mich coachen kann, auf Spanisch. Bei den anderen Sprachen muss ich passen … das heißt, in Malmö auf dem Festival Anfang des Jahres, da habe ich auch ein oder zwei Gedichte auf Schwedisch gelesen. Um es nochmal ganz deutlich zu sagen: Die Reise in die andere Sprache, in die Ohren, Köpfe und Herzen eines anderssprachigen Publikums, die kann nur gelingen, wenn die Übersetzung gut ist, sehr gut ist. Ich habe mit meinen Übersetzerinnen und Übersetzern nur Glück gehabt bisher und weiß genau, wem ich Dank schulde.

Was manchen Lesern Ihrer Gedichte womöglich nicht gegenwärtig ist, ist der Umstand, dass Sie auch zeichnen und Ihre Bücher selber illustrieren. Wie hat sich diese Begabung entwickelt und wäre ein Kunststudium auch eine Option gewesen?

Nee. Ich habe mal ein paar Semester Kunstgeschichte studiert. Aber meine Zeichnungen und Collagen, die haben sich einfach so entwickelt im Laufe der Zeit. Mein Bremer Verleger Horst Temmen, in dessen Verlag ja seit Anfang der 90er Jahre die meisten meiner bibliophilen Bändchen zuerst erschienen sind, hat meine grafischen Versuche von Anfang an voll unterstützt und lässt mir bei der optischen Ausstattung der Bände sehr viel Freiheiten. Es sind ja keine Illustrationen zu einzelnen Texten, sondern eigenständige Bildserien, wenn man das so sagen kann.

In den letzten paar Jahren habe ich vor allem mit Collagen gearbeitet, die inzwischen auch in vielen meist literarischen Zeitschriften erschienen sind, also ohne Texte, als eigenständige Arbeiten. In »Cyphers« in Irland, in »Poetry International« oder »Sirena« in den USA oder in der berühmten »PN Review« in Manchester in England, wo meine Zeichnungen über Jahre hinweg regelmäßig abgedruckt waren. Und 2016 ist in Irland im Fluxus-Verlag »Red Fox Press« ein eigenständiger Band mit postkartengroßen Collagen erschienen, unter dem deutschen Titel »Das System hat keine Krise«. Ein sehr schöner Band, den ich im letzten Jahr im MoMA in New York dem Publikum vorstellen durfte.

 

Aus Michael Augustins Collagenwerkstatt

Aus Michael Augustins Collagenwerkstatt

Collage von Michael Augustin

Collage von Michael Augustin

 

Ist es Zufall, dass es in Österreich einen Fußballspieler gibt, der ausgerechnet Michael Augustin heißt?

Ich hab nachgeguckt. Es gibt in Österreich sogar zwei junge Burschen, die so heißen und hoffentlich noch eine tolle Karriere vor sich haben. Ich warte bislang vergeblich auf einen Profivertrag. Vielleicht habe ich mir durch meine Fußballgedichte alles verdorben.

Es gibt übrigens auch einen norddeutschen Fußballradioreporter namens Michael Augustin, mit dem ich gelegentlich verwechselt werde. Wir kennen uns nicht persönlich. Aber einmal ist es vorgekommen, dass ihm der Bayerische Rundfunk ein Honorar für meine dort gesendeten Gedichte angewiesen hat. Er hat das freundlicherweise aufgeklärt, und ich konnte mich ein halbes Jahr später revanchieren, als ein anderer Sender mir ein Honorar für einen Beitrag über Thomas Schaaf ankündigte … Bei Werder Bremen spielt neuerdings ein Flügelflitzer namens Augustinsson. Der könnte immerhin mein Sohn sein …

In Ihrem Buch »Das perfekte Glück« (Edition Temmen, Bremen 2001) beginnt ein Gedicht so: »Es ist gut zu wissen, / dass alle zwölf Sekunden / irgendwo auf der Welt / ein Gedicht geschrieben / aber nur alle einhundertdreißig Minuten / eines gelesen wird.« Gilt das so auch noch 16 Jahre später und ist das das Grunddilemma der Lyrik?

Das habe ich jetzt gerade nicht aktuell nachgemessen. Und ein Dilemma sehe ich da ganz und gar nicht. Oder möchten Sie das wirklich alles lesen? Ich lieber nicht …

Ich will nicht angeben, aber ich halte »Poetry on the Road« für eines der aufregendsten Poesiefestivals überhaupt.

Mitte Juni endete die 18. Ausgabe des Internationalen Poesie-Festivals »Poetry on the Road«, das Sie zusammen mit Regina Dyck (Hochschule Bremen) inhaltlich ausrichten. Was waren in diesem Jahr Ihre persönlichen Highlights?

Es war ein grandioses Festival, das ich ja im Auftrag von Radio Bremen leiten darf, seit etlichen Jahren. Ich empfehle sehr, da mal auf unsere Homepage zu gucken, wo einiges zu sehen ist zu unseren Gästen seit dem Jahre 2000. In diesem Jahr hatten wir, glaube ich, 26 Autorinnen und Autoren zu Gast aus aller Welt. Ein sehr abwechslungsreiches und vielstimmiges Programm. Äußerst gut besucht, wie eigentlich immer, vom höchst poesieaffinen Bremer Publikum. Zur Eröffnung ist gewöhnlich das Große Haus des Bremer Theaters alljährlich rammelvoll, also fast 800 zahlende Zuschauer! Das muss uns erstmal jemand nachmachen.

Als Gastgeber sollte ich mich etwas zurückhalten, wenn ich von Höhepunkten rede, aber ich erwähne einfach mal einige der fantastischen jungen Frauen, die in diesem Jahr gelesen und uns alle schwer begeistert haben: Charlotte van den Broek aus Belgien, Müesser Yeniay aus der Türkei, Tara Bergin aus Irland, Yolanda Castaño aus Spanien, Zena Edwards aus England, Zhou Zan aus China und Ulrike Almut Sandig aus Deutschland. Und sehr berührt hat mich, dass Adam Zagajewski, Volker Braun und Reiner Kunze uns erneut die Ehre gegeben haben. Das zeigt ja, dass sie sich bei uns schon zuvor sehr wohl gefühlt haben.

Finanziell steht unser Festival immer auf wackligen Beinen und muss jedes Jahr erneut nach dem umgekehrten Gießkannenprinzip zum Leben erweckt werden. Ich will nicht angeben, aber ich halte »Poetry on the Road« für eines der aufregendsten Poesiefestivals überhaupt. Inzwischen kommen nicht nur die Autorinnen und Autoren aus aller Welt nach Bremen, sondern auch unser Publikum. Schon mal vormerken: »Poetry on the Road« 2018 findet statt in der Zeit rund um den 1.–3. Juni.

Ob 2008 »Poem of the Week« auf der Book Site des »Guardian«, ob in der Scottish Poetry Library oder im Catalogue der National Library of Ireland gelistet: Sie werden aufgeführt unter »Irish Writers Online – a compendium of Irish writers«, weil Sie regelmäßig die Insel besuchen und: »*listed because of strong connection with Ireland«. Am Dickinson College lasen Sie 2008 Ihr Gedicht: »Some Questions Regarding Poetry« in der Übersetzung von Sujata Bhatt. Darin stellen Sie unter anderem Fragen wie: Welche Wörter sind noch niemals in einem Gedicht vorgekommen? Was ist das Gegenteil von einem Gedicht? Oder: Wie lange kann ein Mensch ohne Gedichte überleben? Können Sie diese Fragen beantworten?

Wenn ich das versuchen wollte, würde ich mir ja das ganze Gedicht kaputt machen. Es besteht tatsächlich ausschließlich aus Fragen und ist mittlerweile bestimmt in über ein Dutzend Sprachen übersetzt worden. Ich weiß, dass dieses poetologische Poem auch in Schulen und in »Creative Writing Programmes« gelegentlich auf den Tisch kommt und dass es Spaß machen kann, weitere Fragen hinzuzufügen oder Antworten auszuformulieren. Bitte mal selber ausprobieren!

Es berührt mich immer noch emotional, wenn ich sehe, was Böll zu seiner Zeit geleistet hat … als Schriftsteller und als Widerständler.

Ende April/Anfang Mai 2017 waren Sie als Gast der Heinrich-Böll-Stiftung zusammen mit Heinrich Bölls Sohn René Böll auf Achill Island im Westen Irlands. Anlass für die Heinrich-Böll-Tage dort war der bevorstehende 100. Geburtstag des Nobelpreisträgers. Rund ums dortige ehemalige Ferienhaus der Familie Böll fanden Lesungen und Vorträge statt, unter anderem mit Peter Wawerzinek, Sujata Bhatt, Hugo Hamilton und John F. Deane. Heinrich Böll hat ja gesagt, Einmischung sei die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben. Mischen sich Dichter generell heute zu wenig ein?

Ja, das war ein tolles, hochaufgeladenes deutsch-irisches Wochenende an einer der landschaftlich schönsten Stellen der Welt. In Bölls Cottage, das heute einer irischen Künstler- und Bürgerstiftung gehört, waren Sujata und ich bereits zweimal als Stipendiaten zu Gast, zuletzt 2015.

Ich habe für das Radio viel über Böll gemacht, und es berührt mich immer noch emotional, wenn ich sehe, was Böll zu seiner Zeit geleistet hat … als Schriftsteller und als Widerständler. Ich benutze das Wort ausdrücklich. Als Widerständler, als einer, der sich öffentlich und nicht-öffentlich eingemischt hat, wenn zu befürchten stand, dass die Werte der Humanität in Gefahr schwebten. In Deutschland Ost oder West, in Europa, weltweit. Er war ein fabelhafter Präsident des internationalen PEN und hat in einer Zeit, an die ich mich sehr gut erinnere, in den 70er Jahren, schwer gelitten unter der Hass- und Hetzkampagne der Springerpresse, die ihm und seiner Familie, auch der meines Freundes René Böll, heftig zugesetzt hat.

Also dieser Böll, der ist und bleibt für mich ein Vorbild und ein Anstoß, mich heute selber im deutschen PEN zu engagieren, der gerade in den letzten Monaten klare Kante gezeigt hat, wenn es um die Freiheit des Wortes geht. Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass die Kolleginnen und Kollegen Schriftsteller wieder lauter geworden sind hier im Lande. Und das ist gut so.

Seit vielen Jahren füllen Sie als Redakteur einen Sendeplatz bei Radio Bremen mit Ihrer Lyriksendung »Fundsachen« im Nordwestradio: »eine Sendung, die von aktueller Poesie und von historischen Radioantiquitäten lebt. … Ein radiophones Panoptikum, liebevoll dargeboten von Michael Augustin«, heißt es über die Sendung auf der Webpage des Senders. Bis August 2017 war die Sendezeit sonntags von 16:05 bis 17 Uhr und hat sich nun auf den Samstagabend von 18 bis 19 Uhr verschoben, auf die Radio Bremen-Kulturwelle »Bremen Zwei«. Ist der Sendeplatz günstiger für Ihre Sendung, hat sich auch inhaltlich etwas geändert?

Also es ist so, dass unsere bisherige Kulturwelle »Nordwestradio«, die bisher gemeinsam mit dem NDR gestemmt wurde, nun wieder zu 100% ein Eigengewächs von Radio Bremen sein darf und unter dem neuen Namen »Bremen Zwei« auf die Antenne gegangen ist. Sendeplatzverschiebungen sind im Zuge solcher Programmreformen unvermeidlich. Die neue Sendezeit muss sich sozusagen erstmal ›einpendeln‹ für das Publikum. Aber inhaltlich ändert sich an meinem Poesiekonzept nichts. Wochentags immer zwischen 14:15 und 14:45 Uhr präsentiere ich übrigens eine »Tägliche Fundsache«, also historische und neue Gedichtaufnahmen, immer vom Autor oder der Autorin höchstpersönlich vorgetragen.

Ist es vorstellbar, dass es in Zukunft auch einmal einen Text in einem langformatigen Genre von Michael Augustin geben wird?

Ganz bestimmt. Also ganz bestimmt ist das vorstellbar. Aber was will das schon heißen?

Lieber Michael Augustin, ganz herzlichen Dank!

 
Michael Augustin
Das System hat keine Krise

Collages with found papers.
Red Fox Press, Irland 2016
Hardcover, 40 Seiten

 
Michael Augustin
Denkmal für Baby Schiller

Gedichte und Miniaturen
Edition Temmen, Bremen 2014
Hardcover, 120 Seiten
ISBN: 978-3-8378-7029-9

 

Franziska Röchter. Foto: Volker Derlath

Unser »Jubiläumsblog #25« wird Ihnen von Franziska Röchter präsentiert. Die deutsche Autorin mit österreichischen Wurzeln arbeitet in den Bereichen Poesie, Prosa und Kulturjournalismus. Daneben organisiert sie Lesungen und Veranstaltungen. Im Jahr 2012 gründete Röchter den chiliverlag in Verl (NRW). Von ihr erschienen mehrere Gedichtbände, u. a. »hummeln im hintern«. Ihr letzer Lyrikband mit dem Titel »am puls« erschien 2015 im Geest-Verlag. 2011 gewann sie den Lyrikpreis »Hochstadter Stier«. Sie war außerdem Finalistin bei diversen Poetry-Slams und ist im Vorstand der Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik. Franziska Röchter betreute bereits 2012 an dieser Stelle den Jubiläumsblog anlässlich des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« zum 20. Geburtstag von DAS GEDICHT.


Die »Internationale Jubiläumslesung mit 60 Poetinnen und Poeten« zur Premiere des 25. Jahrgangs von DAS GEDICHT (»Religion im Gedicht«) ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Mit Unterstützung der Stiftung Literaturhaus. Medienpartner: Bayern 2.

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