Jubiläumsblog. Ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT
Folge 54: José Oliver – Der Mensch hinter dem Dichter

Seit 25 Jahren begleitet die Zeitschrift DAS GEDICHT kontinuierlich die Entwicklung der zeitgenössischen Lyrik. Bis heute ediert sie ihr Gründer und Verleger Anton G. Leitner mit wechselnden Mitherausgebern wie Friedrich Ani, Kerstin Hensel, Fitzgerald Kusz und Matthias Politycki. Am 25. Oktober 2017 lädt DAS GEDICHT zu einer öffentlichen Geburtstagslesung mit 60 Poeten aus vier Generationen und zwölf Nationen ins Literaturhaus München ein. In ihrer Porträtreihe stellt Jubiläumsbloggerin Franziska Röchter jeden Tag die Teilnehmer dieser Veranstaltung vor.

José F.A. Oliver stammt aus einer andalusischen Familie. Er wurde 1961 in Hausach im Schwarz­wald geboren, wo er bis heute als freier Schrift­steller lebt. Seine Essay­samm­lung »Mein andalusisches Schwarz­wald­dorf« und mehrere seiner Lyrik­bände sind bei Suhrkamp erschienen, u. a. »fahrten­schreiber«. 2016 ver­öffent­lichte er »21 Gedichte aus Istanbul, 4 Briefe und 10 Fotow:orte« bei Matthes & Seitz. Für sein litera­risches Schaffen wurde er viel­fach ausge­zeichnet, u. a. mit dem Chamisso-Preis, dem Kultur­preis des Landes Baden-Württem­berg und dem Basler Lyrik­preis. Oliver ist Kurator des von ihm initiierten jährlichen Literatur­festivals Hausacher LeseLenz.

José F. A. Oliver ist ein Reisender zwischen den Welten. Sein Heimatbegriff ist fern von allem, was mit Tümelei und nationalistischem Gehabe zu tun hat. Mit Franziska Röchter sprach er über Interkulturalität, den Hausacher LeseLenz und den Auswahlprozess zu DAS GEDICHT Bd. 25.

Menschenheimat ist überall dort, wo ich mich nicht erklären muss.

Lieber José Oliver, wenn man sich Ihre Gedichttitel so anschaut, ob es die früheren Werke wie »Aufbruch«, »Weil ich dieses Land liebe« oder »Gastling« sind oder aber neuere Titel wie »unterschlupf«, »fahrtenschreiber«, »Fremdenzimmer« oder »HEIMATT: Frühe Gedichte«, dann kommt man nicht umhin, festzustellen, dass die Verortung in der Welt, das sich Entfernen von oder Ankommen an einem Ort, ein zentrales Thema bei Ihnen ist?

Eher das Unterwegssein. Das Lied »No soy de aquí, ni soy de allá« (bin weder von hier noch von dort) des argentinischen Folksängers, Schriftstellers und Philosophen Facundo Cabral bringt es auf den Punkt – ich bin überall und nirgends und der einzige Ort, der mir ist, sind die W:orte, die mir w:erden … Mein Unterwegssein erzählt mich. Es endet mit der kraftvollen Zeile: »… und Glücklich-Sein ist die Farbe meiner Identität.«

Wie stark ist Ihre Verbindung zu Andalusien, zu Spanien? Auch wenn Sie hier in Deutschland geboren wurden – ist das Land Ihrer Eltern auch eine Art Heimat für Sie? Besitzen Sie mehrere Staatsbürgerschaften?

Für mich gibt es keine »Art Heimat«. Andalusien ist wie der Schwarzwald Heimat. Beides sind Heimat – ein Plural. Ein wunderbares deutsches Wort, übrigens. Mein Heimatbegriff hat immer mindestens zwei Augenblicke: die Schollenheimat und die Menschenheimat. Erstere verbinde ich mit Andalusien und dem Schwarzwald und die Menschenheimat ist überall dort, wo ich mich nicht erklären muss.

Ich habe bis dato lediglich die spanische Staatsbürgerschaft und die ist ja Teil Europas – zumindest die Idee eines Europas der Vielfalt. Das reicht mir erst einmal. Alles Weitere wird sich noch zeigen.

 

José Oliver. Foto: José Oliver

José F. A. Oliver. Foto: privat

 

In einem Interview auf »Baden online« bezeichnen Sie Ihren Vater unter anderem folgendermaßen: »Mit Leidenschaft 1 Andalusier. Maure, Jude, Ränkeschlichter; Feierabendzeitnomade, Katholik, ein päpstlicher.« Wie wichtig ist Ihnen persönlich Religion, Kirche?

Das ist ein Zitat aus meinem Essay »Vaterskizze m:einen Kühlschrank betrachtend«. Ich bin gläubiger Katholik. Mein Glaube schenkt mir Haltung, Trost und Demut. Oder kindlicher ausgedrückt: Mein Glaube ist mein Schutzengel. Er schenkt mir Würde. Über die Kirche müssten wir ein eigenes Interview führen.

Wie stehen Sie zum Stierkampf? Sind solche Praktiken / Rituale mit dem Denken moderner Menschen, mit dem Schrei nach Empathie und Güte anderen Lebewesen gegenüber überhaupt noch vereinbar?

Die Frage ist in einem Satz eigentlich nicht zu beantworten. Auch nicht mit zwei oder drei Sätzen. Ich bin mit dem Stierkampf groß geworden und habe ein sehr widersprüchliches Verhältnis dazu. Mein Vater versuchte sich einst als Stierkämpfer, insofern bin ich emotional nicht frei von eindringlichen Kindheitserinnerungen, wenn ich über den Stierkampf nachdenke. Rational lehne ich den Stierkampf ab, emotional bin ich immer wieder vaterbefangen.

Wort- und Nicht-Wort bilden ein Geheimnis der Poesie.

Von Ihnen stammen die Worte: »Dichter sein ist eine Berufung« und »Dichter ist eine Seinsform«. Das ist gut nachvollziehbar. Sie haben aber auch gesagt: »Ich schreib ja auch, wenn ich nicht schreibe …« Können Sie den Lesern dieses etwas verdeutlichen? Denn vermutlich geht es ja nicht darum, sich in bestimmten Momenten oder Situationen Stichworte aufzunotieren?

Das Nicht-Schreiben ist Teil des Schreibens. Wort- und Nicht-Wort bilden ein Geheimnis der Poesie. Es ist wie Ein- und Ausatmen. Ich bin auch Dichter, wenn ich frühstücke oder schlafe.

Welche drei Wörter assoziieren Sie spontan mit Andalusien?

Lorca, Olivenbaum und »la muerte«, die Todin.

Welche drei Wörter fallen Ihnen als erstes zu Deutschland ein?

Heimat, Wald und Grundgesetz.

Der LeseLenz ist mittlerweile ein internationales, mehrsprachiges Literaturfestival.

Sie sind seit 1998 Initiator und Kurator des von Ihnen ins Leben gerufenen Literaturfestes Hausacher LeseLenz. Schon am umfangreichen Programmheft kann man das Ausmaß und die Opulenz dieses Festivals erkennen, es umspannt einen Zeitraum von annähernd 14 Tagen. Was ist das Besondere an diesem Literaturfestival, wie schwierig ist es, immer wieder neue Autoren als Teilnehmer zu finden? Wie finanziert sich ein so umfangreiches Festival?

Der Hausacher LeseLenz ist im Grunde ein ganzjähriges Veranstaltungsformat.

Wir vergeben jährlich auch drei Literaturstipendien à drei Monate, haben die erste Poetik-Dozentur für Kinder- und Jugendbuch an einer Pädagogischen Hochschule, der PH Karlsruhe, initiiert und verleihen seit 2017 den »LeseLenz-Preis der Thumm-Stiftung für Junge Literatur«. Das Festival selber steht auf zwei Beinen – wir haben ein Programm für Erwachsene und eine inhaltliche Ausrichtung einiger Formate für Kinder und Jugendliche. In diesem Jahr zählten wir circa 6.000 Besucherinnen und Besucher, zusätzlich waren über 2.000 Schülerinnen und Schüler aus der gesamten Ortenau involviert. Unser Budget betrug in diesem Jahr etwa 150.000 Euro. Davon beteiligt sich die Stadt Hausach mit 17.500 Euro – der Rest wird über private Sponsoren und solche der heimischen Industrie und des Handwerkes und über Stiftungen finanziert.

Es ist nicht schwierig, Autorinnen und Autoren zu finden. Es ist eher schwierig, nicht alle einladen zu können, die ich gerne dabei hätte. Der LeseLenz ist mittlerweile ein internationales, mehrsprachiges Literaturfestival.

Es ist wichtig und von immenser politischer Bedeutung, die Interkulturalität als Selbstverständlichkeit Alltag werden zu lassen, indem sie auch literarisch zu Wort kommt.

2015 nahmen Sie unter anderem an der »globale – Festival für grenzüberschreitende Literatur« teil. Was ist das Besondere an diesem Festival? Und: Sind im Zeitalter der Globalisierung solche Begriffe wie »grenzüberschreitend« oder »mehr-« bzw. »multikulturell« überhaupt noch nötig oder relevant?

Ein sehr schönes Festival mit einem wichtigen Ansatz. Es ist wichtig und von immenser politischer Bedeutung, die Interkulturalität als Selbstverständlichkeit Alltag werden zu lassen, indem sie auch literarisch zu Wort kommt. Wir leben nicht nur in postfaktischen, sondern in sehr gefährlichen, menschenverachtenden neo-nationalistischen Zeiten, deshalb brauchen wir die Energie, Phantasie und die Visionen von Grenzüberschreitungen – eine Globale des Menschen und seiner Kulturen – seiner Literaturen.

Können Sie uns etwas über die »Human Library« erzählen, die kürzlich beim Ludwigshafener Kultursommer stattgefunden hat? In welcher Form findet eine solche Veranstaltung statt? Dürfen die Teilnehmer vorab ihre Geschichten schriftlich fixieren oder wird frei erzählt?

Im Mittelpunkt steht das Erzählen. Ich habe als Künstlerischer Leiter des Projektes gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmer jeweils ein eigenes Erzähl-Format entwickelt. Die Form sollte den Inhalten der einzelnen Geschichten entsprechen oder zumindest auf sie zugehen. Eine schriftliche Fixierung war nicht vonnöten. Der Prozess des Mitteilens ist bei der »Human Library« mindestens genauso wichtig wie die Präsentation einer Geschichte, wenn der kontinuierliche Prozess des Erzählens nicht gar bedeutender ist. Es reicht ja bisweilen, dass mir ein Mensch zuhört, wenn ich etwas zu erzählen habe.

2012 haben Sie eine Reihe Veranstaltungen abgehalten, in denen Sie nicht nur gelesen, sondern Selbstkomponiertes entweder a cappella oder mit selbstgeschriebener Musik vorgetragen haben. welche Instrumente spielen Sie und singen Sie derzeit auch noch?

Ja, ich hatte früher meine Gitarre dabei. Heute singe ich, wenn überhaupt, a cappella – das hängt ganz von meiner Stimmung ab. Ort, Raum und Zeit müssen zusammenfließen. Ich entscheide das sehr spontan.

Wir wollten ein sehr facettenreiches Buch.

Wie gestaltete sich für Sie der Auswahlprozess zu Ausgabe 25 von DAS GEDICHT? War es einfach, bei der Fülle von Gedichteinsendungen einen Konsens zu finden, mussten Sie manchmal mit sich – oder auch mit Ihrem Co-Herausgeber – ringen? Und hatten Sie trotz des eher ernsten Themas auch Spaß beim Auswahlprozess?

Ich nehme jedes Thema ernst – insofern war es für mich nicht ›ernster‹ als andere Schwerpunkte, die wir uns hätten vornehmen können. Anton und ich waren uns relativ schnell einig. Das Thema stand im Vordergrund, sprich die thematische Annäherung war durchweg ausschlaggebend für die erste, engere Auswahl – die inhaltliche Begegnung mit dem vorgegebenen Thema. Das war beispielsweise ein Auswahlkriterium. Was den jeweiligen Stil und die Form der eingereichten Gedichte anbelangt, sollte die Vielstimmigkeit der heutigen Dichtung in deutscher Sprache zum Ausdruck kommen – auch das war ein Aspekt, den wir berücksichtigt haben. Wir wollten ein sehr facettenreiches Buch. Dabei standen uns auch unserer langjährigen Leseerfahrungen zur Seite. Es hat mir Freude bereitet, die Einsendungen zu lesen und ein Konzept für diese Jubiläumsausgabe mit zu entwickeln. Was mir am meisten Spaß gemacht hat? Die Offenheit und die Professionalität, die Genauigkeit von Anton G. Leitner und seinem Team.

Jede Form von ›Tümelei‹ hat in meiner Vorstellung und Wirklichkeit von ›Heimat‹ keinen Platz.

Jetzt noch kurz zu Ihrem Buch »Heimatt. Frühe Gedichte« (Verlag Hans Schiler, Berlin 2015), das ausgewählte Gedichte aus Ihren ersten drei Gedichtbänden (1987 – 1991) enthält. 2007 hält Marc James-Mueller in einem Aufsatz über Ihre Lyrik die »ermattende« Sehnsucht nach der Heimat, die »ermattende« Erinnerung fest. Andere ›mehrkulturelle‹ Autoren berichten auch davon, dass die Muttersprache, das Heimatgefühl, ermattende Wirkung auf die Gegenwart, das aktuelle Leben, haben kann, einen irgendwo auch lähmen kann. Warum bei Ihnen »Heimatt«?

»Heimatt« im Sinne von »schachmatt« – ich distanziere mich mit dieser Wortschöpfung von einem wie auch immer gearteten Heimatbegriff, der sich nationalistisch und rassistisch definiert, sprich ausgrenzt statt aufnimmt und annimmt. Jede Form von ›Tümelei‹ hat in meiner Vorstellung und Wirklichkeit von ›Heimat‹ keinen Platz.

Im Spanischen gibt es keinen adäquaten Begriff für das Wort Heimat. Welchen Titel würden Sie diesem Ihrem Gedichtband dann auf Spanisch geben?

Ich würde das Wort »Heimat« oder in diesem Fall »Heimatt« belassen und in einem Essay als Fußnote literarisch zur Sprache bringen, um die Dimensionen zu klären, die sich in diesem Wort bündeln – so wie ich »Duende« nicht übersetzen würde oder »cante jondo«.

Wenn es nicht anders geht, dann brauchen auch Dichterinnen und Dichter Personenschutz. Leider.

In Ihrem Gespräch mit dem Herausgeber Ilija Trojanow am Ende des Buches berichten Sie von unsäglichen Reaktionen des Publikums auf Ihre Auftritte in den frühen 90ern, von angeheuerten Rockergruppen zum Zwecke des Personenschutzes, von Drohungen und angekündigten Veranstaltungsstörungen seitens neonazistischer Gruppen. Das ist ungefähr 25 Jahre her. Wäre ähnliches denkbar, wenn Poeten am 25.10.2017 spätnachmittags in der Mitte Münchens für die Menschenrechte lesen?

Wenn es nicht anders geht, dann brauchen auch Dichterinnen und Dichter Personenschutz. Leider. Die Freiheit des Wortes und damit die Vielfalt der Meinungsäußerungen sind wieder einmal mehr ruchlosen Anfeindungen ausgesetzt, auch bei uns in Deutschland.

Lieber José F. A. Oliver, welche Erkenntnisse erhoffen, erwünschen Sie sich von der Klausurtagung zur Zukunft der Poesie am 24.10.2017 in Benediktbeuern? Welchen Impuls könnte diese geschlossene Zusammenkunft der Lyrik der Gegenwart und Zukunft geben?

Die Erkenntnis, dass uns nur der Dialog weiterbringen kann und die Wahrheit ein Elefant ist … Ich hoffe auf eine Akzeptanz der Vielstimmigkeit der Inhalte und Formen, auch in Bezug auf die Lyrik.

Ganz herzlichen Dank für diesen Austausch.

 
José Oliver
HEIMATT

Frühe Gedichte
Verlag Hans Schiler, Berlin 2015
Hardcover, 112 Seiten
ISBN: 978-3-89930-031-4

 

Franziska Röchter. Foto: Volker Derlath

Unser »Jubiläumsblog #25« wird Ihnen von Franziska Röchter präsentiert. Die deutsche Autorin mit österreichischen Wurzeln arbeitet in den Bereichen Poesie, Prosa und Kulturjournalismus. Daneben organisiert sie Lesungen und Veranstaltungen. Im Jahr 2012 gründete Röchter den chiliverlag in Verl (NRW). Von ihr erschienen mehrere Gedichtbände, u. a. »hummeln im hintern«. Ihr letzer Lyrikband mit dem Titel »am puls« erschien 2015 im Geest-Verlag. 2011 gewann sie den Lyrikpreis »Hochstadter Stier«. Sie war außerdem Finalistin bei diversen Poetry-Slams und ist im Vorstand der Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik. Franziska Röchter betreute bereits 2012 an dieser Stelle den Jubiläumsblog anlässlich des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« zum 20. Geburtstag von DAS GEDICHT.


Die »Internationale Jubiläumslesung mit 60 Poetinnen und Poeten« zur Premiere des 25. Jahrgangs von DAS GEDICHT (»Religion im Gedicht«) ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Mit Unterstützung der Stiftung Literaturhaus. Medienpartner: Bayern 2.

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