Jubiläumsblog. Ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT
Folge 56: Barbara Maria Kloos – Der Mensch hinter der Dichterin

Seit 25 Jahren begleitet die Zeitschrift DAS GEDICHT kontinuierlich die Entwicklung der zeitgenössischen Lyrik. Bis heute ediert sie ihr Gründer und Verleger Anton G. Leitner mit wechselnden Mitherausgebern wie Friedrich Ani, Kerstin Hensel, Fitzgerald Kusz und Matthias Politycki. Am 25. Oktober 2017 lädt DAS GEDICHT zu einer öffentlichen Geburtstagslesung mit 60 Poeten aus vier Generationen und zwölf Nationen ins Literaturhaus München ein. In ihrer Porträtreihe stellt Jubiläumsbloggerin Franziska Röchter jeden Tag die Teilnehmer dieser Veranstaltung vor.

Barbara Maria Kloos wurde 1958 in Darmstadt geboren und lebt mittler­weile in Köln. Sie wuchs in See­heim an der Berg­straße auf und studierte Neuere Deutsche Litera­tur­wissen­schaft, Mediäv­istik und Theater­wissen­schaft in München. Sie war als Heraus­geberin, Redak­teurin, Über­setzerin, Modera­torin tätig und hält heute Vor­träge zur aktuellen bildenden Kunst und zu Autorinnen der Moderne.

Kloos ver­öffent­lichte bisher fünf Lyrik­bände und (mit Astrid Arz) ein Sach­buch über die Psycho­logie des Essens. Kloos erhielt diverse Aus­zeich­nungen für ihr Werk, u. a. den Förder­preis zum Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darm­stadt, den Tukan-Preis der Landes­haupt­stadt München und den Christine Lavant Preis des Landes Kärnten. Gerade erschien ihr Gedicht­band »Fossile Infanten« (poetenladen Verlag, Leipzig 2017).

Die Texte von Barbara Maria Kloos sind nicht gefällig oder im klassischen Sinne schön – so die Selbsteinschätzung der außergewöhnlichen Dichterin zu Ihrem Werk. Sie sprach mit Franziska Röchter über die Münchner Literaturszene Ende der Siebzigerjahre, die Rolle des Geschlechts im Literaturbetrieb sowie über den Fortschritt der geistigen und sonstigen Entwicklung auf unserem Planeten.

Grundsätzlich bedeutet die Arbeit an Gedichten ein totales Abtauchen in die eigene Unterwelt.

Liebe Barbara Maria Kloos, kürzlich, genau genommen im Juni dieses Jahres, ist Ihr Gedichtband »Fossile Infanten« erschienen. Es heißt in der Beschreibung, achtzehn Jahre hätten Sie daran gearbeitet. Wie muss man sich das vorstellen, achtzehn Jahre an einem Gedichtband zu arbeiten? Haben Sie immer wieder an den Texten gefeilt, sie umgeschrieben, Texte durch andere ersetzt, sind die Texte nacheinander im Laufe von 18 Jahren entstanden?

Achtzehn Jahre? Ein Kind wird erwachsen. Ich schreibe mein ganzes Leben lang an einem einzigen großen Wortwerk – wie alle Autoren. Ich hätte die opulenten »Fossilen Infanten« auch in mehrere Publikationen zerlegen können. Zeitweise schwebte mir ein Triptychon vor, drei Bücher im Schuber, ein mittelalterliches Tafelbild. Jetzt hat sich die Zahl Sieben als magisches Ordnungssystem durchgesetzt. Mit jedem der sieben Kapitel betritt man einen skulpturalen Erinnerungsraum (wie bei Louise Bourgeois), eine illuminierte Zelle, in der nicht nur sprachliche Entdeckungen warten. Es sind lyrische Tableaus voller Memorabilien: Familiengeheimnisse, Lektüren, Begegnungen, Alltags-, Reise-, Kunsterfahrungen; Traumata der deutschen Kriegsgeschichte. Eine Gedächtnistour, durchdrungen von Geisterstimmen und Bach-Musik. Grundsätzlich bedeutet die Arbeit an Gedichten ein totales Abtauchen in die eigene Unterwelt, ein fluider, fast verrückter Zustand; während das strukturierte Auswählen, Gliedern, Korrigieren von Texten für ein Buch ganz andere, pragmatische Areale des Gehirns beansprucht. Wahrscheinlich wollte ich diesmal gar nicht mehr auftauchen, sondern bei meinen Dämonen bleiben …

 

Barbara Maria Kloos. Foto: privat

Barbara Maria Kloos. Foto: privat

 

Als Sie 2008 den mit 10.000 Euro dotierten Christine Lavant Lyrik-Preis zugesprochen bekamen, war in der Jurybegründung bereits von Ihrem »demnächst erscheinenden Lyrikband ›Fossile Infanten‹« die Rede. War es schwierig, den geeigneten Verlag zu finden?

Meine Texte sind sehr speziell; so gar nicht nett, gefällig, klassisch schön. Bei einer Lesung an der NYU in Greenwich Village sagte mir ein Zuhörer, es sei, als würde einem mit der Hand ins Gesicht geschlagen: Erfrischend. Außer bei meinem ersten Gedichtband »Solo«, 1986 bei Piper erschienen, war es nie ganz leicht, meine Verse unterzubringen. Zum Glück habe ich mit Andreas Heidtmann, Leiter des poetenladen Verlags in Leipzig, einen furchtlosen und kompetenten Verleger gefunden, der dieses barocke Mammutwerk »Fossile Infanten« mit mir gestemmt hat.

Sie schlossen Ihr Studium der Neueren Deutschen Literatur, Mediävistik und Theaterwissenschaft an der Universität München 1990 mit einer Arbeit über Christine Lavant mit dem Magister Artium ab. Was hat Sie persönlich so an dieser Dichterin fasziniert?

Der Münchner Dichter Wolfgang Dietrich machte mich Anfang der achtziger Jahre mit Christine Lavant bekannt. Seither lässt mich ihr leidenschaftliches, zwischen Liebeswut und Gottverfluchung, Furor und Verletzlichkeit blitzendes Werk nicht mehr los. So ungezähmt und formvollendet, so sinnlich und seelenvoll sind ihre Verse, dass mir beim Lesen schaudert. Naturgedichte, wie mit dem Pflug aufgerissen, von einer Intimität und Grausamkeit, als würde die Kreuzigungskunst des Mittelalters mit den Verheerungsszenen des 20. Jahrhunderts in einem einzigen weiblichen Textkörper galvanisiert. Ihr loderndes Ich quält und zerschlägt sich, es spaltet sich in Tiere, Gespenster, Organe auf, die miteinander ringen, um doch nur die Sehnsucht nach spiritueller Ganzheit in einer entwurzelten Welt zu besingen. Ja, diese katholische Vision teile ich mit Christine Lavant.

Es ist von Vorteil, schon früh mit dem Tod Bekanntschaft zu machen.

Ihre eigene Kindheit war ebenfalls ein Kampf ums Überleben, nicht in materieller Hinsicht, sondern in Bezug auf Ihren gesundheitlichen Status. Sie litten unter dem, was heute gemeinhin als atopisches Syndrom bezeichnet wird, Neurodermitis, Allergien, Asthma, konnten nur noch mit Hilfe von subkutanen Kortisongaben Linderung erfahren. In Ihren Aufzeichnungen heißt es: »Kindheit heißt: Röcheln. So wurde ich Dichterin.« Sie versuchten also, sich Ihre Schmerzen, Ihren Juckreiz, Ihre Atemnot von der Seele zu schreiben?

Nein, ich schreibe mir keinen Schmerz von der Seele. Ich studiere ihn. Es ist von Vorteil, schon früh mit dem Tod Bekanntschaft zu machen, er öffnet verbotene Türen. Ich besitze den Schlüssel zu Blaubarts Schloss, kann da ein- und ausgehen.

Ihre Vorlieben in literarischer Hinsicht seien nicht im Durchschnittlichen, im Herkömmlichen zu finden. Ihre Prämisse ist: »Je extremer, verrückter, monomanischer, desto besser.« Wie erklären Sie sich diesen Hang zum ganz Speziellen, zum Außergewöhnlichen?

Alle Welt ergötzt sich an diesem Mädchen-Kitsch, wie er in Soundfabriken von Papis in der Midlife-Krise für einen verkommenen Unterhaltungsmarkt gezüchtet wird: Saisonware. Ich dagegen berausche mich an starken, sperrigen, unverwechselbaren Stimmen. Erst kürzlich habe ich Arno Schmidt für mich entdeckt. In Dresden, nah am legendären Plauenschen Grund, fand ich seine Trilogie »Nobodaddy’s Kinder« auf der Straße; ein wettergegerbtes Paperback, 1963 in der von Werner Rebhuhn gestalteten Rowohlt-Kultreihe erschienen. Das ist extrem persönliche, extrem politische, extrem artifizielle Autofiktion. Ein Monoman, ein faunischer Pedant, kurioser Moorflaneur.

Solange sich kein wichtiger Mentor für das Œuvre einer Frau einsetzt, hat sie keine Chance auf Kanonisierung.

In Ihren Aufzeichnungen zum »Schreibort Köln« beschreiben Sie sich als bekennende Feministin, die »Ewigkeiten« kämpft »gegen diese entscheidende Ungerechtigkeit, dass Männer fast alles dürfen […] und Frauen mit der Moralkeule erschlagen werden, wenn sie das traditionelle Klischee von Weiblichkeit sprengen.« Wie sieht dieser Kampf bei Ihnen aus, wo und wie wehren Sie sich, womit, glauben Sie, kann man Veränderungen im Rollenverständnis der Geschlechter herbeiführen?

Gerade las ich die Erinnerungen von Eva Demski: »Den Koffer trag ich selber«. Sie beschreibt köstlich »die Männerhaftigkeit des literarischen Betriebs« in der alten Bundesrepublik. Gruppe 47, P.E.N., die Flut von Kulturinstitutionen nach dem Krieg: Männerbünde, mit ein paar Prinzessinnen dazwischen. Übrigens auch ein Grund dafür, warum die wilden Schriftstellerinnen der zwanziger Jahre, von den Nazis mundtot gemacht, in der jungen Demokratie kaum ein Comeback feiern konnten. Inzwischen waren die attraktiven Garçonnes, sofern noch am Leben, Matronen geworden. Nichts für ein SPIEGEL-Titelblatt. Ausnahmen gab es, wenn sich ein angesagter Autor für eine alte Dame stark machte. Marieluise Fleißer hatte das seltene Glück, von Franz Xaver Kroetz für die Bühne reanimiert zu werden. Solange sich kein wichtiger Mentor für das Œuvre einer Frau einsetzt, seine Stimme über sie legt, hat sie keine Chance auf Kanonisierung. Daran hat sich wenig geändert.

Die Literatur war ein Abenteuerspielplatz, keine pädagogische, kapitalismusaffine, staatlich subventionierte Kaderschmiede.

Wie haben Sie Ende der Siebzigerjahre, als Sie des Studiums wegen nach München zogen, die Literaturszene dort, auch im Hinblick auf geschlechterspezifische Rollenverteilungen, empfunden?

Die alternative Literaturszene im München der Achtzigerjahre war bemerkenswert. Im Unterschied zu heute konnte sich eine Debütantin alleine, bzw. im Austausch mit Gleichaltrigen künstlerisch entwickeln. Ich sang den Halbmond an, oft unglücklich verknallt, aber ohne Sugardaddy im Genick. Wir, kontemplative Enthusiasten aus Hessen, Bayern oder dem Ruhrgebiet, wurden in Ruhe gelassen, die Literatur war ein Abenteuerspielplatz, keine pädagogische, kapitalismusaffine, staatlich subventionierte Kaderschmiede. Es gab im Westen keine Literaturinstitute, wenige Literaturhäuser, kommerzielle Agenturen. Es gab kaum Computer. Wir machten alles selbst, studierten ewig, Crossover. Die Eltern? Weit weg. Heute sitzen sie mit ihren Turbo-Karriere-Kids im Vorlesungssaal und korrigieren deren Bachelorarbeiten. Ach ja, wir beherrschten noch die Orthographie und Interpunktion, jedenfalls solange wir nüchtern waren.

Ich bin der Überzeugung, dass Kunst und Wissenschaft zusammengehören: komplementäre Instrumente, um unserer geheimnisvollen Welt auf die Spur zu kommen.

Sie schreiben, Sie hätten gar nichts anderes werden können als Künstlerin, denn auf »diesem Spielfeld treffe ich am ehesten Wesen, die ähnlich schillern, herumflackern, wie ich.« Nun sind Sie ja durch private Beziehungen noch mit einem ganz anderen Berufsumfeld verbunden, nämlich mit der Universität Köln und dem Institut für Theoretische Physik, mit Forschungen unter anderem auf dem Gebiet der Evolutionsbiologie und Genetik. Wie geht das einher, das starke Interesse für die Kunst und Literatur einerseits und für Wissenschaft, Forschung und Lehre andererseits? Sie bringen beides ja insofern etwas zusammen, als Sie, wie zum Beispiel 2014 zur Eröffnung des neuen Gebäudes des Instituts für Theoretische Physik, kunstthematische Vorträge in Universitätsgebäuden halten.

Ich hatte 2014 die Ehre, das poetische, naturphilosophische Werk der Multimedia-Künstlerin Simona Koch im neuen Institutsgebäude für Theoretische Physik in Köln vorzustellen. Ich bin ja ein Paradiesvogel in diesen Kreisen, verheiratet mit einem gutaussehenden Professor, bestaune das Biotop der Gelehrten und Genies von der Seite. Schnappe seltsame Worte, Fachbegriffe, Forschungsergebnisse auf, um sie als entkontextualisierte Preziosen meinen Strophen einzuverleiben. Es ist beglückend, sich mit intelligenten Persönlichkeiten auszutauschen, die für ihre Disziplin brennen (unvergesslich, ein Dinner mit Stephen Hawking!), statt auf die Pension zu warten. Außerdem bin ich der Überzeugung, dass Kunst und Wissenschaft zusammengehören: komplementäre Instrumente, um unserer geheimnisvollen Welt auf die Spur zu kommen. Ich plädiere dafür, wissenschaftliche Einrichtungen für künstlerische Positionen zu öffnen: eine eigene Galerie in jede Uni, in jedes Max-Planck-Institut! Wie gerne würde ich Ausstellungen kuratieren, die diesen interdisziplinären Dialog in Gang setzen.

Letztlich blieb jede Avantgardebewegung von egomanen Kumpels dominiert.

Auch generell halten Sie Vorträge zur Bildenden Kunst oder zu Autorinnen der Moderne. Heißt das, Sie fokussieren auf das spezifisch Weibliche in der Literatur?

Ich bin Germanistin und beschäftige mich mit den gesellschaftlichen Bedingungen von Kunst und Literatur. War es früher eher das Mittelalter mit seinem zweischneidigen dark room für schreibende Beginen im Kloster, die Romantik mit ihrer semiliberalen Salonkultur, oder das parthenophile Wiener Fin de siècle – so sind es jetzt besonders Deutsches Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Emigration, die mich in den Bann ziehen. Das ist doch alles beklemmend nah. Man kann ihn doch riechen, den Schwefelgeruch vor der Machtergreifung! Spätestens mit dem Ersten Weltkrieg verändert sich die Rolle der Frauen fundamental. Erst 1918 wurde in Deutschland das Frauenwahlrecht erstritten, das war gestern. Unfassbar, wie rasant die Entwicklung von den Korsettdamen zu den Berliner Nackttänzerinnen verlief. Plötzlich überall weibliche Stars: Else Lasker-Schüler, Erika Mann, Marlene Dietrich, Leni Riefenstahl. Die einen wurden von Goebbels & Co. ausgepfiffen, die anderen als Diva umschwänzelt. Aber: letztlich blieb jede Avantgardebewegung von egomanen Kumpels dominiert. Ich versuche, Künstlerinnen, die in Vergessenheit geraten sind, wieder ins Dämmerlicht zu rücken. Warum? Weil wir die Dynamik der weiblichen Genealogie zwischen Anpassung und Widerstand im historischen Kontext begreifen müssen, um uns heute zu verstehen. Emanzipation 2017: eine halbe Generation von essgestörten Töchtern will nicht klug, sondern Model werden. Das ist Fortschritt.

Gern engagieren Sie sich zudem mit Lesungen zum Thema Gewalt gegen Frauen, häusliche Gewalt, Diskriminierung. »Dass ›häusliche Gewalt‹, Diskriminierung am Arbeitsplatz, sexuelle Ausbeutung, Mord und Totschlag auch in liberalen Gesellschaften zum Alltag gehören, wird gerne unterschlagen«, haben Sie gesagt. Was muss sich gesamtgesellschaftlich und politisch ändern?

So sieht Kassandra die Zukunft: Bald werden – aufgrund von Kriegen, Klimawandel, Umweltzerstörung – nur noch wenige Zonen unseres Planeten gut bewohnbar sein. Machen wir uns auf gewaltige Flüchtlingszüge gefasst, vielleicht stolpern wir selber mit. Diese letzten geographischen Oasen teilen sich wenige steinreiche Clans, fake states, hochgerüstete, uneinnehmbare Luxusresorts. Der Rest der Menschheit wird auf unterschiedlichem Niveau verelenden und als Soldaten, Sexsklaven, Leihmütter, Organlager, Laborratten oder Fleischressource für die Clans tätig sein. Die drei Mittel, um riesige Bevölkerungsgruppen ruhig zu stellen, werden gerade perfektioniert, sie heißen: Psychopharmka, Genmanipulation und Cyberspace. Zurück zur Gegenwart: Wenn ich beim Hotelfrühstück, irgendwo auf der Welt, diese nervösen Kleinkinder sehe, allein mit ihrer Playstation; Säuglinge, an flackernden, kreischenden Geräten nuckelnd, während sich die Eltern – mental absent – jeweils über ihre illuminierten Guckkästen krümmen, die angebissene Käsesemmel in der Hand … Zarte Gehirne, Körperlein, werden mit diesem E-Schrott verseucht: »Digital First. Denken Second«.

Zudem sind Sie Teil einer literarischen Veranstaltungsreihe, die sich »Das literarische Wohnzimmer mit Barbara Maria Kloos« nennt. Handelt es sich um eine Art literarischen Frühschoppen?

»Das literarische Wohnzimmer« wird von Kathrin Hampf, Verlegerin des Kranichsteiner Literaturverlags in Darmstadt, geleitet. Sie hat dieses sehr intime, salonartige Format erfunden. Vorher hat sie etliche andere erfolgreiche Lesereihen initiiert und als Gastgeberin zum Leuchten gebracht. Wir haben uns vor Urzeiten beim »Literarischen März« kennengelernt, ich bin oft bei ihren Veranstaltungen aufgetreten. Der Kranichsteiner Literaturverlag publiziert vor allem vergriffene Werke des 20. Jahrhunderts: Kasimir Edschmid, Elisabeth Langgässer, die Psychoanalytikerin Charlotte Wolff sind im Programm.

Gefühle sind Arbeitshypothesen, ein Schlag ins Gedicht.

Sie sagen, Sie könnten niemals »eine Existenz führen, die ausschließlich um Ernährung, Fortpflanzung, Geld und Status kreist«. Sie sind weit gereist, haben in Metropolen wie New York gelebt, kamen nach Köln, weil unter anderem Ihr Verlag in Nippes angesiedelt war (aber nicht nur deswegen), Ihr liebster Platz sei der Flughafen, ein Sie prägendes wichtiges Ereignis der Holocaust. Er beschäftige Sie, weil totalitäre Strukturen, Hierarchie, Selektion, Gewalt und Ausgrenzung auch heute noch grassieren. Ihnen sei gegenwärtig, dass überall Krieg lauere, dass die Rückseite von Freiheit und Demokratie, auch die Rückseite unseres Kulturbetriebes in Städten wie Köln, vorhanden und ein einziger großer Ofen sei. Machtkämpfe, Klüngel, Gruppenzwang seien allgegenwärtig. Wie kommen Sie damit klar, dass es so ist, wie es ist, ohne daran zu verzweifeln?

Natürlich verzweifle ich, ich liebe oder hasse ja auch, und wie! Immer hereinspaziert, ihr heißen Emotiönchen. Gefühle sind Arbeitshypothesen, ein Schlag ins Gedicht. Mehr nicht. Ansonsten gilt: aus Brandschutzgründen geschlossen.

Sie haben einmal gesagt: »Ins Gedicht gehört Handlung, Handlung, Handlung …« In welchem Gedicht eines anderen Dichters oder Dichterin können Sie das am deutlichsten festmachen?

Lustig, dass mein schlichter, vor vierzig Jahren in unserer Literaturzeitschrift »federlese« formulierter Satz, noch immer kleine Wellen schlägt … Ich glaube, ich würde heute den Buchstaben H mit einem W ersetzen. Wandlung. Denn genau das erhoffe ich von einem Gedicht: einen alchemistischen Prozess, Verzauberung, Schock. Dunkles, sehr dunkles Rotgold. Ich empfehle jedem Lyrikfan, den Band »Fossile Infanten« wie eine Wunderkammer zu durchstreifen, da lernen Sie viele meiner Hexenmeister kennen.

Liebe Barbara Maria Kloos, ganz herzlichen Dank für dieses Interview.

 
Barbara Maria Kloos
Fossile Infanten

Gedichte
Hardcover, 216 Seiten
poetenladen Verlag, Leipzig 2017
ISBN: 978-3-940691-85-9

 

Franziska Röchter. Foto: Volker Derlath

Unser »Jubiläumsblog #25« wird Ihnen von Franziska Röchter präsentiert. Die deutsche Autorin mit österreichischen Wurzeln arbeitet in den Bereichen Poesie, Prosa und Kulturjournalismus. Daneben organisiert sie Lesungen und Veranstaltungen. Im Jahr 2012 gründete Röchter den chiliverlag in Verl (NRW). Von ihr erschienen mehrere Gedichtbände, u. a. »hummeln im hintern«. Ihr letzer Lyrikband mit dem Titel »am puls« erschien 2015 im Geest-Verlag. 2011 gewann sie den Lyrikpreis »Hochstadter Stier«. Sie war außerdem Finalistin bei diversen Poetry-Slams und ist im Vorstand der Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik. Franziska Röchter betreute bereits 2012 an dieser Stelle den Jubiläumsblog anlässlich des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« zum 20. Geburtstag von DAS GEDICHT.


Die »Internationale Jubiläumslesung mit 60 Poetinnen und Poeten« zur Premiere des 25. Jahrgangs von DAS GEDICHT (»Religion im Gedicht«) ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Mit Unterstützung der Stiftung Literaturhaus. Medienpartner: Bayern 2.

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