Jubiläumsblog. Ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT
Folge 57: Barbara Peveling – Der Mensch hinter der Dichterin

Seit 25 Jahren begleitet die Zeitschrift DAS GEDICHT kontinuierlich die Entwicklung der zeitgenössischen Lyrik. Bis heute ediert sie ihr Gründer und Verleger Anton G. Leitner mit wechselnden Mitherausgebern wie Friedrich Ani, Kerstin Hensel, Fitzgerald Kusz und Matthias Politycki. Am 25. Oktober 2017 lädt DAS GEDICHT zu einer öffentlichen Geburtstagslesung mit 60 Poeten aus vier Generationen und zwölf Nationen ins Literaturhaus München ein. In ihrer Porträtreihe stellt Jubiläumsbloggerin Franziska Röchter jeden Tag die Teilnehmer dieser Veranstaltung vor.

Barbara Peveling, 1974 geboren, wuchs im Rhein­land auf. Nach einem längeren Auf­ent­halt im Nahen Osten studierte und promo­vierte sie in Ethno­logie und Ge­schichte in Tübingen und Paris. Für ihre Doktor­arbeit lebte sie einige Jahre in Marseille. Mit dem Roman »Wir Glück­pilze« debütierte sie 2009, 2017 folgte »Rachid« (Goldegg Verlag, Wien). Peveling ver­öffent­licht außerdem in Zeit­schriften, Antho­logien und Online­magazinen. Sie lebt in Paris. Preise und Aus­zeichnungen: 2006 Finalistin Open Mike, Goldegg Autoren­stipen­dium 2015, Atelier NRW 2017 u. a.

Barbara Peveling ist multikulturell geprägt. Franziska Röchter sprach mit ihr über die Entstehung ihres Romans »Rachid«, ihre Liebe zur Poesie sowie die Bedeutung einer »Befragung der eigenen Existenz«.

Ich wollte immer Schriftstellerin werden.

Liebe Barbara, bitte beschreiben Sie Ihre Erscheinung mit maximal sieben Eigenschaftswörtern.

Treu, wild, leidenschaftlich, ruhig, fatal abenteuerlustig, nicht sportlich, aber sportliebend.

Bitte beschreiben Sie Ihr Wesen mit maximal sieben Begriffen.

Gerechtigkeit, Mut, Unruhe, Wahrheit, Zumutung.

Was, glauben Sie, schätzen Freunde am meisten an Ihnen?

Zuverlässigkeit.

Sie sind ja schon in jungen Jahren für einige Zeit nach Israel gegangen. Was haben Sie dort gemacht?

Ein soziales Jahr. Ich habe mit behinderten Erwachsenen in der Wüste Negev gearbeitet, bei Be’er Scheva.

 

Barbara Peveling. Foto: Carole Juin

Barbara Peveling. Foto: Carole Juin

 

Was hat Sie bewogen, unter anderem Ethnologie zu studieren, welche beruflichen Ziele haben Sie seinerzeit damit verbunden?

Ich wollte immer schreiben, fand aber, dass ein Germanistikstudium nur die Aufarbeitung alter Stoffe bedeuten würde. Das Studium der Ethnologie hat mir erlaubt, andere Welten kennenzulernen. So ist auch mein Roman »Rachid« entstanden.

Es ist nachzulesen, dass Sie 2006 in Marseilles Feldforschung betrieben. Um was ging es bei diesen Forschungen?

Ich habe ein Jahr lang in einem zentralen Viertel in Marseille geforscht. Dabei ging es um den städtischen Raum, der, ständig von Migranten besetzt, eine bestimmte Funktion einnimmt. In diesem Raum habe ich das Zusammenleben von Juden und Muslimen aus Nordafrika in Europa erforscht. Was hat sich verändert? Welche kulturellen Muster wurden nach Europa transportiert und welche nicht? Werden Gruppen mit derselben geographischen Herkunft in Europa unterschiedlich aufgenommen? Viele Konflikte, die uns heute große Probleme bereiten, haben sich damals schon abgezeichnet.

2013 haben Sie zeitgleich an zwei unterschiedlichen Universitäten, nämlich an der Eberhard Karls Universität Tübingen sowie an der École des Hautes Études en Sciences Sociale Paris, der französischen Elite-Hochschule für Sozialwissenschaften, in zwei verschiedenen Fächern, nämlich in Geschichte und Ethnologie, mit ein und demselben Thema zwei Doktortitel erworben. Wie hat man sich das praktisch vorzustellen?

Anhand eines »Cotutelle de thèses«-Vertrags, der vorher zwischen beiden Unis betreffend meiner Arbeit verfasst wurde. Ich habe die Arbeit zweimal, also auf Deutsch und auf Französisch, geschrieben.

Neben all der wissenschaftlichen Arbeit haben Sie auch Bücher geschrieben und Lyrik verfasst. Wie und wann sind Sie zu dieser schriftstellerischen Tätigkeit gekommen?

Ich wollte immer nur schreiben, seit ich angefangen habe, in der Schule schreiben zu lernen. Ich wollte immer Schriftstellerin werden.

Sind Sie derzeit noch wissenschaftlich tätig oder haben Sie sich komplett dem Schreiben verschrieben?

Nein, ich habe nach der Dissertation eine Auszeit gebraucht und schreibe nur noch.

Wir würden Sie Ihren lyrischen Stil einordnen? Und mit welchen Dichtern fühlen Sie sich besonders verbunden.

Ich würde sagen, es ist eine Art existentielle Selbstbefragung, eine Vergewisserung und Befragung der eigenen Existenz und der Grenzen unserer Welt und unseres Denkens.

Mit Rainer Maria Rilke.

Welche Eigenschaft an Ihnen wird möglicherweise von anderen verkannt?

Wut.

Woher kommt Ihre Liebe zur Poesie?

Aus meiner Kindheit, vielleicht sogar ein wenig vom Deutschunterricht …

Seit wann kennen Sie die Zeitschrift DAS GEDICHT?

Ungefähr seit 2014.

Wie sind Sie auf DAS GEDICHT gestoßen? Wie haben Sie die Zeitschrift kennengelernt?

Im Internet.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie zum ersten Mal die Nachricht erhalten haben, dass eines Ihrer Gedichte in DAS GEDICHT publiziert wird?

Stolz.

In welcher Ausgabe war das und wie heißt das Gedicht?

Die aktuelle Ausgabe; »logischer Himmel«.

Was war Ihr schönstes Erlebnis in Zusammenhang mit einem Gedicht?

Die Ruhe, wenn ich es immer und immer wieder gelesen habe.

Was ist denn Ihr Lieblingsgedicht von einem anderen Dichter?

»Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen« von Rainer Maria Rilke.

Bitte nennen Sie weitere Lieblingsgedichte.

Nelly Sachs, »Hier am Meer«.
David Rokeah, »Amen«.
Nietzsche, »Nach neuen Meeren«.

Und was ist Ihr Lieblingsgedicht aus eigener Feder?

mein geliebter pinguin, du

nachts schwimme ich wieder mit den walen
wir sind sechs oder sieben,
im tiefen wasser erkennt man sich
schlecht wir stoßen singende laute aus,
es ist wie fliegen nur schöner wir
tauchen tiefer, werden schneller
werfen die körper in die höhe auf einmal
habe ich keine angst mehr, hatte doch
immer angst vor dem wasser vor den tiefen
besonders an deiner seite zitterte ich dabei
habe ich viel zu früh schwimmen gelernt
von dem ehrgeizigen vater der nichts
zu ende brachte, nicht mal das eigene
leben so lernte ich wenigstens brust
das kraulen habe ich längst aufgegeben
wie so vieles an deiner seite.
du plätscherst im seichten wasser
nicht mal retten könntest du
mich, rufe ich dir zu und wieder
sind die wale an meiner seite
orkas leuchtend wie die nacht sie
haben mich in ihre mitte genommen ihre
köpfe wackeln hin und her, sie wollen mir
etwas sagen, ich aber nicke
und wieder gehen wir auf die jagd
schwimmen immer schneller dort
auf der sandbank träumen
pinguine, ich bin gestrandet
schlage mit einer flosse zu
mit der anderen steuere ich
zurück ins meer, die wale sind
schon da, sie beißen
die beute, reißen dich
in stücke.

Woran arbeiten Sie gerade in literarischer oder künstlerischer Hinsicht?

An einem Jugendroman und an einem Erwachsenenroman, einer grenzenlosen Liebesgeschichte im Nahen Osten. Ich finde, das brauchen wir heute, keine Grenzen.

Was stört Sie am meisten im Literaturbetrieb?

Arroganz.

Was genau lässt Sie immer weiter Gedichte und Texte schreiben?

Schreiben ist für mich nicht lebensnotwendig, sondern überlebensnotwendig.

Liebe Barbara, herzlichen Dank.

 
Barbara Peveling
Rachid

Goldegg Verlag, Wien 2017
Hardcover, 220 Seiten
ISBN 978-3-99060-022-1

 

Franziska Röchter. Foto: Volker Derlath

Unser »Jubiläumsblog #25« wird Ihnen von Franziska Röchter präsentiert. Die deutsche Autorin mit österreichischen Wurzeln arbeitet in den Bereichen Poesie, Prosa und Kulturjournalismus. Daneben organisiert sie Lesungen und Veranstaltungen. Im Jahr 2012 gründete Röchter den chiliverlag in Verl (NRW). Von ihr erschienen mehrere Gedichtbände, u. a. »hummeln im hintern«. Ihr letzer Lyrikband mit dem Titel »am puls« erschien 2015 im Geest-Verlag. 2011 gewann sie den Lyrikpreis »Hochstadter Stier«. Sie war außerdem Finalistin bei diversen Poetry-Slams und ist im Vorstand der Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik. Franziska Röchter betreute bereits 2012 an dieser Stelle den Jubiläumsblog anlässlich des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« zum 20. Geburtstag von DAS GEDICHT.


Die »Internationale Jubiläumslesung mit 60 Poetinnen und Poeten« zur Premiere des 25. Jahrgangs von DAS GEDICHT (»Religion im Gedicht«) ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Mit Unterstützung der Stiftung Literaturhaus. Medienpartner: Bayern 2.

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