Jubiläumsblog. Ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT
Folge 6: Jürgen Bulla – Der Mensch hinter dem Dichter

Seit 25 Jahren begleitet die Zeitschrift DAS GEDICHT kontinuierlich die Entwicklung der zeitgenössischen Lyrik. Bis heute ediert sie ihr Gründer und Verleger Anton G. Leitner mit wechselnden Mitherausgebern wie Friedrich Ani, Kerstin Hensel, Fitzgerald Kusz und Matthias Politycki. Am 25. Oktober 2017 lädt DAS GEDICHT zu einer öffentlichen Geburtstagslesung mit 60 Poeten aus vier Generationen und zwölf Nationen ins Literaturhaus München ein. In ihrer Porträtreihe stellt Jubiläumsbloggerin Franziska Röchter jeden Tag die Teilnehmer dieser Veranstaltung vor.

Jürgen Bulla, geboren 1975 in München, studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und arbeitet heute als Deutschlehrer am Wittelsbacher Gymnasium in München. Seit 1995 veröffentlicht er in Zeitschriften und Anthologien. 1999 erschien sein erster Gedichtband unter dem Titel »Glas«, dem drei weitere Gedichtbände und ein Band mit Prosa folgten. Daneben übersetzte er Texte von Richard Dove sowie Michael Hamburger und verfasste ein Schulbuch zur Lyrik der Klassik und Romantik.

Jürgen Bulla ist ein Deutschlehrer, wie Schüler ihn sich wünschen. Als Lyriker kennt er die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis aus erster Hand. Mit Franziska Röchter sprach er über die Schwierigkeiten der Lyrikvermittlung und die Wichtigkeit, den Schülern die Angst vor dem Text zu nehmen.

Ich versuche vor allem, den Schülern die Angst zu nehmen.

Lieber Jürgen Bulla, ich finde es interessant, dass Sie ausgerechnet an der Schule unterrichten, die auch der Anton G. Leitner besucht hat. Offenbar werden Autorenlesungen bei Ihnen großgeschrieben?

Wir bemühen uns, wenigstens zweimal im Schuljahr eine Lesung zu veranstalten. Es gibt einen Verein der Freunde der Schule, der in der Regel das Honorar übernimmt. Ich veranstalte aber auch jenseits der Schule einmal im Monat eine Lesung in einem Schwabinger Atelier, gemeinsam mit Johan de Blank aus Berlin, der in München außerdem das »Wortspiele«-Festival veranstaltet. Unsere Reihe heißt »Literatur im Caveau«. Zuletzt hatten wir dort Edo Popović aus Zagreb zu Gast, derzeit Stipendiat in der Villa Waldberta in Feldafing.

Welche weiteren Autoren hatten die Schüler noch zu Gast?

Diverse. Unter anderem Friedrich Ani, Albert von Schirnding, Thomas Lang, Nikolai Vogel …

Im April 2017 veröffentlichten Sie einen Band, der den Titel »Sophia und ihre Saaltöchter: Texte und Radierungen. Moritat. Hagiographie im Kontext (Lumen X)« trägt. Mit was genau haben wir es hier zu tun?

Es handelt sich hier nicht eigentlich um einen Gedichtband. Das Buch enthält eine einzige lange ›Moritat von den Saaltöchtern‹, singbar, vertonbar. Diese lange Ballade war der Ausgangspunkt. Sie erzählt die Geschichte von den Saaltöchtern, drei frivol-kecken Fabelwesen, die in Niederösterreich als Kellnerinnen arbeiten und sich nach Dienstschluss in die Lüfte erheben, um ihren Mitmenschen Streiche zu spielen. Dies bleibt solang ungeahndet, bis die Töchter die Veltliner-Ernte verderben, was das Bundesheer heraufbeschwört und zur Hinrichtung der Saaltöchter führt.

Jürgen Bulla. Foto: Volker Derlath

Jürgen Bulla. Foto: Volker Derlath

Die Saaltöchter-Legende ist die Verbalisierung von sieben Druckgraphiken des Künstlers Christoph Hessel, mit dem ich schon zwei andere Bücher gemacht habe, die eben diese Geschichte im Bild zeigen.

Da im letzten Abschnitt der Moritat die heilige Sophia erwähnt wird, machte der Verleger Matthias Klein den Vorschlag, um die Moritat herum einen längeren Prosatext zu schreiben, der sie nun einrahmt: das Leben der heiligen Sophia als Wiedergängerin durch die Zeiten. Die Saaltöchter sind nun Sophias Töchter Fides, Caritas und Spes. Auch die Göttin Sophia aus dem biblischen Buch der Sprichwörter, die dort als weibliche Inspirationsquelle der Schöpfung auftaucht (gewissermaßen eine Art ›heilige Geistin‹), tritt dort auf.

Das klingt wohl alles recht verwirrend, wird aber klar, wenn man das Buch liest.

Auch rate ich ab vom zwanghaften Interpretieren.

Sie haben ein sehr schülerfreundliches Schulbuch zur Lyrikrezeption in der Oberstufe veröffentlicht. Viele Jugendliche, die eigentlich an Texten, Lyrics, Songtexten usw. interessiert sind, fühlen sich durch den Umgang mit Gedichten im Gymnasialunterricht abgeschreckt. Hat ein Lehrer, der selbst Gedichte verfasst, eine sensiblere Herangehensweise, die aus der Praxis kommt?

Zur Lyrikvermittlung so viel: Ich versuche vor allem, den Schülern die Angst zu nehmen, ein Gedicht unter Umständen nicht verstehen zu können, indem ich erkläre, dass es da zunächst einmal nicht unbedingt etwas zu verstehen gibt. Außerdem, dass der individuelle Zugang sehr viel wichtiger ist, als nach einem Erwartungshorizont zu fahnden, sprich, man sollte sich nicht (wie man es wohl von anderen Fächern sehr gewohnt ist) überlegen, was der Lehrer über das bewusste Gedicht hören will, sondern in erster Linie sehen, was das Gedicht einem selbst sagt. Diese ersten Eindrücke sind dann weder richtig noch falsch und bieten womöglich einen Zugang.

Auch rate ich ab vom zwanghaften Interpretieren und rate dazu, die Aussagen des Gedichts erst einmal ganz wörtlich zu lesen und zu verstehen, ohne sofort auf eine symbolische oder Metaebene kommen zu müssen, die man eben nur erschließen kann, wenn die Grundaussagen richtig verstanden sind (was oft nicht der Fall ist, wenn die Interpretation des noch gar nicht Erfassten zu schnell einsetzt).

Grundsätzlich weise ich aber auch darauf hin, dass man Gedichte nicht beliebig interpretieren kann, denn, obwohl es zunächst kein Richtig oder Falsch gibt, es gibt im Text doch immer Hinweise in die eine oder andere Richtung, die manche Schlussfolgerungen einfach ausschließen. Oft ist es schwer, dies den Schülern zu vermitteln (O-Ton: »Sie haben doch gesagt, man kann das sehen, wie man will!« – »Nein, so habe ich das nicht gesagt.«). Abgesehen von den kognitiven Prozessen versuche ich natürlich auch das ästhetische Erleben von Gedichten zu fördern: Vortrag, Form, Klangliches, alles Inhaltliche erst einmal beiseitelassend.

Man soll in der Schule das Denken lernen, nicht das Nachbeten.

Sie haben mal formuliert: »Ein kritisches Bewusstsein auszubilden muss als oberstes Bildungsziel genannt werden, auch wenn der Weg dorthin in der Schule mit vielen notwendigen Regeln und Zwängen verbunden ist – ein scheinbarer Widerspruch, der sich jedoch […] im Laufe der Zeit auflöst.« Das »unangepasst Freidenkerische« etlicher Künstler scheint Ihnen sympathisch zu sein?

Naturgemäß, ja. Man soll in der Schule das Denken lernen, nicht das Nachbeten. Wenn man den Unterricht richtig angeht – soll heißen: die Schüler ihren eigenen Zugang finden lässt –, kann man in diese Richtung schon Einiges bewegen.

Was sagen Ihre Schüler dazu, dass sie einen dichtenden Lehrer haben, der auch Bücher schreibt?

Soweit sie davon wissen, interessiert sie das durchaus. Wenn sie gelegentlich mal einen Text von mir zu Gesicht bekommen, sind die Reaktionen sehr unterschiedlich: erstaunt, irritiert, ratlos, belustigt. Ich gehöre natürlich nicht zum schreibenden Mainstream. Das macht Lesern, die altersbedingt noch vergleichsweise ungeübt sind, den Umgang mit meinen Texten wohl oft schwer.

Lieber Jürgen Bulla, recht herzlichen Dank!
 

Jürgen Bulla und Christoph Hessel: Sophia und ihre Saaltöchter Jürgen Bulla und Christoph Hessel
Sophia und ihre Saaltöchter
 

Texte und Radierungen. Moritat. Hagiographie im Kontext (Lumen X)
scaneg-Verlag, München 2017
ISBN 978-3-89235-310-2


 

Franziska Röchter. Foto: Volker Derlath

Unser »Jubiläumsblog #25« wird Ihnen von Franziska Röchter präsentiert. Die deutsche Autorin mit österreichischen Wurzeln arbeitet in den Bereichen Poesie, Prosa und Kulturjournalismus. Daneben organisiert sie Lesungen und Veranstaltungen. Im Jahr 2012 gründete Röchter den chiliverlag in Verl (NRW). Von ihr erschienen mehrere Gedichtbände, u. a. »hummeln im hintern«. Ihr letzer Lyrikband mit dem Titel »am puls« erschien 2015 im Geest-Verlag. 2011 gewann sie den Lyrikpreis »Hochstadter Stier«. Sie war außerdem Finalistin bei diversen Poetry-Slams und ist im Vorstand der Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik. Franziska Röchter betreute bereits 2012 an dieser Stelle den Jubiläumsblog anlässlich des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« zum 20. Geburtstag von DAS GEDICHT.


Die »Internationale Jubiläumslesung mit 60 Poetinnen und Poeten« zur Premiere des 25. Jahrgangs von DAS GEDICHT (»Religion im Gedicht«) ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Mit Unterstützung der Stiftung Literaturhaus. Medienpartner: Bayern 2.

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