Jubiläumsblog. Ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT
Folge 8: Herzlichen Glückwunsch, SAID!

Seit 25 Jahren begleitet die Zeitschrift DAS GEDICHT kontinuierlich die Entwicklung der zeitgenössischen Lyrik. Bis heute ediert sie ihr Gründer und Verleger Anton G. Leitner mit wechselnden Mitherausgebern wie Friedrich Ani, Kerstin Hensel, Fitzgerald Kusz und Matthias Politycki. Am 25. Oktober 2017 lädt DAS GEDICHT zu einer öffentlichen Geburtstagslesung mit 60 Poeten aus vier Generationen und zwölf Nationen ins Literaturhaus München ein. In ihrer Porträtreihe stellt Jubiläumsbloggerin Franziska Röchter jeden Tag die Teilnehmer dieser Veranstaltung vor.

1965 kam SAID als Student nach München. Hier studierte er Politikwissenschaft. Nach dem Sturz des Schahs 1979 kehrte er für kurze Zeit in den Iran zurück. Die dort durch die Mullahs neu begründete Theokratie veranlasste ihn jedoch, wieder in das deutsche Exil zurückzukehren, wo er die deutsche Staatsangehörigkeit annahm. Seine Lyrik und Prosa verfasst er in deutscher Sprache, die er als seine »Behausung« begreift.

SAIDs Grundthemen sind die Liebe und das Exil. Mehrfach wurde er sowohl für sein schriftstellerisches Werk als auch für sein Engagement für politisch Verfolgte ausgezeichnet, zuletzt mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande (2014), dem Friedrich-Rückert-Preis (2016) und dem Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur (2017). SAID ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

Der iranisch-deutsche Lyriker SAID setzt sich in seinen Versen immer wieder mit spirituellen Fragestellungen auseinander. Wie nahe beieinander Politik und Religion dabei häufig liegen, beleuchtet nicht zuletzt sein Gedichtband »Psalmen«. Für sein Engagement wird ihm am 10. September 2017 der Alfred-Müller-Felsenburg-Preis 2017 für aufrechte Literatur verliehen.

»denn nur wer an dir zweifelt / sucht dich«, heißt es in SAIDs Band »Psalmen« (Verlag C. H. Beck, München 4. Aufl. 2016 / 1. Aufl. 2007), in dem der seit 1965 im deutschen Exil lebende iranische Dichter dieser uralten Form des Gebets auf der Suche nach einer unkonventionellen Spiritualität neues Leben einhaucht. Seine »Psalmen« wurde auch als Audiobook (Verlag Sankt Michaelsbund, München 2010) veröffentlicht. Darauf liest SAID, begleitet von Till Martins einfühlsamen Saxophon-Interludes, eine Auswahl seiner glaubensstarken Texte. Die unverwechselbare Stimme des Dichters lässt die gesprochenen Worte geheimnisvoll klingen und verleiht ihnen einen meditativen Charakter, der gleichzeitig spirituell und konfessionsungebunden ist.

In einem weiteren »Psalm« gesteht das lyrische Ich, »den anspruch der einzigartigkeit aufgegeben zu haben«: der »herr« möge alle seine Namen verraten, »du kannst alles anbeten neben mir«. In der Abkehr vom dogmatischen Alleinherrschafts- und Machtanspruch einzelner Religionen klingt die Bitte durch, das Gespräch, den Dialog wiederaufzunehmen – trotz aller Kriegswirren und historischen Belastungen.

An anderer Stelle konkretisiert sich SAIDs politischer Anspruch und sein Engagement: »und nimm die flüchtlinge auf / weil jede flucht in deinem auge endet«. Seine Psalmen handeln von den Katastrophen und Konflikten der Geschichte, von der Sprache der Gegenwart, von den Nöten des Alltags, von Lust und Sehnsucht und der Angst vor dem Tod.

Der Religions- und Politikwissenschaftler und ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier schreibt in seinem Nachwort zum Gedichtband »Psalmen«, gerade der Dichter SAID sei »legitimiert, eine Brücke zu schlagen zwischen Kulturen und Sprachen, Religionen und Gottesbildern«. Denn obwohl er schon seit Jahrzehnten in der europäischen Welt lebe, bliebe die islamische Welt seiner Kindheit Teil seines Gedächtnisses und ließe ihn nicht los.

In einem Interview, das SAID vor knapp sieben Jahren auf Qantara.de gegeben hat, spricht er sich gegen die unscharfe Verwendung von Begriffen wie »Islam« aus, weil diese dazu führe, dass der politische Islam vom Islam als Religion nicht getrennt wahrgenommen werde. SAID gestand, dass er selbst zwar keine Religion ausübe, jeder Mensch aber etwas Vergleichbares brauche, ob man es nun »Spiritualität, Religiosität oder wie Max Weber ›religiöse Musikalität‹« nenne.

SAID. Foto: DAS GEDICHT

SAID. Foto: DAS GEDICHT

Der Name SAID bedeutet »Der Glückliche«. Dieser Name mag passend erscheinen, immerhin hat er in Deutschland zumindest eine sprachliche und literarische Heimat gefunden. Seine lyrischen Themen aber sind oft Heimatlosigkeit, Exil, Einsamkeit. Allerdings spielt auch die Liebe eine große Rolle. Und die Suche danach. Sein aktueller Gedichtband trägt deshalb bezeichnenderweise den Titel »auf der suche nach dem licht« (Buchverlag Peter Hellmund, Würzburg 2016).

Im Oktober wird SAID in München auf dem Marienplatz um 16 Uhr zusammen mit vielen anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten von »25 Jahre DAS GEDICHT« öffentlich auf einer Kooperationsveranstaltung mit Amnesty International für die Menschenrechte lesen. Am Abend des gleichen Tages wird er auch noch bei der großen Gala-Lesung zum 25. Geburtstag der Zeitschrift DAS GEDICHT im Literaturhaus München (Beginn: 19 Uhr) auftreten.

Gut anderthalb Monate vor den Lesungen rund um das GEDICHT-Jubiläum wird dem Dichter SAID, der im Mai diesen Jahres seinen 70. Geburtstag feierte, am Sonntag, den 10. September 2017, im Nicolaihaus in Unna im Rahmen des »[lila we:]-Literaturfestivals hier! (literaturland westfalen)«, das sich vom 26.08. bis 30.09.2017 mit Veranstaltungen über ganz Westfalen erstreckt, der Alfred-Müller-Felsenburg-Preis 2017 für aufrechte Literatur verliehen. Dieser Preis wird an Literaten vergeben, deren Werk durch Aufrichtigkeit und Zivilcourage besticht.
Am Vormittag liest er in der Evangelischen Stadtkirche am Kirchplatz 1 in Unna aus seinen »Psalmen«.

Das gesamte Team von DAS GEDICHT blog gratuliert SAID herzlich zu dieser Auszeichnung!
 

SAID
Psalmen
 

Verlag C. H. Beck, München 2016 (4. Aufl.)
112 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-406-69482-0


 

Franziska Röchter. Foto: Volker Derlath

Unser »Jubiläumsblog #25« wird Ihnen von Franziska Röchter präsentiert. Die deutsche Autorin mit österreichischen Wurzeln arbeitet in den Bereichen Poesie, Prosa und Kulturjournalismus. Daneben organisiert sie Lesungen und Veranstaltungen. Im Jahr 2012 gründete Röchter den chiliverlag in Verl (NRW). Von ihr erschienen mehrere Gedichtbände, u. a. »hummeln im hintern«. Ihr letzer Lyrikband mit dem Titel »am puls« erschien 2015 im Geest-Verlag. 2011 gewann sie den Lyrikpreis »Hochstadter Stier«. Sie war außerdem Finalistin bei diversen Poetry-Slams und ist im Vorstand der Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik. Franziska Röchter betreute bereits 2012 an dieser Stelle den Jubiläumsblog anlässlich des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« zum 20. Geburtstag von DAS GEDICHT.


Die »Internationale Jubiläumslesung mit 60 Poetinnen und Poeten« zur Premiere des 25. Jahrgangs von DAS GEDICHT (»Religion im Gedicht«) ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Mit Unterstützung der Stiftung Literaturhaus. Medienpartner: Bayern 2.

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